Was treibt Sie im Leben an – oder vielmehr: was treibt sie so durchs Leben? Stellen Sie sich vor, dass aktives Antreiben von einem Magneten ausgeht, den Sie selbst mit Inhalt beschriftet haben. Passives Treiben dagegen ist ziellos. Etwas macht Ihnen von hinten Wind. Warum sie sich bewegen, wissen Sie auch nicht. Na, was ist angenehmer?

Halten Sie einen Moment inne. Reflektieren Sie, was sich Ihr Treiben (oder Getriebensein) in Ihrem Leben verändert hat, wo und wann passiv zu aktiv wurde, oder vielleicht auch umgekehrt. Welche Phasen gab es?

Wenn wir bewusst wahrnehmen, stellen wir fest, dass hinter all unserem aktiven Treiben Fragen stehen, auf die wir uns nach und nach selbst Antworten geben. Die Antworten auf diese Fragen spiegeln unsere Werte, also das was wir als folgenswert erachten. Passives Treiben hat keinen Anker, folgt keinem Wert, jedenfalls wenn es über Jahre und Jahrzehnte dauert. Vielmehr treiben Nicht-Werte. Das sind Werte, die nicht aktiv sind, nicht leuchten und den Weg zeigen. Die unser Wachstum nicht fördern und unsere Lebensringe nicht erweitern wie das bei Bäumen passiert.

Karrierelebensphasen

Die Karrierelebensphasen begleiteten viele Teilnehmer meiner Ausbildungen und Workshops. Das früher verwendete Modell habe ich inzwischen überarbeitet. Ich habe das Wort „Karriere“ gestrichen, denn Karriere im Sinne der beruflichen Weggestaltung lässt sich nicht vom Leben trennen, es ist Teil davon. Es beruht auf meinen Erfahrungen aus Tausenden Coachings, Ausbildungen und Prozessbegleitungen. Meine Lebensphasen zeigen, wodurch unsere Entscheidungen jeweils geprägt sind, und wie sich Werte entwickeln. Ich bin auch öfter von Personalabteilungen angesprochen worden. Bei der Karriereplanung ist es ein wichtiger Aspekt, nicht nur auf Persönlichkeit und Fähigkeiten zu blicken, sondern auch auf die Lebensphasen. Würde HR diese besser berücksichtigen, würde es leichter gelingen, Talente zu halten.

Später habe ich entdeckt, dass sich meine Phasen ziemlich gut in das Modell von Erik Erickson fügen, der mit seiner Ehefrau acht Phasen beschrieb. Erickson war übrigens kein Wissenschaftler, er hatte nicht mal ein Studium. Forschungen betrieb er zusammen mit seiner Ehefrau. Er ist für mich deshalb auch ein schönes Beispiel für einen Menschen, der eine gesunde integrierte Identität entwickeln konnte – in dem Fall forschen, ergründen, in gesunder Beziehung stehen, nachhaltig sein. Es gab keine Uni, die ihn zwang, Punkte zu ergattern oder sein Treiben lenkte. Er hatte den Magneten.

Den eigenen Möglichkeitenraum ausdehnen

Es erschien mir in den letzten Jahren zunehmend sinnloser, von „Karriere“ in Abgrenzung zu „Leben“ zu sprechen oder „Karrierecoaching“ in Abgrenzung zu „Business Coaching“ oder „Life-Coaching“. Es war noch nie klar abgrenzbar. Mit zunehmender Bewusstheit für den Kern von Agilität steigt die Akzeptanz dafür. Die Praxis zeigte schon immer: Viele Menschen denken, sie hätten ein Karriereproblem, aber in Wahrheit leiden sie z. B., weil sie einsam sind. Karriere ist ein Placebo, wichtig aber die Wirkung kommt nicht vom Inhalt.

