Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum nicht die Besten, sondern die Gleichsten Karriere machen

Von | 2017-10-29T11:58:26+00:00 27. Oktober 2017|

Was ist Ihr Bildungshintergrund – und welchen haben die Kollegen? Wo haben Sie studiert oder gelernt, wo die anderen in ihrer „Peer-Group“? Sind die Führungskräfte in Ihrem Unternehmen sehr unterschiedlich – oder gleichen sie sich bei genauer Betrachtung, wenn nicht optisch, so doch psychologisch? Willkommen in der normalen Welt der Ungleichheit, in der nicht die besten, sondern oft die gleichsten Karriere machen.

Und jetzt frage ich Sie: Könnte es sein, dass auch Sie selbst dazu beitragen, das Unterschiede bestehen bleiben? Nicht sofort abwinken – vieles ist uns einfach gar nicht bewusst.

5 kleine Denkanstöße:

  1. Wer ist eher Vorbild für Sie? Ist es eher jemand, der sein eigenes Ding macht und durchzieht oder ein Mensch, der sich anpasst und das eigene Wohl den anderen unterordnet? Ich meinerseits bin in diesem Punkt voll ertappt – als Produkt einer individualistischen Kultur, in der deutschen Mittelschicht sozialisiert, amerikanisch beeinflusst, bin ich in meinem ersten Impuls oft auf der Mein-Ding-Seite. Doch die spiegelt keine Wahrheit, sondern Prägung. Wenn Sie Führungskraft oder Coach sind, wie wirkt sich Ihre Prägung auf Ihr Denken und Handeln aus? Angenommen, Sie würden die erkannte Präferenz beobachten und in der täglichen Arbeit kontrollieren, was wäre anders als jetzt?
  2. Was bewerten Sie höher? Finden Sie es gut, wenn Menschen sich durchsetzen? Ist Selbstbewusstsein für Sie erstrebenswert? Willkommen auf der maskulinen Seite der Welt (die übrigens wunderbar von Frauen gelebt werden kann, denn sie ist keineswegs unbedingt geschlechtsspezifisch). Auf der maskulinen Seite werden Führungskarrieren gemacht. Und genau hier entsteht der (hinterfragenswerte) Eindruck, dass wir zu wenig für Führung geeignete Frauen haben. Angenommen Sie würden die andere Seite – Sich-Selbst-Infragestellen und Kompromisse machen – höher bewerten, was wäre dann anders als jetzt?
  3. Auf Basis welcher Kriterien machen Sie sich ein Bild? Im Vorstellungsgespräch sagt der Bewerber, dass er sich nicht sicher ist, wie er einen Fakt einschätzen soll, obwohl er doch vom Fach sein soll. Ist er dadurch bei Ihnen durchgefallen? Kommt er jetzt als Führungskraft noch in Frage? Was denken Sie – und warum denken Sie es so, wie Sie es denken?
  4. Was ist für Sie richtig/optimal/effektiv oder zielführend? Ein Bewerber löst eine Case Study ganz anders als das Muster es vorgegeben hat. Könnte es sein, dass die Musterlösung das Problem ist und nicht der Ansatz des Bewerbers, z.B. weil diese Musterlösung aus einem bestimmten Denken heraus geschrieben ist? Wenn Sie nicht denken, dass auch eine Lösung das Problem sein kann, was lässt Sie so sicher sein?
  5. Wie treffen Sie Ihr Urteil über andere Menschen? Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl? Stellen Sie sich vor, es würde laufend gefüttert mit falschen Informationen. Welche Informationen sind das? Und wie sähen Informationen aus, die Ihrem Bauchgefühl widersprechen?

Ich könnte die Liste noch beliebig ergänzen, aber will Ihnen Raum geben, sich selbst mit weiteren Gedanken zu entfalten. Was führt uns alles sonst noch in die Irre? Wo müssen wir uns selbst hinterfragen? Und wie bilden wir uns eine wirklich gute Meinung?  Oder so gesagt: Wie stellen wir sicher, dass die Besten Karriere machen und nicht die „gleichsten“?

Zur Headline dieses Artikels und zu den Denkanstößen  hat mich das sehr empfehlenswerte Buch „Mit Vielfalt und Fairness um Erfolg“ von Veronika Hucke angeregt. Hucke war Diversity-Verantwortliche bei Philips und berät mit ihrem Unternehmen D&I Strategy Unternehmen. Das Buch ist wirklich sehr detailreich und dicht und enthält eine Fülle von Hintergrundinfos sowie praktische Anleitungen. Das ist selten in einer Zeit, in der viele Experten vor allem sich selbst verkaufen. Ich empfehle es nicht nur für HRlr und Diversity-Verantwortlichen, sondern auch Führungskräften, die sich selbst und die eigene Wahrnehmung hinterfragen wollen.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

2 Kommentare

  1. Alexander Gerber 3. November 2017 at 05:04 - Antwort

    Hallo Svenja,

    ich habe mich von der sachlichen, der projektbezogenen Seite dem Problemfeld genähert.

    – Warum wird nicht das Gute und Richtige umgesetzt, sondern das Bekannte und Vertraute?
    – Warum wird sich so lange in die Tasche gelogen, bis keiner mehr nachfragt?
    – Warum nimmt die Identifikationskraft von Projekten mit zunehmenden Budgetgrößen für den einzelnen Projektmitarbeiter in exponentiellem Maße ab?

    Für die sachlich-inhaltliche Seite der Situation habe ich das up2U-Protokoll formuliert.
    Für den persönlichen Anteil zum Gelingen muss jeder selbst sorgen.
    Der erste Schritt auf dem Weg in die Komplexität ist das Herstellen von Augenhöhe …

    U’r welcome

  2. Sladjan Lazic 7. November 2017 at 17:40 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,

    der Blog in ganz neuem Design, das finde ich echt gut und ansprechend.

    Der Mensch und seine Gedanken- und Gefühlswelt ist wohl das komplexeste und widersprüchlichste Wesen im ganzen Universum – abgesehen vom Universum selbst.

    Während wir die Gleichstellung vorantreiben, sorgen wir dafür, dass die Ungleichstellung aufrechterhalten bleibt. Wir verringern die Armut und erhöhen den Wohlstand auf dem Planeten, gleichzeitig nehmen wir uns durch Überbevölkerung den Lebensraum weg. Wir schaffen Friedensinitiativen, beenden Kriege und Konflikte und produzieren gleichzeitig mehr Waffensysteme und reifen diese technologisch aus.

    Warum nicht die Besten, sondern die Gleichsten Karriere machen?

    Ich würde sagen, es ist einfach der unvervollkommene menschliche Faktor. Ein Beispiel: Ein Personaler bekommt eine (hervorragend zusammengestellte) Bewerbung per E-Mail von einer Top-Kraft. Es passt alles, die fachlichen Anforderungen sowie das persönliche Erscheinungsbild. Doch aus irgendeinem Grund sortiert der Personaler nach einigen Minuten oder gar Sekunden die Bewerbung aus. Zack und weg.

    Jetzt kommt ein Kollege aus der Personalabteilug und empfiehlt genau diese Top-Kraft persönlich. Der Bewerber wird eingeladen, überzeugt und wird eingestellt.

    Die gleiche Person, das gleiche Zeil, aber zwei vollkommen unterschiedliche Ergebnisse.

    Viele Grüße
    Sladjan Lazic

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