Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Mach dir deine Welt, wie sie dir gefällt: 5 Gestaltungsmöglichkeiten, die kaum jemand nutzt

Von | 2018-10-15T00:03:49+00:00 13. Oktober 2018|

Nichts ist, wie es scheint. Dass sich Farben goldweiß oder schwarzblau zeigen können, bewies #Thedress 2014. Damals verbreitete sich viral ein Foto, das die einen goldweiß und die anderen schwarzblau sahen. Neurobiologen und Wahrnehmungswissenschaftler überbieten sich seitdem mit Erklärungen. Die größte Bedeutung hat jedoch wohl die Einbildung: Wer auf blauschwarz eingestellt war, sah blauschwarz. Wer goldweiß „dachte“ sah auch goldweiß.*

“It´s just an illusion in all this confusion”, sang 1982 die Band Imagination, aber mit Konfusion hat das wenig zu tun. Wir sind nicht verwirrt, wenn wir die Dinge unterschiedlich wahrnehmen – wir sind menschlich. Unser Gehirn ist genau dazu konstruiert und trainiert: Jeder sieht, was er sehen will. Der Mensch strebt nach Kohärenz. Er sucht Schlüssigkeit für sich. Deshalb blendet er „seiner Wahrheit“ widersprechende Fakten einfach aus.

Das betrifft Wahrnehmen in allen Facetten, Sehen ist nur eine davon.

Was sind die Folgen dieser Erkenntnis in der Gemeinschaft von Menschen? Nichts ist, wie es scheint, bedeutet auch: Nimm deine und die Wahrnehmung anderer niemals als wahr an, auch wenn wahr in dem Wort Wahrnehmung steckt. Nimm sie als eine Perspektive, die du bei dir selbst beobachtest.Die Perspektive eines anderen jedoch, kannst du nicht sehen. Du kannst nur fragen: Was siehst du?  Wie siehst du es?

Wir werden in unseren Systemen jedoch auf etwas Anderes, auf die Festigkeit von Aussagen und Wahrheit programmiert. Die Illusion sind nicht die verschiedenen Farben, die Illusion ist, dass Menschen behaupten, es gäbe nur eine Farbe (Wahrheit).

Wir sind keine Computer, unsere Gehirne funktionieren vollkommen anders als künstlicher Intelligenz, Roboter, neuronale Netze. Deshalb kann KI uns auch nicht gefährlich werden, wenn wir das wirklich begreifen.

Ja, wenn wir das als vielleicht einzige Wahrheit annehmen, ergeben sich diese fünf Chancen und Möglichkeiten, die nach einer anfänglichen Konfusion am Ende für ein viel gesunderes und entspannteres Leben sorgen werden.

1. Wir dürfen endlich fühlen und Zweifel zeigen

Von uns wurde früh verlangt, stark zu sein. Vor allem in der Karriere auf oberen Ebenen wurde belohnt, wer sich als harter Knochen zeigte. Klarheit wurde gleichgesetzt mit eindeutigen Aussagen und dominanter Unterstreichung von Thesen. Wer reflektiere, wurde leicht als schwach wahrgenommen.

Ich unterscheide schwarzweiß-dominantes Verhalten von klar-reflektierendem. Schwarzweiß-dominant setzt durch, dass das Kleid Goldweiß zu sehen ist. Klar-relektierend erkundet Positionen und plädiert für das, was nach einer prinzipienorientieren Bewertung für alle am meisten Sinn zu machen scheint.

Welche neuen Erkenntnisse dahinterstecken:

Wer sich schwarzweiß-dominant verhält, kann Emotionen weder wahrnehmen noch zeigen. Emotionale Wahrnehmung ist jedoch die Voraussetzung für persönliche Reife, folgen Denken und Handeln doch immer Gefühlen. Je mehr Fühlen, Denken und Handeln bewusst reflektiert werden und je näher Denken und Handeln am reflektierten Fühlen ist, desto klarer ist ein Mensch, desto authentischer.

Das gilt, sofern dies einhergeht mit einer anderen Menschen gegenüber positiven Haltung. Hier hilft der Blick auf das OK-Geviert der Transaktionsanalyse: Das Gesagte gilt also, wenn jemand in seiner Grundhaltung bei „Ich bin OK, du bist OK“ steht, also zur Selbst- und Fremdliebe fähig ist.

2. Wir müssen auf nichts mehr beharren

Jedem Gedanken geht ein Gefühl voraus, Sachbezogenheit ist eine Illusion. Wenn ein Mensch in der Lage ist, die Gefühle wahrzunehmen, die seine Gedanken und schließlich Handlungen begleiten, ist er entwicklungspsychologisch reifer als jemand, der das nicht kann. Erst recht ist das der Fall, wenn er dies auch anderen angemessen kommunizieren kann. Wenn wir also merken, wir beharren nur auf einer Aussage, weil wir sie gestern für richtig hielten, nun aber neue Informationen haben, die ein anderes Bild darauf werfen, können wir ohne Gesichtsverlust zu einer neuen Einschätzung kommen.

Welche neuen Erkenntnisse dahinterstecken:

Jede Persönlichkeits- und auch Führungskräfteentwicklung ist eine emotionale Entwicklung. Man erkennt persönliche Reife daran, wie jemand mit schwierigen Situationen umgeht und wie er oder sie Kritik erlebt, wie er seine eigenen Gefühle erkennen, zulassen und sie in ihrer Widersprüchlichkeit auch beschreiben kann. Wie sehr er oder sie sich als Prozess erlebt – und nicht als Zustand. Und wie er oder sie auf andere blickt: beobachtend oder bewertend.

