Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Identität und Lebensgestaltung: Wer bin ich? Was kann ich? Und welcher ist mein Sinn?

Von | 2018-08-01T23:25:04+00:00 27. Juli 2018|

Stellen Sie sich vor, Sie suchen ab sofort keine Antworten mehr, sondern Fragen. Das ist eine gute Idee für jeden von uns. So kommen Sie auf viel bessere Ideen, etwa wenn es darum geht, neue kreative Zugänge zu schwierigen Herausforderungen zu finden. Die Devise „Fragen statt Antworten (Lösungen)“ lässt sich auch auf unsere berufliche Identität übertragen. So werden aus Raupen Schmetterlinge, denn statt auf das SEIN zu schauen betrachten wir mit Fragen das WERDEN. Und das funktioniert nicht nur im Coaching.

Wenn wir nicht mehr danach suchen, wer wir sind, sondern welche Fragen uns antreiben, erschließen wir uns ganz andere und spannendere Themen. Die Sicht auf Stärken verändert sich auch: Wir können uns dann gar nicht mehr statisch und passiv sehen, es kommt automatisch Bewegung ins Leben.

Identität lässt sich immer weniger ein äußeren Merkmalen festmachen

Die Frage des Lebens zu finden, kann eine Lebensaufgabe sein. Sie ist sehr eng mit unserer Identitätssuche verknüpft, die immer komplexer wird. Hier lässt sich das Stacey-Diagramm als Denkrahmen verwenden. Dieses unterscheidet die Zustände einfach, kompliziert, komplex und chaotisch. Vor allem der Übergang von kompliziert zu komplex ist für dieses Thema – und nicht nur für dieses – relevant. Kurz gesagt: Kompliziert ist noch einigermaßen analysier- und berechenbar, komplex nicht mehr.

Identität erschien lange Zeit einfach zu bestimmen. Niemand kam auf die Idee, diese mit Persönlichkeit zu verbinden. Es waren immer äußere Merkmale, die Identitätsstifted waren. Bis das Bürgertum das Leistungsparadigma in unsere westeuropäische Welt brachte, stand die Identität per Geburt fest und stellte sich an wenigen Merkmalen entlang auf: Man war adlig oder nicht-adlig, römisch-katholisch oder evangelisch-lutherisch, ein Mann oder eine Frau, Einwohner eines Nationalstaates usw.

Kafka: Der Beginn der Trennung von Leidenschaft und Broterwerb

Doch mit dem Siegeszug des Bürgertums und der Aufklärung wurde aus der Frage „wer bist du“ mehr und mehr ein „was machst du?“ Man war jetzt zusätzlich Angehöriger eines Berufsstands oder Mitarbeiter einer Firma und hatte Eltern und Geschwister, die auch einem Berufsstand oder einer Firma angehörten. Leidenschaft? Bist dahin nur wenigen Intellektuellen vorbehalten. Franz Kafka trennte Leidenschaft und Broterwerb. Er arbeitete in einer Assekuranz, vom Schreiben konnte er nicht leben. So ein bürgerliches Modell rettete lange die Kulturinteressen, bis es sich bei einigen änderte in „Leidenschaft und Broterwerb“.

Das einfach Identitätsstiftende wurde damit langsam komplizierter und Innen-bezogener. Es entstanden mehr Wahlmöglichkeiten. Aber  „wer bist du?“ ließ sich immer noch einigermaßen einfach beantworten mit „was machst du?“  – „ich arbeite als Friseur“ oder „ich bin Manager eines Logistikunternehmens“.

Was ist dein Beruf? Immer weniger können es beantworten

Wie schwierig es dann seit den 1990er Jahren wurde, merkte ich als ich in meine Heiratsurkunde einen Beruf schreiben sollte. Ich fühlte mich als „so viel“, aber alles was ich reinschreiben könnte, wurde mir gefühlt nicht gerecht. Am Ende entschied ich mich für Studienabschlüsse. Es hinterließ jedoch ein Gefühl von „das bist doch nicht du!“

Als Anfang des Jahrtausends viele langgediente Mitarbeiter ihre Jobs verloren, merkten sie en passent, wie Identitätsprägend ihr Arbeitgeber und die erreichte Position war. Ohne diesen im Rücken, fühlten sich viele leer. Da ich viele Jahre im HR-Umfeld auf Outplacement spezialisiert war, wo ich mich hier besonders um Kandidaten mit unternehmerischen Plänen kümmerte, konnte ich dieses Gefühl besonders nah greifen. Ich habe auch mitbekommen, wie sich aus dem Gefühl ohne Jobtitel NICHTS mehr zu sein schleichend ein neuer Trend entwickelte – Sinnsuche wurde populär.

