Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Der Digitalisierungs-Shift: Was passieren würde, wenn wir nicht schlauer denken, sondern tiefer fühlen würden

Von | 2018-05-17T11:44:43+00:00 17. Mai 2018|

Brauchen wir im Zuge der Digitalisierung einen Shift des Denkens oder vielmehr des Fühlens? Die Antwort geben Sie allein. Jetzt. Hier. Heute.

Die neue Arbeitswelt ist schön. Menschen sehen sich als Subjekte, die Hand in Hand mit der künstlichen Intelligenz in und an einer besseren Welt arbeiten. Menschen schätzen Roboter, aber noch mehr ihre neuen Freiheiten. Agile Arbeitsweisen fördern die Kommunikation, das Miteinander, heben Führung auf ein nächstes, ein dienstleistendes Level. Erklärtes Ziel ist es, das Beste aus sich selbst zu machen, und andere zu motivieren, nach den eigenen Stärken zu leben und sich auszuprobieren. Gemeinschaft ist wichtiger geworden.

Die neue Arbeitswelt ist furchtbar. Menschen sind Objekte, die ausgebeutet werden. Die Gehaltsgräben sind tiefer als je zuvor, es gibt unten und oben. Menschen mit digitalen Kompetenzen werden ausgesaugt und dann entsorgt. Tempo, heißt das Kredo. Eine Innovationsmaschinerie ist entstanden. Die Rate psychologischer Erkrankungen steigt weiter. Der Mensch hat sich auf einen Wettbewerb mit der künstlichen Intelligenz eingelassen, in dem es wenige Gewinner und viele Verlierer gibt. Wenige Herrscher haben immer mehr Besitz über all auf der Welt.

Liebe, Interesse und Freude versus Angst, Neid, Wut

Was unterscheidet Szenario 1 von 2? Es sind Emotionen, die zugrunde liegen, Gefühle und Affekte. In Szenario 1 stehen Liebe, Interesse (eine Vorstufe der Neugier), Freude (eine Facette der Zufriedenheit und des Glücks) im Mittelpunkt.  Im Mittelpunkt von Szenario 2 finden sich Angst (eine Vorbedingung von Sicherheitsstreben), Neid, Wut (beides Vorstufen von Wettbewerb wie Aggression).

In dem ersten Szenario darf der Mensch Mensch sein, und es hat damit zu tun, dass er wieder einen Zugang zu dem bekommen hat, was er am besten kann: Wahrnehmen, fühlen, bewusst sein. Ich habe in der letzten Zeit viele Artikel von Informatikern und Naturwissenschaftlern gelesen, die das technische Wissen haben, das mir als eher von den Geisteswissenschaften, von Philosophie und Psychologie geprägter Mensch fehlt.

Ich wollte für mich nachvollziehen, ob die These stimmt und nicht nur eine laienhafte Aussage treffen. So wie manche immer noch glauben, dass ein Computer nur das macht, was man ihm einprogrammiert. Das ist lange nicht mehr so. Aber von einem menschlichen Bewusstsein (bewusst sein) sind Roboter weit entfernt. Neuronale Netze funktionieren ganz anders als ein Gehirn – dort stecken immer noch mehr Geheimnisse drin als in den künstlichen Neuronen. Computer können Geschmack erkennen, aber nicht fühlen. Sie können Gesichtsmimik längst besser lesen als Menschen – aber nicht mitfühlen.

Du sollst das Denken den Computern überlassen

„Du sollst das Denken den Pferden überlassen“, dieser Satz sollte vielleicht umgedeutet werden in „Du sollst das Denken den Computern überlassen“. Stattdessen versuchen wir das Niveau zu steigern. Es wird nicht klappen. Die Form von Intelligenz die Computer gerade erwerben, werden wir nie mehr aufholen können. Das, was ein traditioneller IQ-Test misst, gemeinhin die Bildungsfähigkeit, wird damit unwichtiger. Der IQ sagte den Bildungserfolg in der Industrialisierung voraus. Nur stehen wir jetzt woanders.

Im aktuellen Harvard Business Manager findet sich wie immer am Ende des Heftes eine Case Study: Der Computer schlägt eine andere Bewerberin vor, als der Chef präferiert. Ein Experte im Heft empfiehlt, nicht auf den Computer zu hören. Ich bin nicht so sicher, ob das langfristig eine gute Entscheidung ist. Völlig klar, dass das von mir in diesem Blog einst vorgestellte „Crystalnows“ völlig unzureichend ist. Wir müssen nicht weiter darüber reden, dass eine Sprachanalyse wie über „Precire“ Mängel hat. Aber wenn Programme viele Variablen erfassen und laufend besser werden, dann werden sie bald treffsicherer sein. Wäre der Dieselskandal möglich gewesen, hätten Computer entschieden?

Würden unterschiedliche Messhöhen für die Erfassung der Belastungsgrenze durch Emissionen – wie aktuell 1,50 Meter in Hamburg versus 4 Meter in anderen Städten – zugelassen werden, wenn Computer dies überwachten und sich nicht von Menschen austricksen ließen? Ich glaube nicht. Wir brauchen schlaue Menschen, die vieles mitdenken und den Ouput der Computer verstehen können. Aber noch mehr brauchen wir einen Zugang zu Emotionen, die die Psycho-Logik unseres Denkens und Handelns bestimmen, das Mindset.

