Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

(M)Ein Plädoyer für mehr Haltung im Coaching

Von | 2017-06-25T13:37:20+00:00 24. Juni 2017|

Haben Sie Haltung? Ich meine Haltung, nicht Meinung. Das wird oft verwechselt. Haltung ist für mich wie das Rückgrat. Sie richtet einen aus. Sie bestimmt, wie wir etwas bewerten. Sie hat also mit Werten zu tun – klar: be-werten. Doch beim Begriff Werte reagiere ich in letzter Zeit immer öfter allergisch, da ich allgemeinen Wertemissbrauch erkenne. In Unternehmen werden Werte runtergebetet, doch nicht gelebt. Menschen behaupten Werte zu haben, die sich in ihrem Verhalten aber nicht spiegeln.  Ich vermute, es liegt genau daran: Es gibt zu wenig Haltung. Die Leute gehen krumm.

Was ist Haltung?

Ja, was? Diese Woche war ich auf einer spannenden Veranstaltung zu diesem Thema, organisiert von Sascha Adam – ein tolles Format. Es waren sechs verschiedene Redner da, darunter Katja Suding und Christian Bennefeld von Etracker, der nun Eblocker gegründet hat – also sowas wie die Antithese seiner ersten Geschäftsidee. Das ist mal ne Haltung. Eine die, sagt er, damit zu tun hat, dass er sich die Privatsphäre nicht abgoogeln lässt. Und sich das für andere auch nicht wünscht.

Bei fast allen Rednern kam raus, was Haltung eigentlich ausmacht: Die Ableitung eigenen Denkens und Handelns auf der Basis von Grundannahmen über die Welt, Bildung, das Leben, die Menschen usw. Wer Haltung zeigt, hat immer solche Grundannahmen. Und: Er hat Prinzipien, die sich aus den Grundannahmen ableiten und Werte konkretisieren. In unseren Ausbildungen erkläre ich Werte als Richtungsweisend für Handlungsimpulse. Nehmen wir das Kolumnen-Thema von letzter Woche, die Selbstführung, dann können Werte also führen. Sie bestimmen die Richtung von Bewegung, auch wenn keiner da ist, der das kontrolliert. Das sagt eine Menge aus über Führung ohne formale Führung.

Haltung braucht Grundannahmen

Werte, das ist mein persönliches Fazit aus der Arbeit mit vielen unterschiedlichen Menschen und Firmen, funktionieren nicht ohne Grundannahmen. Das erklärt auch, warum einer der Vorträge auch Haltung und Meinung durcheinander wirbelte. Es fehlte einfach die Grundannahme. Eine Grundannahme ist für mich sowas wie ein Basisverständnis von der Welt, eine Art Ur-Interpretation des SEINS. Meinung allein ist ein ziemlich wackliges Konstrukt. Meinung sagt nichts, außer dass jemand eine hat. Worauf sie basiert? Es können auch alternative Fakten sein. Es kann auch sture Rechthaberei sein. Dann ist es keine Haltung.

Fehlende Grundannahmen

Ich beobachte leider immer öfter fehlende Grundannahmen in meiner Branche. Das beunruhigt mich, denn es macht die Menschen anfällig. Sie lassen sich Dinge aufschwatzen. Sie differenzieren nicht oder zu wenig. Sie können sich auch keine eigene Meinung bilden. Wie ich es drehe und wende, es ist immer die Grundannahme, die fehlt. Simples Beispiel: Im Moment werde ich mit unglaublich vielen Mails von Reiss, Luxx und wie sie alle heißen bombardiert. Ich nehme wahr: Da balgen sich eine Reihe von Leuten um den lukrativen Marktanteil der Reiss Profile. Ich habe mit einigen Kollegen gesprochen, die auf Veranstaltungen dieser Motivprofil-Protagonisten waren. Und ich höre heraus, dass dort ein gewisser Clubcharakter erzeugt wird: „Bei uns gehört du dazu. Wir machen ganz viel. Wir wollen dich binden.“ Welche Haltung steht dahinter? Ist es eine Haltung?

Es geht ja nicht um Sonnenurlaub, sondern um ein Produkt, das Menschen erheblich beeinflussen kann, gerade instabile Menschen. Wenn Coaches sich an Zugehörigkeit zu irgendwelchen Clubs ausrichten, dann verlieren sie ihre Unabhängigkeit. Sie sehen nicht mehr, dass n=1001 immer noch eine verdammte kleine Fallzahl ist. Sie werden Argumente finden, immer – aber Haltung? Möglicherweise verkaufen sie jedem das gleiche, irgendwann nicht mehr nur um Geld zu verdienen, sondern weil man Teil einer Gemeinschaft ist. Das eigene Produkt wird auch als wahr und richtig dargestellt, man ist ja mit Argumenten gefüttert worden, weniger mit Informationen zur Haltungsbildung. Richtig-Falsch-Denken ist dem Job des Beraters nicht angemessen, jedenfalls nicht wenn keine echte Haltung zu einem Richtig oder Falsch, gut/weniger gut oder allgemein zu einer Bewertung führt.