Karriere in seiner Bedeutung als Berufsweglebensgestaltung berührt zugleich immer auch das Leben, sowie auch das Leben außerhalb des Berufs immer den Beruf berührt. Karriere ist, wenn man den tieferen Sinn verstanden hat, Persönlichkeitsentwicklung, im Gegensatz zu Persönlichkeitsfixation. Unser Möglichkeitenraum wird im Laufe der Karrierelebensphasen ausgedehnt. Er wird weiter in Raum und Zeit. Er verändert seine Form und sein Potenzial mehr zu werden zu jeder Zeit. Er wächst mit den Verbindungen in unserem Gehirn. Er dehnt sich aus, oder er schrumpft.

Ich habe einmal überlegt, wie es wohl wäre, wenn wir alle Entscheidungen nur noch würfeln würden. Es wäre jedenfalls eine gute Übung für all jene, die sich wenig zutrauen und dazu neigen, ihren Möglichkeitenraum schrumpfen zu lassen. Aber auch anstrengend.

Den Möglichkeitenraum, übrigens eine Metapher aus meinem Buch „Mindshift“ (Campus, 2019) beschreiten wir durch unsere stets Wert- oder nicht-Wert-getriebenen Entscheidungen. Dabei erweitern und begrenzen wir ihn zugleich. Je mehr Werte treiben, desto größer die Ausdehnung. Nicht-Werte dagegen begrenzen. Über die Karrierelebensphasen verändern sich diese Werte und Nicht-Werte. Sie entscheiden darüber, wie sich andere, individuellere Werte im Leben zeigen.

Die 4 Karrierelebensphasen im Detail

Karrierelebensphasen nach Svenja HofertJede Karrierelebensphase bildet einen Teil unserer Identität und erweitert diese. Aus einem „ich bin Data Scientist“ wird durch diese Ausdehnung im Möglichkeitenraum, auch der Sprache, ein „ich trage zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Daten bei“. Das Selbstverständnis dehnt sich, der Radius wird größer, der Fokus verwandelt sich von einer Ich- zur Wir- und von einer Wir- zur Wir-alle-Orientierung.

Die Phasen sind Lebensphasen, die jeder durchläuft, es sind nicht unbedingt auch Entwicklungsphasen im Sinne von Ego Development. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass diese Lebensphasen Hand-in-Hand mit Ich-Entwicklung gehen, ist ziemlich groß.

Die Entreephase: Ankommen

In der „Entreephase“ treibt die Frage „wozu gehöre ich?“ und der Wunsch anzukommen. Auch wenn die Frage beantwortet zu sein scheint, können in jungen Jahren wenige Erlebnisse und Begegnungen, schnell „logisch“ erscheinende Antworten fundamental ändern, was viele Eltern zur Verzweiflung bringt. Doch das ist normal. Es ist die Phase des ersten beruflichen Findens, und es muss viel gesucht und viel gefunden werden.

Schließlich geht es um nichts weniger als die lebenslange Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die auch dann noch bestehen bleibt, wenn man ihr den Rücken gekehrt hat. Und damit immer auch die mehr oder weniger bewusste Abgrenzung von anderen Gruppen.

Der Weg zum Entree kann durch Anpassung an familiäre oder schichtenspezifische Standards oder durch deren Ablehnung erfolgen. Ich kann sagen „ich studiere Jura“, weil das in meinem Umfeld ein übliches und anerkanntes Berufsbild ist. Oder ich sage, dass ich meinen eigenen Weg gehen möchte und Jura studiere, obwohl dieser Weg der Familie fremd bisher fremd war. Das Ergebnis bleibt ein Jurastudium.

Berufs- oder Sinngemeinschaften

Menschen fühlen sich Berufs- und Sinngemeinschaften zugehörig, wobei unter Sinn auch die „Gesinnung“ fallen kann, also die Werterichtung, an der sich das Denken orientiert. Immer öfter zerfließen dabei frühere berufliche Grenzziehungen.