Denn dass Emotion und Verstand untrennbar zusammengehören, hat die Hirnfoschung längst bewiesen. Es gibt keinen Verstand ohne Gefühl. Selbst bei Menschen, die Gefühle für sich leugnen, sind diese im MRT in genau den gleichen Gehirnregionen sichtbar, in denen sie auch bei Menschen erkennbar sind, die diese wahrnehmen.

Gefühle werden abgeschnitten, ja amputiert

Bis heute wird die Gefühlswelt abschnitten und auch in der Arbeitswelt weitgehend ausgeklammert oder aber in (scheinbare) Inhalte transformiert. Sie werden ausgeblendet, abgeschnitten, amputiert. Wir erziehen mit unserem Bildungssystem – Ausnahmen gibt es! – nach wie vor in erster Linie angepasste Menschen, die sich dem System anpassen und unterwerfen – nicht solche, die dieses gestalten und verändern.

Damit dies geschehen kann, brauchen wir aber solche Menschen. Wir brauchen damit treibende Kräfte, die psychisch gesund und bei sich selbst sind – denn nur dann kann man auch wirklich bei anderen sein. Das setzt ein konstruktivistisches Verständnis der Welt voraus, denn nur dann ist es möglich, andere nicht als Objekt zu sehen, das man sich einverleiben darf.

Vier einfache Fragen zur eigenen Wirklichkeitskonstruktion

Hilfreich bei der Entwicklung einer solchen Sichtweise können vier einfache Fragen sein, die die US-amerikanische Autorin Byron Katie („The Work“) entwickelt hat, um Menschen aus kontraproduktiven Überzeugungen herauszuhelfen:

  • Ist das wahr?
  • Kann ich wirklich sicher sein, dass es wahr ist?
  • Wie reagiere ich, wie fühle ich mich, wenn ich diesen Gedanken denke?
  • Wer oder was wäre ich ohne diesen Gedanken?

Diese Fragen leiten en passent hin zu gesunden eigenen Gefühlen. Wir sollten uns sie öfter stellen. So einfach, so wirksam. So ungewohnt im männlich dominierten Management. Und sicher kein Zufall, dass diese Themen in der Männerwelt kaum ankommen.

Denken hilft, intuitiver Fühlen zu lernen

Zu diesem Beitrag hat mich wie so oft ein Buch angeregt, was auf den ersten Blick in eine ganz andere Richtung geht als dieser Beitrag. Es ist das wunderbare Buch „Unkompliziert“ von Stephanie Borgert. Es gefällt mir sehr gut, und ich möchte es all jenen empfehlen, die strukturierter denken und ihr „System 1“ (nach Daniel Kahnemann) mit System 2 überprüfen, überholen und damit langfristig in seiner Intuition stärken wollen. Über diesen Weg stärkt es auch das Fühlen, die Intuition. Ich hatte Spaß beim Lesen, vielen Dank dafür! Ich liebe logisches Denken, wie es dieses Buch transportiert, und dass dieser Betrag jetzt in eine andere Richtung zeigt, ist nicht als Kritik, sondern als „zusätzlich denken“ zu verstehen.

Das Drehbuch gestalten wir

Ich suche in dem, was ich lese, höre und denke oft blinde Flecken. Das ist irgendwie und irgendwann entstanden. Mich leitet dabei auch die Frage „was ist nicht gesagt, gedacht, geschrieben?“ Auch alles, was ich selbst schreibe, erfasse, denke, untersuche ich nach dem Konstrukt, aus dem es entstanden ist. Konstrukte entwickeln sich dadurch, dass wir uns mit bestimmten Themen mehr beschäftigen als mit anderen, Thesen annehmen oder ablehnen, mit einigen Berufsgruppen intensiveren Kontakt haben als mit anderen, bestimmte Methoden öfter anwenden als andere.

Das macht sie nicht wahr. Wahr ist nur das, was im eigenen Bewusstsein geschieht. Dieses bestimmt die Realität, die wir wahrnehmen. Mit diesem schaffen wir  Realität, auch im Wahnsinn. Gehen wir davon aus, dass alle anderen auch Bewusst-Seine haben, ist das wir sehen, erstens durch eine Veränderung des Drehbuchs jeden Tag neu gestaltbar. Und zweitens muss uns dann „bewusst“ werden, dass das was wir nicht sehen unendlich viel größer ist, als das was wir sehen.

Das sollten wir uns öfter mal vor Augen halten. Und nach den Emotionen suchen, die die Grundzüge unseres Drehbuchs des Menschseins bestimmen. „Was machen fremde Konstrukte mit uns?“ ist im Grunde die intellektualisierte Form von Byron Katies Frage „ist das wahr?“ Manche von denen, die hier mitlesen, mögen sie in ihrer komplexen Form lieber. Obwohl alles nur Worte sind und das darunterliegende Gefühl gleichbleibt: Freude, Liebe, Interesse wie in Szenario 1 oder eben Angst, Unsicherheit, Ärger, Wut – wie in Szenario 2. Wenn wir diese Gefühle hinter den Worten wahrnehmen, haben wir uns für ein Drehbuch entschieden.

Foto: Photobank-Fotolia-com

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

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