Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum Intros nicht still sein müssen, Flexible strukturiert sein können und Empathische auch mal kalte Schnauze zeigen dürfen

By |2019-02-10T11:00:44+02:0010. Februar 2019|

In unserer Ausbildung TeamworksPLUS haben wir im letzten Modul Rollen getauscht. Da ging es um Persönlichkeit – und Persönlichkeits-Stereotypen. Der Extro spielte den Intro, der Strukturierte den Flexiblen. Ein Perspektivenwechsel, bei dem TeilnehmerInnen bewusst wurde, dass es gar nicht so leicht ist, sich in die Haut eines anderen einzufühlen. Ja, genau, ich meine FÜHLEN. Verhalten spielen kann jeder. Fühlen ist eine andere Dimension.

Wie sich die ANDERE Seite anfühlt

Wir können uns schlichtweg nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Mutig, ängstlich, kreativ – was auch immer. Und deshalb greifen wir auf Bilder zurück, die wir in unserem bisherigen Leben gehört und abgespeichert haben. Die sind wie Fotos, stellen nur einen winzigen Ausschnitt da, einen Schnappschuss. Und der zeigt oft das gewünschte Stereotyp der Persönlichkeit und spiegelt Vorurteile – und Ahnungslosigkeit.

Stereotype über das ANDERE

Beispiele gefällig? Manche behaupten Berater, Redner oder Manager müssten extrovertiert sein. Andere unterstellen Extrovertierten automatisch Vertriebslust. Flexible sind keine guten Projektmanager und können keine Unternehmer sein – noch so ein Vorurteil.

Ich als Vielschreiberin werde manchmal schief angesehen, weil es für strukturierte Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist, dass jemand der wie ich ohne (bewusst) zu denken drauflos schreibt – und ebenso redet – eine Struktur über hunderte von Seiten herstellen oder einen in sich geschlossenen Vortrag halten kann.

Den Strukturierten wiederum wird unterstellt, sie sie seien nicht kreativ. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie gute Ideen haben. Wer immerzu plant, kann schließlich nicht loslassen.

Die Stereotype sind so zahlreich wie die Sterne am Himmel und bisweilen machen sich Wissenschaftler daran, diese zu belegen: In der aktuellen Manager Seminare (2.2019) habe ich von einer Studie gelesen, die nachweisen soll, dass Empathische oft schlechtere unternehmerische Entscheidungen treffen, weil sie sich zu sehr an anderen orientieren.  Sie sind dann zu rücksichtsvoll. Die weniger als Emphatisch wahrgenommenen Menschen wissen, was man ihnen nachsagt: Sie seien kalt und rücksichtslos. Aber ein Unternehmen traut man ihnen an 😉

Hier einige sehr verbreitete Stereotypen:

  • Intros sind still und schüchtern. Sie reden nicht gern vor Publikum.
  • Extros sind laut und selbstbewusst. Sie haben keine Angst auf der Bühne.
  • Sachliche (distanzierte) Menschen haben wenig Emotionen und sind deshalb harte Hunde (und ideal als Manager)
  • Emotionale (empathische) Menschen haben viele Emotionen und sind deshalb rücksichtsvoll und freundlich.
  • Strukturierte sind ordnungsliebend. Wer Ordnung liebt, kann nicht kreativ sein.
  • Flexible sind Freigeister, die sich an keine Pläne halten. Wer so ist, kann schlechter Ordnung noch Strukturen schaffen.

Persönlichkeit ist zu komplex, also vereinfachen wir drauflos…

Erwischt? Natürlich ist das alles Quatsch. Das introvertierte Bedürfnis nach Rückzug hat nichts mit Schüchternheit oder Stillsein zu tun. Gerade Introversion kann von außen lediglich über einen langen und alle Lebensbereiche betreffenden Zeitraum von anderen „erfahren“ werden. Ich habe auch stille Extrovertierte erlebt.  Schüchtern können beide sein – ebenso wie Selbstbewusst oder selbstunsicher.

Mehr Psychologie-Kenntnis bedeuten mehr Menschenkenntnis

Mich wundert, dass eine derartige „Komplexitätsreduktion“ vor allem auch unter Personen verbreitet ist, die als Berater mit der Digitalisierung zu tun haben und sich an anderen Stellen zeitgemäß und zukunftsgerichtet geben. Die Psychologie führt leider ein Nischendasein im Management und bleibt einigen Personalern vorbehalten, die von entscheidender Stelle nicht richtig ernst genommen werden. Doch Psychologie ist viel mehr als ein Stereotypen-bestätigender Persönlichkeitstest… Wer sich nicht nur an der Oberfläche irgendwelcher Typentests mit der Psyche und dem Gehirn beschäftigt, verbessert seine Menschenkenntnis. Bei Veränderungsprozessen ist das nicht nur wichtig, sondern notwendig. Denn vielfach widmen wir uns lediglich den Sachprozessen – so gehen zwei Drittel aller Change-Vorhaben schief. Hierzu habe ich ein Webinar bei Edudip aufgezeichnet.

