Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum die Familiengeschichte entscheidende Hinweise auf unsere Stärken und Lebensrollen gibt

Von | 2017-11-05T12:20:29+00:00 5. November 2017|

Dm-Gründer Götz Werner hat mit seinen Drogeriemärkten eine alte Familientradition weitergeführt. Und entscheidend entwickelt und transformiert!

Wo ich auch hinschaue: Es sind die vorherigen Generationen, die den Takt und die Themen vorgeben, die Bildungsweg und Karrieren bestimmen – und auch das Wahrnehmen und Erleben von Stärken. Wie überrascht war eine Gruppe von naturwissenschaftlich geprägten Postdocs, als sie meine Lockerheit, Flexibilität, Spontanität und vor allem auch Fehlertoleranz – den Ursprung von Experimentierfreude – erlebten. Kann man, darf man so sein wie diese Frau? Ist das wirklich eine Stärke?

In ihrem Weltbild war das „So-sein“ bisher nicht verankert. Da war Fleiß, Anpassung und Gutsein-Wollen die „Stärke“. Wenn man darüber in die Diskussion kommt und einbezieht, was der Quell solcher Wahrnehmungen ist – nämlich die eigene familiäre und Peergroup-Prägung -, ist viel erreicht.  Es würde auch der allzu dogmatisch geführten und von blinden Flecken auf allen Seiten geprägten New-Work- und Agilitätsdiskussion helfen, mehr in die Mitte zu kommen. Und zu dem eigentlich Entwicklungs-treibenden Gedanken zurückzukehren: Den Gedanken suchen, der der Entwicklung weiterhilft, und nicht die Position, die richtig oder falsch ist.

Die Einbeziehung des familiären Hintergrunds wird gerne und in Teilen – auch zurecht – medial verdammt. Bildungschancen müssen gleich sein, gar keine Frage. Ich möchte mit diesem Beitrag aber einen anderen Akzent auf das Thema setzen und fragen: Liegt in der Historie der Familie nicht auch Identität? Ist es deshalb nicht unglaublich und zentral wichtig, sich bei der Berufs- und der Selbstfindung damit zu beschäftigen?

Neuorientierung heißt oft: Zurück zu den Wurzeln – oder diese endlich abschneiden

Wir erleben, dass viele Menschen im Alter von 40, 50 Jahren zu ihren Wurzeln zurückkehren. Sie suchen Heimat, auch regional. Sie fahnden nach beruflicher Identität. Viele, die als erste in der Familie studiert haben, streben zurück nach Einfachheit, vielleicht dem Handwerk. „Es war so schön, meinem Opa zuzusehen, wenn er in seiner Werkstatt arbeitete“, ist so ein Satz, der in mir nachhallt. Nur eines von hundert Arbeiterkindern promoviert, aber zehn von hundert Akademikern. Und wenn dieses eine in einer späteren Lebensphase vielleicht seinen Doktortitel beiseite legt, um eine Werkstatt zu übernehmen, was eigentlich weit unter dem Bildungsniveau liegt?

Wir schauen zunächst fast pikiert auf solche Entscheidungen Wie kann jemand seinen Abschluss so „wegwerfen“? Aber schadet die erworbene Bildung? Sicher nicht. Man muss das, was man gelernt und erfahren hat, doch gar nicht im Job einsetzen. Das wird in Zukunft sowieso immer schwerer möglich sein. In den USA macht derzeit ein Beststeller die Runde: „Up is not the only way“. Es geht darum, dass Karrieren mit Rauf und Runter normaler werden und wir solche Wege wertschätzen sollten. Oh ja!

Berufswahl wird bei uns einseitig auf Kompetenzen und intellektuelle Voraussetzungen bezogen. Aber nur weil meine grauen Zellen mitziehen, gibt es mir das noch keine berufliche – und also emotionale – Identität, das Gefühl von „das ist genau mein Ding, ich lebe mein Leben.“ Dies hat auch damit zu tun, dass wir eben NIE nur unser Leben leben. Es ist immer geprägt von anderen, vor allem aber von denen, mit denen wir am meisten verbunden sind und waren. Die entscheidende Frage ist, was wir bewusst annehmen oder anders machen und was wir unbewusst vermeiden oder suchen.

