Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Karriere-Sinnkrisen: Wenn alles plötzlich anders ist

Von | 2017-07-07T08:39:15+00:00 7. Juli 2017|

Krisen bedeuten oft Neubeginn. Sie leiten Veränderungen ein, denen sich kaum jemand sonst freiwillig stellen würde. Innere Veränderungsprozesse folgen den äußeren – oder umgekehrt. So oder so herum: Krisen kündigen sich meist dann an, wenn das bisherige Leben nicht mehr zu passen scheint oder irgendetwas ein Zeichen setzt – so ungerecht dieses sein mag.

Ich vermittle in meiner Karriereexperten-Weiterbildung ein Lebensphasenmodell mit Lebensphasen-spezifischen Fragestellungen. Die Entreephase ist gekennzeichnet vom Streben, berufliche Identität zu finden, die Karrierephase durch die Suche nach deren Festigung, sei es in der Karriere im klassischen Sinn oder der Selbstverwirklichung. Die Neuorientierungsphase prägt der Wunsch nach Befreiung, etwa von den Prägungen des Elternhauses oder allzu großer beruflicher Anpassung und Anerkennungssuche. In der Sinnphase stehen existenzielle Themen auf der Tagesordnung. Karrierecoaching ist in jeder dieser Phasen höchst unterschiedlich, in den ersten beiden Phasen beratungsorientierter, in den weiteren ganzheitlicher, gar philosophisch.

Sinnkrisen fallen in die Neuorientierungsphase oder die Sinnphase bzw. leiten diese ein. In der Neuorientierungsphase ist das zentrale Streben, den ureigenen Wünschen und Wollen näherzukommen – dem, was unter den Schichten familiärer und sozialer Prägungen liegt. In der Sinnphase kommen existenzielle Fragen dazu. Im Coaching erfordert das unterschiedliche Herangehensweisen von pragmatischer Orientierungshilfe bis hin zu philosophischem Sparring. Im Folgenden beschreibe ich drei typische Karriere-Sinnkrisen und hilfreiche Herangehensweisen.

1.) Trennung mit anschließender Neuerfindung

Scheidungen können ziemlich dreckig und respektlos abgewickelt werden. Ich habe einige indirekt mitbekommen, da wurde es zur regelrechten Schlammschlacht. Erst recht, wenn viel Geld im Spiel ist. Und die Normalkonstellation ist immer noch gut situierter Mann gründet mit einer Frau eine Familie, die fortan zurücksteht. Und dann geht es um die Sicherung des „gerechten“ Anteils von Heim und Hof. Der Mann, mit dem man Jahre verbracht hat, entpuppt sich als fieser Egoist, der seine Pfründe für die neue Freundin in Sicherheit bringt, was bei Selbstständigen einigermaßen leicht ist.  Aber auch ohne viel Geld sind Trennungen ungemütlich. Sie lassen einen aufwachen. Plötzlich merken viele, dass sie wenig über die Zukunft nachgedacht haben. Und sich jetzt neu erfinden müssen.

Ich erzähle dann gerne die Geschichte vom anderen Karriere-Extrem. Von Menschen, Frauen und Männern, die alles durchgeplant haben und ihre Karriere akribisch geplant. Sie kommen im gleichen Alter an einen ähnlichen Punkt. Dann haben sie nämlich alles erreicht und merken die Leere. Das andere Extrem möchte sich dann ebenso völlig drehen – nur in die andere Richtung. Wo bisher Planung war, soll nun ein freier Raum entstehen. Man denkt an alternative Berufe und Lebensformen. Oft ist dem Ganzen ein Burnout vorausgegangen. Es liegt die strukturell die gleiche Lebensentscheidung zugrunde: Karriere machen heißt links herum, zurückfahren für die Familie rechtsherum. Doch am Ende kommen beide am gleichen Punkt wieder an. Und nun wird es wieder heißen: Die einen links, die anderen rechts.

Nicht selten  kommen dann unaufgelöste Themen auf und Schatten aus der Vergangenheit zeigen sich. Es kann z.B. sein, dass man die Berufspläne der Eltern erfüllt hat, nicht jedoch die eigenen. Viele erkennen auch, dass sie Anerkennung bei anderen suchten, sich diese aber selbst geben müssten. Grenzziehung kann ein wichtiges Thema werden, damit einher geht die Suche nach mehr Balance im Leben.

Wer in dieser Situation ist, sollte in sich hineinhören, welche Art von Hilfe jetzt sinnvoll ist. Manchmal muss man seinen Computer einfach eine Zeit runterfahren und ausstellen, bevor man wieder Neues aufnehmen kann.

2.) Die Krankheit, die existenzielle Fragen aufwirft

Wenn wir selbst oder nahe Personen krank werden, so wirft das oft ganz neue Fragen nach dem Sinn des Lebens auf – und die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden steigt nun Mal mit dem Alter. Dennoch blenden viele diese Möglichkeit aus. Ist es dann passiert, baut sich die Tür mit dem übergroßen Wort „Sinn“ ziemlich sicher vor einem auf. Wofür lebe ich? Was gebe ich dieser Welt? Was ist der Sinn meiner Existenz in dieser Welt, in der ich kleiner bin als das kleinste Pixel? Manche flüchten hier in die Esoterik, in das Reich der Pendel und Scharlatane und der Versprechen, die alles leicht erscheinen lassen. Diese Fluchtrichtung wird natürlich nicht nur eingeschlagen, wenn jemand krank geworden ist, sie wird generell bei Sinnkrisen gern genommen.