In jenen Jahren, Anfang der 2000er, entwickelte sich der Wunsch der Folgegeneration die eigene Identität nicht mit Beruf und Arbeitgeber zu verknüpfen, sondern mit dem eigenen Lebenssinn. Dann kann man nicht so viel verlieren. Das Leben ist dann auch weniger fremdbestimmt.

Wer einen Sinn hat, dem kann niemand mehr etwas nehmen

„Wer bin ich wirklich?“ und „was ist mein Sinn?“ kamen als Fragen auf, die sich zuvor niemand in dieser Form gestellt hatte. Die neue Generation, Y vor allem, sucht wie keine zuvor nach diesem Sinn. Sie suchte es im Innern, gab sich aber allzuoft noch mit dem Äußeren zufrieden.

Immer weniger identifizieren sich mit erreichten Positionen, Arbeitgebermarken oder anderen Kennzeichen äußeren „Ichs“. Die fehlende Bindung hinterlässt ein Gefühl von Leere, das viele Unternehmen mit Worten zu stopfen suchen. Unbelastet davon gehen immer mehr auf die Suche nach Ihrer eigenen Persönlichkeit, manche kommen auf Umwegen dazu – beispielsweise über die Suche nach einem Thema, das sie interessiert. Sie sind sich oft nicht bewusst, wie sehr das eigene Thema Produkt der eigenen Persönlichkeit ist. Sie verstehen auch nicht, dass jedes Thema sich an eine Reifephase bindet. Orientierungslosigkeit ist die Folge inneren Chaos. Inneres Chaos entsteht in Umbruch-Zeiten. Im Chaos neigen wir immer dazu, die Dinge EINFACH machen zu wollen, auch wenn sie komplex sind.

„Wer bin ich?“ Identitätssuche, bei der jeder sich selbst entscheiden kann

„Was sind meine Stärken?“ ist eine Frage, die mit der Ich-Suche eng verknüpft ist. Viele hoffen die Lösung in Persönlichkeitstests zu finden. Und so ein Testergebnis kann zeitweise auch Antworten geben. Es reduziert und trivialisiert   auf Dauer aber die Persönlichkeit. Es verleugnet die Tatsache, dass jeder werden kann, was er sein will.

Wir merken dabei nicht, dass wir unsere Identitätssuche aus einem veralteten Denken, auf Basis zweifelhafter Grundannahmen  gestalten.  Das „wer bin ich?“ knüpfen viele wie automatisch an ein „was kann ich?“  Die Frage „was kann ich?“ indes war die spezifisch Identitätsgebende für die bisherige Leistungsgesellschaft. Wer etwas konnte, brauchte keinen Adelstitel! „Streng dich an, und du kannst es schaffen“, steckt uns noch sehr in den Knochen. Die Frage zeugt vom permanenten Mangel mit der Zusatzfrage „bin ich in dem, was ich kann, auch gut genug?“

Eine Antwort kann immer nur vorübergehend gefunden werden

Die Frage „Wer bin ich?“ ist eine zutiefst emotionale. Die Integrationsdebatte ist somit auch eine Identitätsdebatte. „Wer bin ich, wenn ich keine Heimat mehr habe?“ Oder „Wer bin ich mit zwei Nationalitäten?“. Auch Mesut Özil suchte die Antwort im Außen, in den ihm vermittelten Werten. Er kam nicht auf die Idee, sie in sich selbst zu suchen. Das ist allerdings auch eine anspruchsvolle Aufgabe, an der nicht nur Millionäre scheitern. Es setzt voraus, dass wir uns als Prozess begreifen und nicht als Ergebnis. Es verlangt, dass wir sehen, dass wir das Ergebnis von Sozialisierungsbemühungen sind. Und die Erkenntnis, dass jede Form von Zuschreibung vereinfacht und eben… oft sogar trivialisiert.

