Was ist der richtige Beruf, das passende Studium? Es sollte zur Persönlichkeit passen. Identifikation mit einer Gruppe ermöglichen – „da gehöre ich hin“. Das setzt voraus, dass man dort andocken kann. Heißt: Es fällt leichter mit einer gewissen Ähnlichkeit. Wenn alle gut in Informatik sind, nur ich nicht, bringt mir das Misserfolgserlebnisse. Das Selbstbewusstsein sinkt.  Einige wenige Menschen drehen dann auf und sagen „jetzt erst recht“. Die meisten drehen ab. Wenn alle viel über ihre Gefühle und Gott und die Welt reden, nur ich habe die Quantenmechanik im Kopf, fühle ich mich im falschen Film.

Interessen sind dennoch bei der ersten Berufsorientierung oft weniger wichtig, wenn sie nicht ganz eindeutig in eine Richtung zielen. Der Physiker Carlo Covelli wusste, was sein Lebensthema war, auch wenn es sich erst Mitte 20 auf die „Zeit“ verdichtete. Bei vielen Schülern und Studenten ist das Lebensthema höchst vage und noch lange nicht in Sicht.

Interessen sind nur für wenige Menschen eindeutig zielführend

Die Korrelativ zwischen Interessen-Berufswahl und beruflicher Zufriedenheit ist niedrig. Wer dort arbeitet, wo sein Interesse zu Hause ist, kann ganz schnell desillusioniert ist. Ich kann Essen lieben, bin dadurch aber noch lange kein Koch, wenn die Eigenschaften und auch Leidenschaften nicht zu diesem Beruf passen. Soweit zur Psychologie der Berufswahl.

Studienergebnisse stützen diese Thesen, meine Erfahrung bestätigt sie. Da Menschen keine statischen „Zustände“ sind und sich immer weiterentwickeln, sollte man unbedingt auch persönliche Reife einbeziehen bzw. mit dieser rechnen. Eine reife Persönlichkeit wird eher eigene Maßstäbe und Werte verwirklichen wollen als eine unreife. Jetzt kommt allerdings die Krux: Reifung braucht Erfahrung. Sie ist ein Prozess, der in jedem Alter stattfinden kann, wahrscheinlicher aber in jungen Jahren und sehr wahrscheinlich besonders gefördert durch schwierige Erlebnisse. Es kann also nicht Sinn und Zweck sein, diese einem Kind abnehmen zu wollen.

Was aus jemand werden kann, sieht man – wenn überhaupt – nur rückwärtsbetrachtet

Über all das kann man als Fachfrau fröhlich fachsimpeln. Richtig ernst wird es, wenn der eigene Sohn seinen Eintritt ins Leben finden soll und diese Kenntnisse im persönlichen Umfeld angewendet werden wollen. Da merke ich, wie schwer mir wird. Was für eine Verantwortung! Und was, wenn ich falsch liege?

Da kommt dann noch dazu, dass ich sehr wohl weiß, dass ich nicht wirklich falsch liegen kann: Erstens müssen meine Empfehlungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Und zweitens kann ich nur Punkte im Möglichkeitenraum zeigen. Das ist mein Bild dafür: Jeder hat viele, viele Möglichkeiten, viel mehr als wir alle sehen und wir selbst noch dazu. Doch die eine Möglichkeit führt zur anderen: Haben wir zu früh auf eine Möglichkeit gezeigt, die ex post betrachtet nicht die beste war, kommt schnell der Gedanke an vertane Chancen.

Ex post weiß man es immer besser

Das kenne ich von mir: Vom Typus spricht bei mir ex post betrachtet viel für eine wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Tätigkeit. Aber ist der Weg den ich gegangen bin, nicht viel interessanter? Das ich nicht das optimal zu mir passende gewählt habe, war also rückwärtsbetrachtet ein Segen. Denn es gibt auch das Unternehmerische in mir, vielleicht ist es genauso stark.

Übrigens ist das ein Beispiel für Komplexität. Diese lässt sich immer nur rückwärts analysieren. Berufswahl ist komplex. Heute vielleicht sogar mehr noch als damals.

Intelligenz zählt… doch wie viel?