Hier geht es oft weniger um die Schatten der Vergangenheit, die es aufzulösen gilt, als vielmehr um die Suche nach Halt. Dieser Halt kann die Familie und das soziale Umfeld bieten. Sich daraus ergebende Fragestellungen passen ins Karrierecoaching, wenn bisher der Beruf Identitätsstiftend war.  Ansonsten tangieren sie seelsorgerische Fragestellungen und verlangen ganz sicher mehr als eine Business Coach-Ausbildung.

Der pragmatische Teil ist dann aber wieder im Karriereumfeld angedockt: Wie fasse ich trotz oder nach einer Krankheit wieder Fuß? Welcher Job ermöglicht mir meinem eigenen Tempo und Möglichkeiten entsprechend zu arbeiten?

3.) Die Begegnung mit dem anderen Denken

Ja, auch das kann Sinnkrisen auslösen. Ich sage immer, dass jedes Firmenfinanzierte Business Coaching ein Risiko ist: Der Coachee könnte auf neue Gedanken kommen und diese könnten zu einem Umbruch führen. Meist ist die Saat dabei schon gelegt, möglicherweise geht sie beim Coach erst auf. Firmen sind naiv, wenn sie glauben, sie könnten rein auf Leistungssteigerung coachen oder „betriebliches Gesundheitsmanagement“ einführen ohne grundsätzliche Fragestellungen zu berühren und Paradoxien sichtbar zu machen, etwa zwischen Abhängigkeit vom Arbeitgeber und der Forderung nach Selbstverantwortung.

Die Begegnung mit neuem Denken kann auch auf anderem Wege erfolgen, durch neue Freunde, Weiterbildungen, andere Aktivitäten und sogar Bücher und Blogs. Plötzlich liest man etwas, das das Weltbild relativiert oder sogar verschiebt. Plötzlich stellt jemand eine Frage, über die man noch nie nachgedacht hat. Ja, man kann berufsbezogen coachen, aber den Blick über den Tellerrand kaum vermeiden. Wenn man dadurch entdeckt, dass der Tellerrand nicht überbrückbar ist und man selbst am Ende mehr „Neuland“ sieht als alle anderen, kann das die Kündigung bedeuten.

Meinen Karriereexperten rate ich vor der Beratung Wortstämme zu vervollständigen:

  • Karriere…
  • Sinn…
  • Führung… (bei Führungspersonen)

Die Antworten zeigen oft offenes (verschiedene Interpretationen und Sichtweisen sind integriert, es gibt das eine oder andere) oder eingegrenztes Denken (die Begriffe werden einseitig interpretiert und absolut gefüllt, „es ist so“). Vor allem aber zeigen sie ein individuelles Verständnis an. Sie sind auch eine Basis für die weitere Vorgehensweise. Ob beispielsweise Sinnfragen ins Coaching einfließen sollten, muss der Coachee entscheiden. Bei den hier angesprochenen Sinnkrisen ist das fast unumgänglich.

Buchemfehlung

Zu diesem Thema möchte ich Björn Migges „Sinnorientiertes Coaching“ wärmstens empfehlen. Ich bin der Meinung, dass Psychologie und Philosophie näher beieinanderliegen als das die wissenschaftliche Psychologie sehen möchte – und denke zu vielen Fragestellungen bieten philosophische Ansätze einen mindestens ebenso guten Zugang wie systemische.

Es ist ein sehr dichtes und informatives Buch, das ein unglaublich tiefes und breites Wissen des Autors zeigt. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich und behandelt alle nur denkbaren Themen. Man darf allerdings keine klare Führung erwarten: Der Autor lässt alles offen bzw. überlässt das Schlüsse-Ziehen und Haltung-Entwickeln dem Leser. Es handelt sich deshalb um ein darstellendes Werk, das mit vielen sehr guten Fragen auch den Coach selbst zum Nachdenken anregt. Die Literaturhinweise sind eine unvergleichliche Fundgrube.

 

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

2 Kommentare

  1. Sladjan Lazic 17. Juli 2017 at 15:53 - Antwort

    Danke für den tollen Artikel.

    Für mich war eine Lebens- oder Berufskrise jedes Mal die Zeit, in der etwas Neues entstanden ist. Nur wenn die Dinge monoton ablaufen und quasi alles „in Ordnung“ ist, findet wenig Entwicklung statt. Was nicht heißt, dass man ständig in Krisen leben sollte.

    Man kann sich selbst auch so mal in der Allerwertesten treten und seinem Leben neuen Schwung zu geben.

    Viele Grüße
    Sladjan Lazic

  2. Christine Radomsky 3. August 2017 at 19:33 - Antwort

    Spannender Artikel, vielen Dank. Ihr berufliches Lebenphasenmodell passt dazu, was ich mit eigenen Krisen und denen meiner lebenserfahrenen Klienten erlebt habe. Neben der zweiten Neuorientierungsphase mit verstärkter Sinnsuche begegnet mir im Coaching immer öfter eine dritte Neuorientierungsphase. Gerade beruflich engagierte Menschen Ende 50, Anfang 60 fragen sich, wie sie die nächsten Jahre und Jahrzehnte so gestalten, dass sie neuen Sinn finden und etwas zur Gesellschaft beitragen, das die eigene Existenz überdauert.
    Viele Grüße
    Christine Radomsky

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