Dieses Richtig-Falsch-Denken scheint extrem verbreitet. Eine Ableitung daraus ist das „du bist wie du bist-Denken“, also das fixed mindset-Thema. Bei denen die mit rot, grün, gelb, blau agieren, ihr wisst was ich meine, ist das sozusagen Standard. Insofern hängt Haltung auch mit dem Mind-Set zusammen, also der Einstellung des Denkens, der Logik, mit der man etwas wahrnimmt oder ausblendet, sieht oder nicht sieht und natürlich auch analysiert, interpretiert und bewertet.

Meins ist richtig, deins falsch oder nicht ganz richtig, ist sehr verbreitet. Mir begegnete jemand, der irgendeine Ausbildung macht, wo es um das derzeit total trendige Ahnen-Thema geht. Da wird dann suggeriert, man müsse sich mit seinen Ahnen aussöhnen, erst dann käme man in Balance. Das erinnert mich an die 1980er. Da haben wir Wände angeschrien, für die innere Freiheit und familiären Ballast loszuwerden, dieses Urschrei-Ding. Stellte sich als heilsam für den Moment, aber wissenschaftlich gesehen entsetzlicher Bullshit heraus. Ob Urschrei, Ahnen oder was-auch-immer: Man muss sich mit niemand aussöhnen, und man muss sich damit auch nicht beschäftigen. Viele Wege führen zum eigenen Rom, alle zu seiner Zeit. Aber niemand hat einen gepachtet. Auch die Wissenschaft nicht. Die Praxis nicht. Der Zen-Buddhismus. Die alten Griechen. Egal. Deshalb bliebe ich auch bei n=7.000 kritisch.

Ein paar Grundannahmen

Und damit kommen wir zu meinen Grundannahmen: Ich bin überzeugt, dass wir uns am Menschen ausrichten müssen, dem wir dienen. Niemals an einem Tool. Ich bin sicher, dass es unendlich viele mögliche Zugänge zum selben Thema gibt und manch einer passt in einer bestimmten Situation besser zu einem Klienten als ein anderer. Hier moderierende Entscheidungshilfe zu bieten, das sehe ich als eigentliche Aufgabe von Coachs und nicht die „das-gleiche-Tool-für-alle“-Brechstange.

Ich bin sicher, dass EIN Weg zum Verständnis der Welt über die Kenntnis zugrunde liegender Theorien und Praxiserfahrung zugleich führt – das könnte man Bildung nennen. Dazu zählt die Pflicht, eigene Annahmen immer mal wieder zu aktualisieren, ein Update aufzuspielen. So gehört zu dieser Grundannahme, dass diese niemals in Stein gemeißelt ist. Ein „früher habe ich das so gesehen und heute ist etwas Entscheidendes dazugekommen“ ist eine Aussage, die von Stärke zeugt und nicht von Schwäche.

Wie sehen Sie das? Haben Sie Haltung? Was ist Haltung für Sie?

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

7 Kommentare

  1. Barbara Mussil 29. Juni 2017 at 14:40 - Antwort

    Sehr geehrte Frau Hofert!
    Ihre Kolumne zu lesen bereitet mir immer Vergnügen.
    Ich finde Ihre Ausführungen zu „Haltung & Meinung“ sehr treffend. Ob ich selbst eine Meinung in einer Sache habe, oder Gesagtes & Handlungen Ausdruck meiner Haltung sind, erkenne ich übrigens für mich besonders rasch bei der „Erziehungsarbeit“ an meinem Kind ( 7 Jahre) …. gewisse Themen und Anliegen kann ich nur glaubwürdig vermitteln und ggf. nachhaltig durchsetzen, weil ich sie verinnerlicht habe ???? .
    Noch einen schönen Tag & ich freue mich auf Ihren nächsten Beitrag.
    Mit besten Grüßen,
    Barbara Mussil

  2. Sandro Wicht 2. Juli 2017 at 14:36 - Antwort

    Liebe Frau Hofert

    Für ihre Beitrag ein Danke.

    Wenn ich einen kleinen Wunsch frei haben würde, wollte ich mir gern ein klein wenig mehr Augehöhe wünschen. Lesen tue ich gern weiter.

    Danke und Grüsse
    S Wicht

    • Svenja Hofert 2. Juli 2017 at 18:49 - Antwort

      Sie haben einen Wunsch frei, wenn Sie das mit der Augenhöhe konkretisieren würden, damit ich verstehe, was Sie meinen. herziche Grüße Svenja Hofert

  3. Hubert Schlipfenbacher 2. Juli 2017 at 14:46 - Antwort

    Trifft..leider genau.
    Warum habe ich immer öfter das Gefühl, dass die Leute, die einen solchen Artikel lesen sollten..genau dies nicht tun.
    Bewusst ?
    Trotzdem weiter so, UND..ansprechen wenn sich die Gelegenheit ergibt.
    Gruß
    Schlipfenbacher

  4. Thomas Wrage 23. Juli 2017 at 16:10 - Antwort

    Spannender Artikel. Gefällt mir diese Einstellung. Genau dies ist es was das agile Mindset ausmacht. Agilität basiert auf einem positiven Menschenbild. Genau dies macht es aber so schwer anderen Menschen Agilität näher zu bringen. Das Arbeiten nach Scrum verändert eben nicht den Menschen – erst die Reflexion und letztlich die Veränderung der eigen Sichten (auf Welt, Unternehmen, Führung etc.) kann dies erreichen

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