Mein Sohn macht dieses Jahr Abitur. Vor drei Jahren habe ich bei Karrierefuchs Hamburg von Hannae Tominaga, die einst bei mir im Karriereexperten Seminar Teilnehmerin war, seinen IQ testen lassen. Ganz bewusst mit dem IST-2000, der keine konkreten IQ-Werte auswirft, wenn man diese nicht haben will. Davon halte ich nämlich nichts. Das liegt zum Teil an einem Schlüsselerlebnis, dass ich selbst mit 17 hatte. Im Fach Erziehungswissenschaften machten wir einen Kurz-IQ-Test. Neben mir saß jemand, dessen IQ in diesem Kurztest unter 100 lag (ja, unseriöserweise wurden die Ergebnisse in „das entspricht etwa“ übersetzt, ein absoluter Anwenderfehler. Außerdem testet man nicht in der Gruppe). Ich war peinlich berührt, denn damit kann man eigentlich kein Abi machen, sagte der Pädagoge und zeigte eine Übersicht mit Korrelationen.  Ja, pädagogisch war dieses Experiment völlig daneben. Aber spricht man von prägenden Erlebnisse, so gehört dieses zu meinen.

Je jünger, desto schwieriger die Selbsteinschätzung

Mein Sohn jedenfalls schnitt im IST-2000 überdurchschnittlich bei Sprache, Logik und einem Teil der Matheaufgaben ab. Leicht unterdurchschnittlich – Vergleichsgruppe Gymnasiasten – war er bei räumlichem Vorstellungsvermögen. Das entspricht weitgehend meiner selbst gefühlten „Leistungskurve“, obwohl ich außer diesem Kurztest nie einen richtigen gemacht habe – und es deshalb nur vermuten kann. Doch man merkt im Laufe der Studien-und Berufsjahre auch ohne Test, wo man besser abschneidet, schneller ist oder nicht so gut ist, einfach am Vergleich mit anderen. Jedenfalls mit einem realistischen Selbstbild. Das allerdings ist schon nicht selbstverständlich: Manche überschätzen sich, anderer unterschätzen ihre Leistungen.

Junge Menschen sind unsicherer in der Selbsteinschätzung

Je jünger Menschen sind, desto weniger unterschiedliches Feedback haben sie bekommen und desto wahrscheinlicher ist, dass Selbst- und Fremdbild auseinanderklaffen. Und das passiert leicht. Beispielsweise reicht es, Mädchen vor einem Mathetest bewusst zu machen, dass sie Mädchen sind – schon gibt es schlechtere Testergebnisse. Das nennt sich Priming, und solche Effekte haben natürlich ebenso Einfluss auf Entscheidungen. Und wirken sowohl auf Selbst- als auch auf das Fremdbild. Da kann es leicht sein, dass man in sein Selbstbild aufnimmt, was objektiv schlicht nicht stimmt.

Mein Berufsleben hat mir allerdings öfter die Bescheinigung geliefert, dass ich bei der Schätzung von Größenverhältnissen falsch liege. Vielleicht war ich immer geprimt. Möglicherweise ist es aber Folge einer Selbstbestätigungstendenz. Vielleicht aber auch ein Fakt. Und noch wahrscheinlicher beides und vieles mehr. Wir unterschätzen die Zahl der Variablen. Und Berufswahl ist nicht kompliziert, sie ist komplex.

Das Ausschlussprinzip ist leichter

Da bei meinem Sohn aber auch keinerlei Interesse für Konstruktionsberufe besteht, konnten wir Architekt und Ingenieur zumindest vorläufig ausschließen. Ich sage bewusst vorläufig, denn zum Zeitpunkt des Tests war er 15 – und da kann sich viel ändern, so wie übrigens das ganze Leben. Nur ist die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung im jungen Alter eben deutlich höher.

Nun gibt es Tests und die Lebens- und Schulpraxis – da mag es bei einigen einen Gap geben. Die sehr guten verbalen Fähigkeiten machten sich bei meinem Sohn aber schon früh in der Schule bemerkbar: In Deutsch, Religion und überall, wo man schreiben und schreibend analysieren muss, schnitt er meist besser ab als der Durchschnitt. Auch bei wechselnden Lehrern.

Frage der Fragen: Woher kommt Talent?

Aber woher kommt das? Fragt man sich, was mehr prägt: Gene oder Kontext, wäre mein persönlicher Schluss daraus: Offenbar der Kontext, denn sowohl mein Mann als auch ich hatten und haben immer schon viel mit Sprache zu tun. Wir sind beide auf jeweils unterschiedliche Art logisch-analytisch (ich intuitiv, mein Mann sensorisch) und können gut mit Sprache umgehen. Die Wissenschaft spricht von einer Gen-Umweltkorrelation. Die Gene brauchen ein entsprechendes Umfeld um sich zu entfalten. Nichts „wächst“ im leeren oder (intellektuell) hohlen Raum.