Nehmen Sie Greta Thunberg. Sie ist eine idealistische Persönlichkeit, aber ob sie wirklich schon in der Karrierephase ist und sich mit der Frage, wer sie eigentlich ist und sein will, beschäftigt hat, ist unklar.  Die Integrationsphase hat sie wohl noch nicht erreicht, ebensowenig wie die Sinnphase. Denn im Unterschied zur Ich-Entwicklung, sind die Karrierelebensphasen absolut auch ans Alter und Altern gebunden.

Multi-Identitäten

Worin eine berufliche Identität besteht ist heute immer schwerer zu erfassen, je mehr sich traditionelle Berufsvorstellungen auflösen und sich die damit verbundenen Bezugsgruppen ändern. Sie werden bei einigen Menschen deutlich heterogener: Schauen Sie sich etwa den interessanten Lebensweg der Psychologin, Politikerin und Autorin und Künstlerin Marina Weisband an, der ehemaligen Piraten-Geschäftsführerin, die auch bekennende Jüdin ist. Eine umfassende und lebensbereichübergreifende Identität.

Jeder Mensch braucht diese „Markierungen“ durch Identitätspunkte und es ist spezifisch, dass diese sich in der Entreephase zeigen und klären. Der mit der Entreephase verbundene Wert ist „Finden“. Es gilt als erstrebenswert, gefunden zu haben. Der Nichtwert ist „Suchen“ – wobei natürlich auch Suchen ein ganz wichtiger Wert sein kann, aber eher vorübergehend.  15 Jahre nach dem Abitur immer noch zu suchen, ist oft mit Identitätsbezogenen Problematiken verbunden.

Abgrenzung vom Bekannten

Menschen, die den strukturellen Weg der „Abgrenzung“ vom Bekannten wählen, fehlt in ihrem Berufslebensweg oft etwas Vertrautes, an dem sie sich orientieren könnten. Wie verhält man sich in Gesellschaft? Wie und über was redet man? Der Habitus ist so eine Orientierungsgröße und wirkt dabei wie ein unsichtbares Kleid: Einige wissen nicht mal, dass er ihr Erscheinen entscheidend prägt  (hier empfehle ich das Buch „Habitus“ von Doris Märtin). Deshalb ist es für das Coaching oft hilfreich, in dieser Phase nach einem „Role Model“ im Familiensystem zu suchen, zum Beispiel einem Familienrebell, der auch einen eigenen Weg gegangen ist.

Wer eine Identität haben will, muss sich festlegen

Immer wieder passiert es, dass Menschen sehr lange nach einem Entree suchen und mehrere negative erste Berufsorientierungs-Erfahrungen machen. Nichts passt, nichts ist auf Dauer interessant. Das erklärt man gern mit einer „Scannerpersönlichkeit“ oder Hochbegabung und Hochsensibilität. Meiner Erfahrung nach ist es oft aber (auch) etwas anderes: Die fehlende Bereitschaft, sich festzulegen oder/und ein Berufsbild von Spaß und Selbstverwirklichung, das zu früh kommt – bevor man etwas tiefer gelernt und erfahren hat. Der Möglichkeitenraum scheint dabei immer gleich groß zu bleiben, in Wahrheit nehmen sich diese Menschen Möglichkeiten, weil sie keine Entscheidungen treffen. Das ist als versucht man ein Haus zu bauen, hat aber gar keinen Boden und kein Fundament.

Der Berufungsgedanke beruht auf veralteten Grundannahmen

Nicht selten haben Personen, die die Entreephase nicht abschließen können, nie gelernt, dranzubleiben. Sie erwarten vielmehr dauernde Inspiration oder intrinsische Motivation. Dahinter kann ein Bild von Begabung und Berufung als „gottgegeben“ stehen, das ich für äußerst kontraproduktiv halte, da es dem Growth Mindset-Gedanken (dazu Artikel im Teamworks-Blog) komplett zuwiderläuft und auch nicht kompatibel mit der neueren Gehirnforschung und Erkenntnissen der Epigenetik ist. Die besagen ganz klar: Wir bauen unser Gehirn, wir trainieren es und wir sorgen auch für Umbaumaßnahmen. Da ist nichts, dass das von oben oder Geburt an lenkt. Es ist schwierig, dass dieser  Glaube in vielen Köpfen grassiert. Die Herkunft liegt im religiös geprägten Counseling der 1970er Jahre und ist mit Namen wie Barbara Sher und Richard Nelson Bolles verbunden. Keine Frage, diese Autoren waren sehr wichtige Wegbereiter, aber sie wussten eben noch nicht, was wir heute wissen!