Die Berufsgeschichte der Ahnen prägt

Welche Rolle spielen die Berufe der Ahnen? Mindestens treffen Sie eine Aussage darüber, was emotional im Denken verankert ist – positiv wie negativ.

Deshalb ist es sehr erhellend sich bei der Berufswahl und beruflichen Orientierungen im reiferen Alter mit der Berufsgeschichte der Familie zu beschäftigen. Ich finde das selbst für fortgeschrittene, also selbst reflektierte Teams eine sinnvolle Aufgabe. Zu verstehen, warum der Kollege anders ist – da hilft durchaus auch ein Blick auf seine Herkunft, und nicht nur die ethnische und regionale.

Welche Themen sind in der Familie verankert. Was hat das mit mir zu tun? Ich habe für meine Weiterbildung „Karriereexperte Professional“ das Genogramm aus der systemischen Familientherapie etwas abgewandelt und mehrere „Ausbaustufen“ daraus gemacht.

Stärken sind nicht nur genetisch, sondern auch epigenetisch zu erklären

Ein Blick auf die Berufsgeschichte der Ahnen ermöglich auch eine tiefere Stärkenorientierung. Stärken entstehen durch eine Gen-Umwelt-Interaktion. Die Gene aber sind über mehrere Generationen von den Familienerlebnissen geprägt, das heißt auch in den Genen steckt „Umwelterfahrung“. Das sind Erkenntnisse der Epigenitik. Diese sind leider längst noch nicht im Alltagswissen angekommen. Viele halten die Beschäftigung mit unseren Ahnen für spirituellen Quatsch. Uns wurde ausgetrieben, Elternberufe in den Lebenslauf zu schreiben. Zu recht, weil die Entscheider über diese Themen nicht angemessen reflektieren können. Dennoch sind die Lebens- und Berufserfahrungen unserer Ahnen wichtig für uns heute.

In jedem von uns sind die Erfahrungen unserer Verwandten oft wortwörtlich „begraben“. Das „Ich“ ist nie losgelöst von seiner Familie, Gesellschaft, Kultur und auch Generation zu sehen. Es trägt all das in sich. Deshalb lässt sich berufliche Orientierung und Neuorientierung durchaus ohne diese Aspekte denken – dann bleibt sie aber zudeckend und ist nicht entwicklungsfördernd in dem Sinne, wie ich es in meinen aktuellen Büchern „Hört auf zu coachen“ (Kösel) und „Psychologie für Berater, Coaches, Personalentwickler (Kösel) beschreibe. Sie unterstützt vielmehr den derzeitigen Entwicklungszustand. Das kann sinnvoll sein, ist es aber spätestens dann nicht mehr, wenn Unzufriedenheit entsteht.

Mein aus dem Genogramm entwickeltes „Berufogramm“ hat deshalb eben auch eine Ebene, die ganz praktische Gedankengänge auslöst: Wenn die Eltern Lehrer waren und auch die Generation davor niemals Berührungspunkte zu  selbstständigen Tätigkeiten hatte, so werden diese implizit oder explizit mit Angst besetzt sein, mindestens aber wird Unkenntnis darüber herrschen, wie sich ein „freies“ Leben anfühlt. Dass das so ist, dazu gibt es empirische Belege. Unternehmerkinder gründen leichter und erfolgreicher.

Man kann sich nur bewusst für etwas entscheiden, was man kennt. Alles andere ist von System 1, Stereotypen und Klischees, gelenkt. Dessen sollten sich alle, die mit Berufsorientierung zu tun haben, jederzeit bewusst sein.

Ein paar ergänzende Tipps:

Wenn Sie „Laie“ sind:

  • Als beruflicher Neuorientierer malen Sie die Familien-Berufsgeschichte in Diagrammform auf. Sie können glückliche Berufslaufbahnen mit Plus und unglückliche mit Minus kennzeichnen. Eine nächste Ausbaustufe wäre es, die Themen der Familie hinzuzuschreiben. Worum ging es diesen Menschen? Ich entwickle gerade Lebensrollen-Karten als Ergänzung zum Stärken-Navigator. Lebensrollen sind selbst gewählte Identifikationen mit der eigenen gesellschaftlichen Aufgabe – das ließe sich auch als Berufung übersetzen. Ich verstehe diese aber durchaus als fließend. Sie können sich ändern. Und die „wahre“ (für mich ist das eine reflektiert und bewusst konstruierte) Lebensrolle zu entdecken, braucht es vor allem…Lebenserfahrung.

