Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt: Wie sich Jobs neu erfinden und warum immer weniger mithalten können, wenn es heißt „weiter so“

Von | 2018-02-26T11:28:00+00:00 26. Februar 2018|

Ich muss Sie nicht erinnern, dass Kaiser Wilhelm einst selbstsicher verkündete, das Pferd werde niemals durch das Auto abgelöst werden. Sie wissen zweifellos auch, dass in meiner Generation der Bankkaufmann als Hochadel der Abiturienten-Lehren galt. Ich brauche nicht auf das Desaster mit der HSH Nordbank und den derzeitigen Aktienkurs der Deutschen Bank verweisen.  Nein, die Einschätzung der Leute von heute ist meistens einfach nur selbsterhalt-dienlich. Ich weiß noch, wie mir ein Manager vor 10 Jahren aus voller Überzeugung sagte, im Internet würde die Top-Ebene niemals ankommen. Das sei nur etwas für junge Leute und in den ersten zwei, drei Karrierestufen.  Ich habe dagegen gewettet und vorgerechnet, dass es jenseits der Logik liege, was er sagt und Karrierestufen sich auflösen würden. Aber Logik ist für jeden etwas Anderes, er hielt sich auch für logisch. Heute haben die jungen Leute ihn mit links überholt.

Wie es um die Branche Banken bestellt ist, wissen Sie. In meinen Kursen habe ich manchmal Berater, die mit Bankern zu tun haben. Das wirkt sich negativ auf deren Psyche aus, es zieht regelrecht runter. Jemand, der immer glaubte, auf der sicheren Seite zu sein und dann merkt, dass er das nicht ist, ist nicht selten Kandidat für das psychologische Coaching oder gar Therapie.

Wenn Karrierecoachs gute Laune suchen, sollten sie lieber nach Digitalis reisen – etwa in die Fintechs. Ich weiß gar nicht, was mir im Moment alles so an Coins und Tokens um die Ohren fliegt – mein Sohn macht die Analyse. Der durchblickt, was ich lange nicht mehr verstehe. Er kommt aus Digitalis.  Die derzeit arbeitslosen und arbeitslos werdenden Banker nicht. Der eine oder andere rief bei uns an, auf der Suche nach dem schnell wirkenden Zaubermittel, das Jobs auf der Basis des derzeitigen Kenntnis- und Persönlichkeitsprofils liefern kann oder für maximal eine Weiterbildung. So wird das nichts. Es ist weniger das Wissen als vielmehr die digitale Grundkonstitution, die fehlt. Wir suchen für Teamworks auch Mitarbeiter. Da sehen wir die Profile, wie sie oft sind: Nicht-Digital oder Minimal-Digital. Das alleine wäre auch kein Problem, wenn es nicht an etwas Anderem fehlte: Der Bereitschaft zu lernen, und zwar selbst zu lernen. Das wurde nie gefördert. Dieses experimentelle Ausprobieren, das einfach machen, das versuchen, trial & error. Im Grunde das, was Agiltät möchte.

Funktionsbereiche verändern sich radikal. Beispiel: Vertrieb

Sprechen wir nicht mehr über Banker, verlassen wir Branchen und besuchen Funktionsbereiche. Die Transformation des Marketings setzte vor mehr als 10 Jahren ein. Inzwischen sind viele Marketingleute vor allem Datenexperten. Seit ein, zwei Jahren betrifft es zunehmend auch den Vertrieb. Es reicht nicht mehr als Vertriebler ein gut gepflegtes Xing- und Linkedinprofil zu haben, man muss auch Meinungsführer und eloquenter Contentlieferant sein, gern als Linkedin-Top-Voice ausgezeichnet. Nun gehörten redaktionelle Qualitäten bis vor kurzem gar nicht zu einem Vertriebsprofil. Auch hatten „typische“ Vertriebler, wie sie mit entsprechenden Persönlichkeitstests ausgewählt wurden, nicht die für solche Tätigkeiten förderliche ausgeprägte „Offenheit für neue Erfahrungen“ in den Big Five. Der Vertriebler war am besten gewissenhaft und extravertiert. Gewissenhaftigkeit, vor allem Ziel- und Planungsorientierung, ist hilfreich, um dranzubleiben. Diese Eigenschaft ist also fraglos nach wie vor eine Top-Qualität. Aber Neugierde kann das komplett wettmachen. Sie sorgt nebenbei für ständige Erneuerung. Und das wollen Kunden heute, Anregung – nicht die 5. Nachfrage und fantasielose Nerverei. Früher hatte ich viel mit unglücklichen Vertrieblern zu tun, die vor allem neugierig waren. Das war einfach nicht gefragt, was sie hatten: Wissen und Hinterfragen, Erneuern und Vorantreiben. Das verändert sich, zugegeben langsam und natürlich geht es von Digitalis aus.