Persönlichkeit ist komplex und der Kontext erst recht

Die Persönlichkeit eines Menschen ist unglaublich komplex, zumal sie nur in der Wechselwirkung mit der Umwelt und ganzheitlich zu verstehen ist.  Mindestens sollte man das systemische Drei-Welten-Modell heranziehen, um beobachtete Eigenschaften zu hinterfragen. Dann wird man feststellen, dass jemand im Privatleben äußerst extrovertiert sein kann, in Beruf aber still ist.  Was ist er/sie dann? Es gibt die Theorie, dass in jedem alles ist, es verteilt sich nur….auf Lebensbereiche, vielleicht aber auch auf Lebensphasen.

Kurzum: Prognosen über das Verhalten eines Menschen sind unmöglich, weshalb ich Tests fürs Recruiting ablehne. Zu viele Unbekannte spielen da hinein. Was aus jemand werden kann und wie er oder sich entwickelt, ist durch nichts und niemand berechenbar. Übrigens auch nicht durch ihn oder sie selbst.

Die Studienlage: Die Korrelation ist kein Beweis

Bei Teamworks haben wir einige Studien gelistet, eine zeigt beispielsweise, dass Extraversion nicht positiv korreliert ist mit Beratungserfolg in Veränderungsprozessen (hier).

Es ist vielmehr Ich-Entwicklung und das „N“ im MBTI. Intuitive Typen denken eher als Sensitive an der Zukunft – und in Möglichkeiten und Vorstellungen. Das entspricht meist einer hohen Offenheit für neue Erfahrungen in den Big Five. Die Wahrscheinlichkeit, dass Offene sich mehr mit Komplexität beschäftigen ist groß, denn Sie haben einfach eine höhere Affinität dazu. Doch Vorsicht vor dem Umkehrschluss, dass Sensitive schlechtere Berater sind.

Überhaupt sollten wir bei allen Studien immer bedenken: Eine Korrelation ist kein Beweis. Maximal zeigt sie Häufig- und Wahrscheinlichkeiten, manchmal auch gar nichts.

Uns leiten emotional aufgeladene Werte

Entscheidender ist die Ich-Entwicklung. Je reifer eine Persönlichkeit, desto weniger wird sie in Stereotypen denken bzw. eigene hinterfragen. Je reifer, desto mehr Sowohl-als-auch statt Richtig-Falsch wird möglich. Reife hat mit Alter nichts oder wenig zu tun, ist nicht gekoppelt an statische Eigenschaften und entwickelt sich in einem Reife fördernden Kontext. Sie ist also ganz und gar dynamisch, systemisch und flexibel.

Es ist also am Ende weniger Persönlichkeit als persönlicher „Wert“ – die Entscheidung, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte und worauf nicht. Je mehr in unseren Köpfen eine Seite als positiv besetzt ist und uns ergo als „Wert“ zu Handlung anstiftet, desto mehr folgen wir ihr.  Dabei erkennt man wahre Werte nur durch die Handlung. Eine einmalige Handlung aber sagt auch wenig aus und Ex-Post-Analysen beziehen sich auf die Vergangenheit. Für die Zukunft entscheidet jeder täglich neu – anhand seiner Ziele, die eben auch Werte spiegeln.

Wir beschneiden Möglichkeiten durch Stereotypen-Denken

Wer andere stereotypisch einschätzt, beschneidet Möglichkeiten, denn mit unserer Einschätzung wirken wir auf unsere Selbstwahrnehmung, beeinflussen aber auch die Selbstwahrnehmung anderer. Einige wenige starten vielleicht auch gerade deshalb durch, weil alle sie so sehr verkannt haben und ihr Wertesystem vom „was die anderen sagen, ist mir egal“ angetrieben werden, siehe z.B. Dieter Bohlen. Natürlich ist das Gegenteil der Fall, das Muster ist „Fahren im Gegenverkehr“ – aber wer das mal durchdenkt, kommt eh zu dem Schluss das Gegenteile sich auflösen, wenn man die Teile denkt. Oder das Bild der Homoöstase auch auf die Persönlichkeit bezieht. Extreme Zielorientierung verlangt ein enormes Selbstbewusstsein – oder eben das Gegenteil, eine enorme Verletzung – was auf dasselbe hinausläuft. In jedem Fall extreme Ausprägungen von etwas. Die meisten haben das nicht, das liegt schon in der Natur der Gaußschen Normalverteilung.

Also, zum Fazit: Persönlichkeit ist komplex, ihr Zusammenspielt mit der Umwelt auch. Schon deshalb sollten wir mit persönlichen Einschätzungen und unserem Selbst- und Fremdbild höchst vorsichtig sein. Einschätzungen auf der Basis küchenpsychologischer Bauchgefühle sollten wir besser sein lassen.

Beitragsbild YAKOBCHUK VIACHESLAV – Shutterstock.com

Bestsellerautorin (u.a. Campus, SpringerGabler) mit dem Mindset für eine gute Zukunft der Arbeit. Sieht Persönlichkeits- und Organisationsentwicklung als Schlüssel. Liebt es, Menschen zu unterstützen, ein NEXT LEVEL zu erreichen. Alle Angebote bei www.teamworks-gmbh.deBuchung |

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