Wenn Sie mit jungen Menschen arbeiten:

  • Berufscoachs, die mit jungen Menschen arbeiten, sollten die Familienberufe einbeziehen, auch die der Großeltern. Auch die Region prägt, in welcher Art und Weise kann man auch mit jungen Leuten diskutieren.

Es sagt viel darüber aus, was ein junger Mensch sieht und gesehen hat – und was nicht. Auch die Bewertungen der Eltern fließen ein. Die meisten Eltern sagen heute, „mein Kind kann tun was es will“. Das stimmt nicht. Die (Fremd-)Steuerung erfolgt über die Emotionen, nicht über Worte und Handlungen. Wer sein Kind in eine Studienberatung mit „Testbatterien“ schickt, will (emotional betrachtet) ein Problem lösen und zwar oft mit viel Geld. Er geht nicht in die Auseinandersetzung mit tieferen Themen. Diese Auseinandersetzung könnte aber helfen, die Ich-Entwicklung zu fördern (hier Hintergrundartikel und Video). Denn letztendlich ist eine Entscheidung auf Basis von Tests eine Entscheidung im von mir so bezeichnen „Richtig-Modus“ – oder die Suche danach. Der Tests übernimmt die Funktion der Gesellschaft. Wenn „er“ als „neutrale Instanz“ sagt, Jurist passt zu mir, wird er schon richtigliegen – so die Annahme, die von Psychologen, die auf wissenschaftliche Methodik gedrillt sind gern gestützt wird.  Damit ist die Auseinandersetzung mit den tieferen Schichten des Bewusstseins vertagt. Das kann sinnvoll sein, ist diese – wenn nicht in der Familie oder Schule früh gefördert – doch oft schmerzlich und eben alles andere als einfach. Insofern schätze ich den aktuellen Trend sehr, dass die Psychologie jenseits der Universitäten wieder mehr ins Philosophische zurückkehrt. Die Philosophie nämlich hilft bei der Menschenkunde ist mehr als die wissenschaftliche Psychologie mit ihren statistischen Verfahren.

Wenn Sie mit berufserfahrenen Personen in der ersten oder zweiten Neuorientierungsphase nach meinem Lebensphasenmodell arbeiten:

  • Karrierecoachs, die mit beruflicher Neuorientierung zu tun haben, sollten es ebenso wagen, in die Familiengeschichte zu tauchen, natürlich nur, wenn der Klient dies wünscht. Dazu muss man aber mitunter auch diese Zusammenhänge erst einmal bewusstmachen und erklären. Ich erlebe oft, dass man erst beim Aufmalen merkt, dass dieser Zusammenhang überhaupt besteht. Auch die Geschwisterberufe und –lebenswege sagen einiges auf. Ist es doch so, dass Geschwister sich voneinander deidentifizieren, also sich oft an einem Merkmal stärker unterscheiden. Ist der eine vielleicht den Weg des Vaters gegangen und Uni-Professor geworden, hat es den anderen möglicherweise in die Praxis gezogen. Das sagt viel über Familiendynamiken aus – aber auch über Stärken, die einer Familie gemeinsam sind.

Immer wieder werde ich gefragt, ob man solche Themen den wirklich in ein Berufscoaching einbringen kann. Ich meine: Ja, wenn der Coachee stabil und gesund ist und der Coach genügend „Menschenkunde“ hat. Wenn ein Vertrauensverhältnis besteht und der Klient den Mehrwert erkennt. Indes gibt es auch viele Situationen, indem das Bewusstsein für Familie als Hintergrundrauschen genügt. Wenn Lehrer erkennen würden, dass es sinnvoll ist, Praktika in Bereichen zu fördern, die nicht familienspezifisch sind. Wenn Eltern begriffen, dass so ein Praktikum so wie auch weitere Berufserfahrungen vor allem dem Erleben dienen und über das Erleben dem Finden, wäre viel gewonnen. Wenn Personalabteilungen diese Dynamiken sehen und ihre Kompetenzmodelle weglegen würden, wenn sie Selbsterkenntnis und Reife fördern anstatt Verhalten, ebenso.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

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