Erik Erickson sieht in seiner Phase 1 die Pole Urvertrauen versus Urmissvertrauen und in seiner Phase 2 Autonomie versus Scham/Unsicherheit. Vertrauen und Autonomie sind wichtige Voraussetzungen für ein gelungenes Entree, Misstrauen und Unsicherheit legen eine schlechte Basis. Deshalb ist frühe berufliche Stabilisierung so wichtig und sollten erste Berufsentscheidungen eng stärkenorientiert fallen – egal welche Jobs nun Zukunft haben.

Das Urvertrauen ist auf frühe Erfahrungen zurückzuführen, oder vielmehr auf das, was jemand aus ihnen macht. Scham und/oder Unsicherheit führen oft zu einer Orientierung an anderen. Das kann eine Möglichkeit zur Heilung und Überwindung der Unsicherheit sein oder diese manifestieren. Heilung ist vor allem dann wahrscheinlich, wenn eigene Fähigkeiten einen Resonanzboden bekommen – wodurch Loslösung möglich wird.

Karrierephase: Sich beweisen

Diese Phase braucht die vorherige – andernfalls wird ein Job an den anderen gereiht, der Wunsch nach „Ankommen“ wird jedoch bleiben und für dauernde Unzufriedenheit erzeugen. Wer nicht ankommt, kann sich dort auch nicht beweisen. Es fehlt etwas Entscheidendes.

Was nicht heißt, dass Berufswechsel zu vermeiden sind, ganz im Gegenteil. Heute schaffen manchmal erst zwei oder drei unterschiedliche Ausbildungen, Studiengänge und/oder Erfahrungen ein individuelles Profil. Bei einigen wiederholt sich das Duett aus Entree- und Karrierephase zwei- oder mehrmals, wenn etwa die Designerin nach der Verlagskarriere ein Psychologiestudium aufsattelt und danach Therapeutin wird. Das verändert auch die vorherige Identität, idealerweise integriert man alle Erfahrungen. Psychische Probleme entstehen meiner Erfahrung nach, wenn das nicht geschehen kann, beispielsweise weil die erste Erfahrung als „aufgezwungen“ wahrgenommen wird und nicht angenommen werden kann, dass ein Mensch auch dann er oder sie selbst bleibt, wenn ihm oder ihr das einmal wiederfahren ist. Hier kann man als Coach sehr gut mit Ansätzen aus ACT (Akzeptanz Commitment Therapie) arbeiten.

Fundament nötig

Wer nicht gefunden hat, kann kaum etwas leisten, seine Stärken leben, Erfolge genießen. Das erklärt jene Berufsbiografien, in denen zum Beispiel eigene Stärken nicht wahrgenommen werden können. Es fehlt das Fundament. Persönliches Erfolgserleben braucht die Verknüpfung mit etwas, das eine Identitätsgrundlage bietet, auch und gerade durch Abgrenzung zu etwas anderem entsteht Identität. „Das bin ich nicht“ ist deshalb genauso wichtig wie „das bin ich“ oder „das kann ich werden“. Wenn ich nie Steuerberaterin werden wollte, sondern Modedesignerin, bietet die Steuerberatung eine Möglichkeit zur De-Identifikation mit „das bin nicht ich“ an – es gehört nicht zu mir, ich bin anders.

Schwierig wird es nur, wenn ein Mensch nie eine positive Zugehörigkeit zu einer Berufs- oder Sinngemeinschaft finden konnte. Das kann passieren, wenn er ich nicht erfolgreich war oder keinen Erfolg empfand (was durchaus zwei verschiedene Dinge sein können). Auch hier ist Integration die Lösung. Auch Nicht-Erfolgreich sein kann zu mir gehören, weil es mir etwas gezeigt hat.

