Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Taylorismus 2.0: Der Mensch in der Effektivitätsfalle – vermessen und durchleuchtet

Von | 2017-12-04T09:10:45+00:00 3. Dezember 2017|

Glauben Sie ernsthaft, Sie könnten heute noch mit einem einfachen Lebenslauf durchkommen? Vergessen Sie es. Die „Career History“, immer öfter vor einem Vorstellungsgespräch in Form eines Fragebogens gereicht, will tiefgehend und weitläufig erforscht werden. Immer mehr Firmen begnügen sich nicht mit eingereichten CVs, sondern wollen, dass Sie sich datentechnisch bis auf den letzten Monat ausziehen. Warum haben Sie Ihren letzten Job verlassen? Wurden Sie etwa gekündigt? Was war der größte Erfolg? Gab es Probleme mit dem Chef? Wieviel genau (in EUR oder Dollar) hat ein Projekt Ihrer Firma gebracht?

Unmöglich sagen Sie? Ach, das ist noch harmlos. warten Sie ab, wenn IBM Watson dazu kommt! Ich habe selbst gesehen, was dieser Datenkerl so alles ausspucken kann. Sie füttern ihn einfach mit einem Bewerbungsanschreiben und heraus kommt ein perfektes Persönlichkeitsprofil. Big Five, Werte, Motive, alles braucht nur 3.500 Zeichen. Mampf, mampf – durchleuchtet! Nichts bleibt geheim. Doof nur, wenn ein Bewerbungsberater den Text geschrieben hat oder gar ein Musterschreiben zugrunde liegt. Aber dafür gibt es ja schon die Sprachanalyse „Precire“: 15 Minuten mit dem Computer der RWTH Aachen reichen – und man weiß, wes Geistes Kind Sie sind.

Rational und effektiv – aber unmenschlich

Wir sind auf dem Weg in einen neuen Taylorismus, Taylorismus 2.0. Was bitte? Okay: Frederick Winslow Taylor war ein Ingenieur um die vorletzte Jahrhundertwende, der im Zeichen der Automobilisierung den Arbeiter so vermessen wollte, dass er zum perfekten Roboter werden konnte, jeder Ablauf getaktet, jeder Handgriff geplant. „Scientific Management“ nannte er das. Das war einem ähnlichen Denken wie der durch die Forschungen von Daniel Kahnemann überholte Homo Oeconomicus entsprungen: Alles ist rational, nichts menschlich. Gottseidank retteten die Human Resources den Arbeiter und schafften adäquate Bedingungen. Studien und Experimente hatten schließlich seit den 1930er Jahren gezeigt: Soziale Bindung und Autonomie braucht der Mensch. Selbstbestimmtheit! Oh, Wunder.

„ich bin doch keine Maschine“, singt Tim Bendzko – und wahrscheinlich war er lange nicht mehr festangestellt. Haben Sie mal Googles neues Bürogebäude gesehen, dieses Donout-artige Ungetüm? Sahen Sie Leute in dichten Großraum-Käfigen arbeiten? Haben Sie den Vorständen gelauscht, die von Agilität schwärmen und mehr Effektivität meinen? Schnellstlernen, schnellstdenken, schnellstinnovieren – was für Begriffe! Ich habe sie nicht erfunden. Sie stammen aus Interviews. Mit diesem Denken wird Agilität in bestehende Strukturen eingehangen, werden ehedem humane Ideen wie die des agilen Manifests (z.B. „Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge!“) in Performance-und KPI-Ketten gelegt.

Die Ressource Mensch wird mit Methoden verwertet; Abfallprodukt: Selbstbestimmtheit

Endlich, endlich hat man einen Einsatzbereich für den Menschen zwischen den Maschinen! Er soll Ideenlieferant sein. Per Design Thinking lässt sich Kreativität am Fließband produzieren, Scrum ermöglicht es, den Blick konsequent auf die Arbeit zu lenken. „Während des Sprints dürfen wir nicht reden,“, hörte ich neulich. Gut, es war auch schlimm mit dem Flurfunk, Gerüchtekochen und Selbstdarstellen, alles Folgen von zu viel dysfunktionalem Status und Ego. Status und Ego sollten weg sein, aber sind immer noch da. Design Thinking verspricht die Ressource Mensch mit seiner Kernkompetenz Kreativität zu verwerten. Methoden versprechen Best Practice. Aber wie das so bei Verwertungen ist, es bleibt immer etwas übrig, das auf dem Müllhaufen landet – die Selbstbestimmung zum Beispiel. Jaja, das, was den Mensch zum vollwertigen Mitglied einer westlichen Demokratie macht – zu mehr als einer Humanressource.

Taylorismus 2.0 kommt freundlich daher; man merkt ihn oft gar nicht. Teamarbeit, agil, Flow: Das gibt Menschen Energie, macht sie aber auch gefügig. Ein kleiner Cocktail Endorphine, etwas Adrenalin, Gruppendruck und schwupps hängt man sich voll rein. Ein wenig Lob und positive Verstärkung dazu, und die Leistung geht ab wie eine Rakete. Selbstbestimmung? Wer das System nicht durchschaut, kann sich nicht freiwillig dafür entscheiden ist somit abhängig. Ach, was freiwillig – ist ja ohnehin nichts mehr: Heute 20jährige haben bereits einen langen Track Record im Internet und Persönlichkeitsprofile hinterlassen, die jeden Test überflüssig machen.

Es ist fast wie im Roman The Circle. Wenn wir das zulassen, war es das mit humaner New Work, war es das mit echter Selbstbestimmung und auch mit einer blendenden Zukunft inmitten von künstlicher Intelligenz. Dabei wäre in der Mensch-Maschine-Interaktion so viel möglich, ein Shift des Denkens – auf zu sozialer und globaler Verantwortlichkeit, Gerechtigkeit, Teilhabe.

Künstliche Intelligenz kann uns die Menschlichkeit zurückgeben

Im Film „Lucy“ nutzt Scarlett Johannson immer mehr brachliegende Gehirnkapazität, um das Böse zu besiegen. Sie verschmilzt mit dem Computer, mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein visuelles Meisterwerk – obwohl der zugrundeliegende 10%-Mythos (besagt, dass wir nur 10% unseres Gehirns nutzen) wissenschaftlicher Blödsinn ist. Aber darum geht es nicht. Es ist die Idee von dem, was wir werden können. Wir können unser Gehirn trainieren, indem wir uns auf andere Dinge konzentrieren. Wir können uns neu erfinden. Sozialer werden, empathischer, verbundener mit den anderen und der Welt.

Ich bin doch keine Maschine? Künstliche Intelligenz wäre eine Chance. Sie könnte uns Menschen entlasten von Aufgaben, die Computer besser können. Bliebe mehr Zeit für anderes – der Verbesserung der Algorithmen und… der Welt.

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Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

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