Es war einmal… ein Einzelkämpfer

Es war einmal ein Vertriebsexperte mit langjähriger Erfahrung. Sein Leben lang hat er gemacht, was er gelernt hat: Kunden umworben, gejagt, erlegt. Das alles im Einzelmodus, als Jäger auf der Pirsch. Und so etwa war auch seine Haltung: Du Kunde bist ein Kaninchen und ich Jäger der Experte fürs Erlegen. Dass manch einer seine Kaninchen eher mit nach Hause nahm, um sie dort zu füttern, steht auf einem anderen Blatt. Typ Hunter und Farmer eben.

 

Nun gibt es seit einiger Zeit dieses Internet und mit ihm verändert sich auch die Art des Jagens. Der Kunde ist nur einen Mausklick entfernt und die Konkurrenz ebenso. Er trifft den Vertriebler nicht mehr nur abends, sondern den ganzen Tag, im Moment vor allem bei Linkedin. Da wird gelikt, geteilt, gemailt und vor allem ganz viel gesehen und gehört. Man braucht nicht mehr zu telefonieren, das ist eh ein Auslaufmodell. Besser eine Whatsappsprachnachricht, kann man immer hören, stört den Ablauf nicht. Meine ich völlig ernst. Wenn Sie´s nicht glauben, schauen Sie Ihre Kinder an und gehen Sie davon aus, dass sich deren Verhalten durchsetzen wird, also Auto und nicht Pferd.

Man sieht, wen der Vertriebler kennt. Hat er ein adäquates Netzwerk? Kennt er einflussreiche Personen? Wie gibt es sich – und was gibt er von sich? Denkt er kooperativ, bezieht er andere ein? Ist er ein Netzwerker, in diesem neuen offenen Digital-Sinne, also nicht so ein Geheimbündler und Seilschafter wie früher.

Im Moment beobachte ich, wie das einige richtig gut machen und viele ausgesprochen schlecht. Die, die es gut machen lösen sich damit oft auch von ihrer Unternehmensmarke, sie erwerben eine eigene Sichtbarkeit. Das macht sie extrem begehrt am Markt.

Mit dem Internet verändern sich die Anforderungen. Der Vertrieb ist ein gutes Beispiel: Die Meinungsbilder sind alle im Internet aktiv, ebenso wie diejenigen, die für innovative Produkte in Frage kommen. Gejagt werden möchte von denen keiner, Augenhöhe ist wichtig und zwar durchaus in mehrfachem Sinn. Das Internet sorgt dafür, dass ich bestimmte, in meinem Interessenumfeld aktive Personen wahrnehme. Je mehr ich von Ihnen lese und gut finde, desto näher ich komme, desto mehr nehme ich wahr.

Digitalis wird auch alle anderen Bereiche erneuern

Das Beschriebene hat auch den Personalbereich erfasst. Dort sind es vor allem die Personalmarketer, die auf der Höhe der Zeit sind, sowie immer mehr Recruiter. Der klassische Personalreferent oder Business Partner hinkt hinterher. Agiles Lernen hat ihn noch nicht wirklich erfasst. Er ist noch kein Datenspezialist wie die anderen.

Es wird nicht mehr lange dauern, dann verändert sich auch das.

Finance hinkt am meisten hinterher. Aber auch dieser Bereich wird digitalisiert werden und wenn nicht die Controller aufschreien und sich verbinden, dann wird er in anderen Bereichen aufgehen.

Was bedeutet das? Meiner Meinung: Jeder muss einen Teil Informatik lernen, jedes Studium Statistik und Datenanalyse enthalten. Es gab im Mittelalter eine Zeit, da lernte jeder alles – nacheinander. Diese Zeit muss wiederkommen, auf einer ganz anderen Ebene. Lernen in mehreren Schichten. Und dass Informatik kein Pflichtfach ist, ist schlichtweg – dumm. Wie steht eigentlich die neue Bildungsministerin dazu? Und Sie?

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

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