Das Schulpraktikum: Wichtiges Schlüsselerlebnis

Zwei Jahre vergingen. Im Schulpraktikum hatte mein Sohn die Chance (Danke, Jutta für dein Vitamin B!) bei IBM Watson ein Praktikum als Data Scientist zu machen. Das war ein Treffer. Das vorherige Schülerpraktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei dagegen weniger.

In der Kanzlei merkte der Sohn, dass ihm das doch zu konservativ war und er keine Lust hatte, sich mit Scheidungsangelegenheiten oder kleinkariertem Streit um Gartentore zu beschäftigen.

Schulpraktika halte ich für eine sehr wichtige Gelegenheit, die selten gut und bewusst genutzt werden. Wenn ich zurückdenke, waren meine Schlüsselerlebnisse eher Ferienjobs nach dem Abitur, in denen ich jeweils hoffnungslos scheiterte.

Feedback zeigt, wer man ist

In einem Job sollte ich beispielsweise Arzneimittel für Firmen zusammenstellen, auf Basis von Bestellungen. Ich war langsam, ungenau und hatte keine Lust mit den Kolleginnen über Cora-Hefte zu schnacken. Man schmiss mich raus. Das passierte mir noch zwei Mal. Mein persönliches Fazit und das meiner Umwelt war, dass ich gänzlich ungeeignet für jede Art von Service und Assistenz war. „Träumerle“ nannte mich eine Filialleiterin einmal und in gewisser Weise war das auch ein Schlüsselerlebnis. Andere nannten das weniger charmant „Denkmaschine“. Vielleicht hätte ein Test schneller angezeigt, dass meine Persönlichkeit nicht gut mit Jobs harmoniert, in denen man logistisch oder strukturierend oder sehr detailorientiert tätig ist. Die Erfahrung aber war eindeutig prägender.

Berufspraktikum: Die grobe Richtung klärt sich scheinbar

Mit dem Praktikum bei IBM hatten wir jedenfalls eine grobe Richtung ausgemacht – Informatik oder Wirtschaftsinformatik. Denn klar wurde spätestens da auch: Ein Nerd ist er nicht. Mehr der analysierende Typ, der gern fachlich und faktenbasiert kommuniziert.

Aber es gibt einen weiteren beruflich relevanten Aspekt: Mein Sohn ist ein guter Musiker, hat ein feines Gehör, spielt seit zehn Jahren Cello. Und er ist kreativ. Beispielsweise hat er ein eigenes Geschichts-Kartenspiel entwickelt und designt.

Als diese Stärke sichtbarer wurde, kamen mir Zweifel an der Fachwahl. Zwar räumte er in der Oberstufe oft die besten oder zweitbesten Noten in Matheklausuren ab, aber unter Mathegenies wäre er schnell abgehängt.

Der kommunikative Aspekt wurde auch sichtbarer. Seit kurzem coacht er mich bei meinen Youtube-Videoversuchen und wir wollen jetzt mit besserer Ausstattung den nächsten Schritt gehen. Als ich merkte, wie gut er dabei ist, Themen mit mir herauszuarbeiten und Inhalte zu fokussieren, fragte ich mich, ob das nicht auch eine Richtung sein könnte.

Unsere Testlawine: Von Keirsey bis Geva und RIASEC

Also habe ich ihn einer Testlawine unterzogen. Ich kann die MBTI-Typen meiner Kunden oft sehr schnell erkennen. Ehe hier Protest kommt: Mir ist klar, dass es ein Typenindikator und kein Test ist, das also Präferenzen abgefragt werden. Die sich ändern können. Ich habe mehrere MBTIs, Insights und Keirseys absolviert und war immer ein sehr deutliches N (also intuitiv). Weniger klar ist das das T und das J. Mein Sohn wie auch ich sind aber eher introvertiert – und zwar im Sinne C.G. Jungs der Energiebalance. Den Stereotyp des stillen und zurückhaltenden Intros erfüllen wir nicht. Das ist mir sehr wichtig: Introversion erkennt man nicht am Verhalten, sondern an den Bedürfnissen. Da irren sich auch professionelle Coaches oft noch sehr.

So vermutete ich, dass er ein Guardian – ISTJ – sein müsse. Das stimmte, das Ergebnis im Keirsey (ähnliche MBTI) gab mir also noch mal Sicherheit – und war für ihn interessant. Es erklärte nämlich unter andere auch die fundamentalen Unterschiede zwischen uns.