3. Wir erschließen uns Möglichkeiten und eigene Realität

Erinnern Sie sich an „und täglich grüßt das Murmeltier“? Jeder Tag ist eine neue Entscheidung, jede Stunde, jede Minute. Zeit und Raum sind relativ, nur künstlich abgrenzbar. So können wir die Vergangenheit rückblickend verändern, indem wir vermeintliches Geschehenes vergessen, neu bewerten oder in der Fantasie verändern. Wir entscheiden, was wir behalten und was weglegen wollen. Genauso ist es mit der Zukunft: Wir entscheiden, wie und wo wir sie leben wollen und mit wem.

Welche neuen Erkenntnisse dahinterstecken:

In den Bergen vergeht die Zeit langsamer. Und Gegenwart gibt es bei näherer Betrachtung gar nicht. Im Moment, in dem wir diese wahrnehmen, ist es schon Vergangenheit. So ist jeder Moment der Zukunft eine Entscheidung, sie ANDERS zu nutzen. Stellen Sie sich Ihre Möglichkeiten als Räume vor, die sie einfach nur betreten müssen, indem Sie durch die Tür gehen. Dadurch lassen sie Wirklichkeit entstehen.

4. Wir können endlich Potenziale nutzen

Was ist ein Potenzial? Es ist die Möglichkeit, zu werden. Es braucht eine passende Umgebung, Voraussetzungen, Begegnungen. Potenziale sind wie Samen, die aufgehen, wenn sie das passende Umfeld haben. Potenziale verlangen keine Tests und keine Diagnostik, sie verlangen von uns nichts Anderes als Entscheidungen: Was will ich tun? Was möchte ich lernen? Worin will ich mich verbessern?

Welche neuen Erkenntnisse dahinterstecken:

In der alten Arbeitswelt wurden Menschen auf die Anforderungen hin zurechtgebogen. So trainierte man oft „falsche“ Stärken, mit der Folge, dass viele Menschen etwas beherrschen, was sie gar nicht wirklich lieben und den Bezug zu ihren Potenzialen verloren haben. Neugier ging verloren, weil wir lernen mussten, was wir lernen sollten. Kreativität ist in frühkindlicher „Erziehung“ abtrainiert – im Torrence Test für Kreativität erzielen nur noch vier Prozent der Erwachsenen die Werte von Kindern! Kurzum haben die meisten von uns all das verlernt, was uns menschlich macht und gegenüber den Computer positioniert.

5. Wir müssen nicht mehr konkurrieren

Ich weiß noch gut, wie in einer Führungskräfteweiterbildung der 1990er Jahre der Trainer riet, Mitarbeiter bewusst in Konkurrenzsituationen zu schicken, auf dass sich der Bessere bewähre. Das war Ellenbogendenken in Reinkultur, und es herrscht bis heute vor. Bewertungssysteme in Unternehmen zielen ebenso darauf wie Notensysteme und Bestenlisten. All das zielt auf Einzelleistung – die in der neuen Arbeitswelt immer weniger wert sein wird. Sie summiert sich in Teams nämlich nicht, was man im Sport immer wieder eindrücklich sieht. Unter komplexen Bedingungen setzt sich weder der Leistungsfähigere durch noch addieren sich Leistungen: Hier überleben die, die sich diesen Bedingungen anpassen können.

Welche neuen Erkenntnisse dahinterstecken:

Der Einzelkult führte zum Konkurrenzverhalten. Und unter Konkurrenzbedingungen werden Potenziale nicht geschöpft, sondern zerstört. Hier empfehle ich das wunderbare Buch „Wenn Träume wahr werden“ von Gerald Hüther, Sven-Ohle Müller und Nicole Bauer. Dieses Buch vermittelt neurobiologische Erkenntnisse, verknüpft mit der Geschichte eines sportlichen Teamsiegs. Letztendlich geht es um den WeQ, also die Intelligenz, die wir gemeinsam erzielen können.

*Wer sich f+r #thedress interessiert, findet hier eine fundierte Zusammenfassung möglicher Erklärungen.

Svenja Hofert ist Management- und Karriereberaterin. Mit ihren beiden Unternehmen entwickelt sie Menschen, Teams und Organisationen. Der Schwerpunkt von Hofert Tätigkeit liegt in der Ausbildung sowie im Coaching und der entwicklungsbezogenen Beratung von Führungskräften, Teams und Unternehmen. Hofert hat ab 2000 das Büro „Karriere und Entwicklung“ in Hamburg aufgebaut und unter anderem ein Startup-Portal etabliert, bevor sie 2015 die Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung GmbH mit Thorsten Visual gründete. Hofert lebt in der Nähe von Hamburg und etwa ein Drittel des Jahres in Marbella, Spanien. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hat die gebürtige Kölnerin über 30 Bücher geschrieben, darunter immer wieder Longseller und Standardwerke, die bis zu acht Auflagen erreichten. Standen zunächst die Themen Karriere und Beruf im Mittelpunkt, erweiterte sie ihren Blick ab 2004 zu Gründung, Management und Unternehmensführung, um schließlich ab 2009 auch Teams und die neue Arbeitswelt in den Fokus zu nehmen. Der rote Faden blieb die Verknüpfung von betriebswirtschaftlichen, philosophischen und psychologischen Perspektiven – und ein Fokus-Thema: Die Entwicklung von Menschen, Gruppen, Organisationen. Buchung |

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