Lösung: Suchen Sie nach der Frage Ihres Lebens als Instrument zur Selbstführung

Was aber wäre geeignet, die komplexen Zustände und Veränderungen auf eine angemessene Weise zu vereinfachen? Was könnte dem Leben Richtung geben, ohne es festschreiben? Je mehr ich mich damit beschäftige, und das tue ich nun schon Jahrzehnte, desto einfacher wird meine Lösung. Die Lösung ist die Suche nach der Frage, die uns antreibt. Die uns Energie gibt. Die uns immer wieder neue und andere Kräfte entfalten lässt. Die dafür sorgt, dass ehemalige Schwächen zu Stärken werden, Wir dranbleiben. Nicht aufgeben. Es können sehr einfache Fragen sein. Meine ist (im Moment) „was kann ich dazu beitragen, damit Menschen das beste aus sich und ihrem Leben machen?“ Die Frage war nicht immer so. Als ich jünger war, habe ich mir weniger Fragen gestellt und vor allem andere Antworten gegeben. Wäre ich damals schon auf die Idee zu einer Frage gekommen, wäre diese egoistischer ausgefallen.

Bei den Menschen, mit denen ich arbeite, erlebe ich, dass Fragen das eigene Denken viel mehr anregen als Antworten. Sie vermeiden dass man im beruflichen Coaching als Organisationstalent durch die Tür kommt und wieder herausgeht – was ich einem Persönlichkeitstest passieren kann. Sie geben andere und neue Impulse zur Veränderung.

Manch einer kann Fragen als Selbstführungsinstrument nicht gut aushalten. Dann ist es vielleicht noch nicht soweit, sich selbst als Prozess anzunehmen. Manch einer kann SEINE Frage auch nicht finden. Dann ist vielleicht genau das die Frage „welche Frage ist so stark, dass ich mich an ihr ausrichte?“. Oder auch: Was hilft mir, aus meiner Raupe einen Schmetterling zu machen?

Die Fragen „großer“ Persönlichkeiten:

Vielleicht regt es Sie an, wenn Sie darüber nachdenken, welchen großen Fragen bekannte Persönlichkeiten gefolgt sind:

  • Steve Jobs leitete die Frage, wie er die weltweit innovativsten, einfachsten und perfektesten Technikprodukte schaffen könnte.
  • Nelson Mandela leitete die Frage wie er die Apartheit besiegen könnte.
  • Hannah Arendt leitete die Frage, warum sich gewöhnliche Leute an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt haben.
  • Carl Gustav Jung leitete die Frage nach den spirituell-kulturellen Prägungen der Vergangenheit auf die Psyche.
  • Den Psychologen Martin Seligman leitet die Frage nach den Faktoren und Bedingungen für ein glückliches Leben.

Und welche Frage leitet Sie?

Foto: Roman_vk_photocase.com

 

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

3 Kommentare

  1. Eva Ihnenfeldt 28. Juli 2018 at 08:55 - Antwort

    Mich leitet seit Frage, was sich bei jedem einzelnen Menschen zu erkennen gibt, wenn er sich von allen Fremd-Bestimmungen befreit hat. Und an erster Stelle natürlich bei mir selbst: Wo bin ich ganz ich – und wo falle ich weiterhin auf „Aufgepropftes“ herein.

    • Svenja Hofert 31. Juli 2018 at 08:23 - Antwort

      Ich fürchte, darauf gibt es keine Antwort, da es ein laufendes Wechselspiel ist. Den Content unserer Zeit werden wir sowieso nie los. Aber meiner Meinung nach ist ein gesunder Punkt dann erreicht, wenn man eine Position beziehen kann, die auch jenseits der Konventionen liegt.

  2. Manuela Sekler 15. November 2018 at 14:31 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    mich leitet – u.a. – diese Frage: Wie lassen sich für jemanden, dessen elementaren Bedürfnisse befriedigt sind, für ihn wesentliche (Sinn-)Bedürfnisse erfüllen? Und: Was kann dieser Mensch im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst dafür tun?

    Beste Grüße
    Manuela Sekler

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