Ich zitiere Wikipedia:

N – intuitiv: „Der intuitive Geist verlässt sich stärker auf seinen sechsten Sinn, also auf die Interpretation und den Gesamtzusammenhang. Er achtet eher auf das Ganze als auf dessen Teile und ist eher zukunfts- und Möglichkeitenorientiert. Er steht außerdem mit Kreativität in Verbindung in Form einer besseren Fähigkeit zu divergentem Denken.“

Und S:

S-sensorisch: „Der sensorische Geist gewichtet die „Rohdaten“ bzw. unmittelbaren Eindrücke am höchsten. Er ist detailorientiert und exakt im Verarbeiten von konkreter Information sowie im Begreifen des Hier und Jetzt. Es wird davon ausgegangen, dass Sensoriker etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung ausmachen.“

Interessiere ich mich für Möglichkeiten oder Details und das Jetzt?

Diese Unterschiede merke ich in der Zusammenarbeit mit Kollegen – und diese mit mir – , aber auch im Alltag mit ihm immer wieder. Dabei frage ich mich allerdings, ob sie aus einem natürlichen Abgrenzungswunsch entstanden sein könnten. Schließlich habe ich unzählige Male erlebt, dass in der Phase der ersten Neuorientierung (siehe Karrierelebensphasen) plötzlich etwas bis dahin „Abgespaltenes“ herauswill. Folgt man einer psychologischen Theorie, hat jeder alles in sich, verteilt es nur auf verschiedene Identitäten (siehe Drei-Welten-Modell der Systemiker) und unterschiedlichen Lebenszeiten. Ist es also vielleicht ein Unbewusstes „wenn ich schon keine Geschwister habe, von denen ich mich abgrenzen kann, dann wenigstens von meiner Mutter“?

Daraus ergeben sich unterschiedliche berufliche Präferenzen, einen Beruf macht es noch nicht. Doch auch Präferenzen sagen etwas darüber aus, wie jemand mit einem Arbeitsumfeld umgehen wird. In der Arzneimittelfirma hätte mein Sohn anders als ich wohl einen guten Job gemacht.

Geva-Test: Ein sehr lückenhafter „Kurz-IQ“

Aber immer noch fehlt etwas für eine Entscheidung. Soziales Jahr? Fände ich gut, will er aber nicht. Er will loslegen. In der Not frisst der Teufel Fliegen und deshalb habe ich auch einen (drei Stunden dauernden) Geva-Test machen lassen. Davon halte ich nicht viel: erstes aufgrund eigener Ergebnisse (die sehr daneben lagen) und zweitens aufgrund der Erfahrung mit Kunden, die hier eine unpassende Empfehlung erhalten hatten. Drittens ist nach drei Stunden jeder genervt. Es werden so viele Mosaikteilchen getestet, dass zwar viel zusammenkommt, das einzelne Teilchen aber dünn und brüchig ist.

Im Geva-Test schloss er z.B. bei Konzentration unterdurchschnittlich ab, wobei ich immer wieder sehe, dass das Gegenteil der Fall ist. In Mathe waren die Ergebnisse schlechter als im IQ-Test. Mir scheint, dass ist der Kürze der Aufgaben geschuldet. Sprachlich allerdings war er wieder einmal überdurchschnittlich. Und auch in Sachen Logik lag er deutlich rechts überm Balken.

Die Berufsempfehlungen dagegen enttäuschend: IT-Systemkaufmann ist nicht das, was er machen möchte. Wir denken eher an Digitale Forensik oder etwas im Bereich Kriminalistik oder Security. So speziell sind die Empfehlungen des Tests aber nicht: Da war neben Wirtschaftsinformatik und Psychologie noch Computerlinguistik dabei. Darüber werden wir mal nachdenken.

Noch mehr Tests für die Berufsfindung

Weiter geht’s´. Völlig daneben lag der Berufsinteressenttest (BIS). Ganz oben stehen da Lebens-und Nahrungsmittel und als Empfehlung werden gastronomische Berufe abgeleitet. Das passt gar nicht. Nur weil jemand gern kocht und isst, muss (und will) er kein Koch werden. Moderne Berufe und Tätigkeiten wie programmieren oder Videoschnitt und Bildbearbeitung sind gar nicht dabei, so dass es schon bei der Datenbasis hakt.

Aufschlussreicher der RIASEC nach John Hollande, mit dem ich immer schon viel gearbeitet habe. Er wird auch „Strong interest inventory“ genannt und ist wissenschaftlich weit mehr angesehen als der MBTI. Hier gibt es zahlreiche Korrelationsstudien mit den Fünf-Faktoren-Inventaren NEO-PI-R und NEO-FFI oder auch dem ebenfalls gebräuchlichen 16PF.

Erwartungsgemäß ist die soziale Ader gering ausgeprägt. Das Interesse im RIASEC liegt bei „conventional“ und „entrepreneurial“ im überdurchschnittlichen Bereich.  Conventional ist begrifflich vielleicht etwas irreführend: Es meint organisierend-strukturierende Tätigkeiten.

Letztendlich bestätigen alle Tests vor allem nochmals einen Ausschluss: Sicher kein Mediziner, eindeutig kein Ingenieur und auch kein Naturwissenschaftler. Alles andere ist ein großes Vielleicht. Das ist übrigens ganz typisch bei der Berufswahl in diesem Alter. Deshalb geben Eltern so viel Geld aus, damit ein Berater ihnen den Umgang mit dieser Komplexität abnimmt. Besser wäre, diese auszuhalten.

Das Wichtigste, die Erfahrung fehlt

Es fehlt nämlich etwas Entscheidendes: Die Erfahrung. Nach meinen Erlebnissen beim Jobben, entschied ich mich für ein Praktikum in einem Heilpädagogischen Kindergarten. Ich hatte Riesenspass in der Arbeit mit Autisten – doch in Sachen Kümmern und Pflegen war ich eine ausgewiesene Null. Meine unbewussten Ziele führten mich woanders hin. So achtete ich nicht auf diesen bei diesem Beruf so Wichtigen Aspekt des Versorgens, sondern war mit dem intellektuellen Verstehen beschäftigt.

Später arbeitete ich neben dem Studium in einem Haus für Erwachsene mit geistiger Behinderung. Ich merkte, wie mich der direkte Kontakt überforderte, ich aber immerzu wissen wollte, warum es zu den Behinderungen gekommen war, welche Perspektiven sie haben und welche neuen Fördermöglichkeiten es gibt. Ich war da ganz anders als die angestellten Sozialpädagogen. Und so spürte ich deutlich, dass ich nicht zu ihnen gehören würde. Kein Test hätte das so zeigen können, denn mein selbst wahrgenommenes Interesse zu der Zeit war eher ein soziales.

Die Erkenntnis kommt durch Erfahrung

Dass ich ein unternehmerisch-forschendes Interesse hatte (RIASEC I und E), konnte ich erst in Worte fassen als ich spürte, dass auch mein von vielen wahrgenommenes Talent, das Schreiben, mich nicht in die richtige Richtung führte. Ich vermute, auch meine Kreuze im RIASEC wären damals anders ausgefallen als heute.

Ich machte ein Volontariat und merkte, dass ich keine Auftragsschreiberin bin und dieser Beruf schon von daher nichts für mich ist. Ich schrieb, um die Welt und Themen zu verstehen – aber nicht, weil mir jemand ein Thema gegeben hat. Hatte ich etwas verstanden, wurde es langweilig. Sobald ich aber etwas schreiben musste, was vorgegeben war, so konnte ich es nicht. Bei der mündlichen Kommunikation ist es ebenso. So ist es für mich fast unmöglich, zwei Mal dasselbe Training durchzuführen. Ich optimiere laufend, anstrengend für meine Kollegen, gut für Qualität und Stoffentwicklung.

So schreibe ich typischerweise drauflos und strukturiere meine Gedanken beim Schreiben und auch Reden. Intuitives extravertiertes Denken nach C.G. Jung.

Ich weiß nicht, ob ein Test mir geholfen hätte, früher klar zu sehen. Ich weiß nur eins und das sehr sicher: Berufsorientierung ist ein sehr komplexes Feld. Und sie ist ein Prozess, der nie wirklich abgeschlossen ist, denn wir lernen das ganze Leben über uns dazu. Die organisationale, professionelle und private Identität bedingen sich gegenseitig. Un dam Ende geht nichts geht dabei über berufliche Schlüsselerlebnisse und konkrete Erfahrungen. Und so gern ich meinem Sohn weniger positive – also oft eben prägende – Erlebnisse ersparen würde, so sehr weiß ich, dass er sie auch braucht.

Sie sind selbst Coach und wollen ihre Arbeit auf die nächste Stufe heben? Dann interessiert Sie vielleicht eine Teilnahme an Karriereexperte Professional.

Beitragsfoto: Von Alberto Andrei Rosu – Shuttstock.com