Erfolg ist subjektiv

Der Wert in der Karrierephase ist persönlicher Erfolg, nicht notwendig objektiver oder messbarer. Der Gegenwert ist „kein Erfolg“, wobei dieser eben erheblich durch individuelles Empfinden beeinflusst wird. So spürt der eine Zufriedenheit, wenn er mittlere Ergebnisse in seiner Berufsgruppe erzielt. Der andere dagegen, ist nur mit einer Spitzenposition zufrieden, möglicherweise auch damit noch nicht. Das sind die Leistungsorientierten oder Getriebenen, deren wahre Herausforderung meist die Lebensphase 3 ist, die Integration.

Die treibende Frage der Karrierephase ist „wer bin ich“ oder „wer will ich sein“ – letztere ist die erheblich gesündere Variante, die ein konstruktivistisches Bewusstsein beinhaltet und Selbstwirksamkeitserwartung verlangt. Nur wenn ich diese Frage für mich beantworten kann, bin ich in der Lage, etwas zu leisten. Denn wenn ich nur etwas leiste, weil man etwas leisten muss, fehlt eine ganz wichtige Identifikationsgrundlage.

Erik Erickson definiert die Pole Leistung versus Minderwertigkeitsgefühl in seiner Phase 3 sowie Initiative versus Schuldgefühl in seiner Phase 4. Nur wer Leistung empfindet, kann aus sich heraus selbstwirksame Initiative entwickeln – ein dauerndes Minderwertigkeitsgefühl macht das unmöglich.

Integration: Sich verbinden

Die Integrationsphase folgt, wenn beruflich der Boden bereitet ist und verschiedene Lebensbereiche kombiniert, aber auch priorisiert werden wollen. Früher habe ich hier die „1. Neuorientierungsphase“ gesehen. Inzwischen glaube ich eher, dass Neuorientierung zur Karrierephase gehört. Sie erfolgt typischerweise dann, wenn Menschen unzufrieden sind, oft schon mit der frühen Berufswahl. Was wie Karriere aussieht ist dann in Wahrheit Re-Identifikation.

Dann kann es bedeuten, dass ich zurück auf Start gehe – wieder zum Entree. Diese Prozesse sind oft sehr langwierig und psychologisch herausfordernd. Sie stehen in enger Beziehung zu persönlichem Entwicklungsnachholbedarf. Wer als Jugendlicher berufliche Entscheidungen abseits der eigenen Stärken und Präferenzen traf, tat dies fast immer, weil es noch kein sicheres „Selbst-Gefühl“ gab. Die Neuorientierung erfolgt dann nicht aus einem gestärkten Selbst, sondern aus einem geschwächten. Kommt Neuorientierung aus einem gestärkten Selbstwertgefühl, aus dem Erfahren des Gelingens können dagegen Ziele anders und größer gesetzt werden.

In der Integrationsphase geht es nicht mehr um diese Themen. Die treibende Frage ist, „wie will ich leben?“. Diese kann zu einer anderen Form der Neuorientierung führen. Beispielsweise zieht man aufs Land, weil es dort einfacher ist, den gewünschten Lebensstil zu leben. Der Job passt sich dann dieser Lebensbedingung an, nicht umgekehrt.

Der Wert in dieser Phase ist Balance: Um glücklich zu sein, brauchen alle Menschen verschiedene Lebensbereiche und gesunde Gegenseitigkeit. Ist diese nicht vorhanden oder oberflächlich mit aktuellen Jobbeziehungen verbunden, wirkt der Nichtwert: Keine Balance zu haben. Ganzheitliche Lebensmodelle wie die „Säulen der Identität“ nach Hilarion  Petzold helfen jetzt im Coaching, Klarheit zu gewinnen.

Sinnphase: Bleiben

Irgendwann rollt die Sinnfrage auf einen zu, langsam oder schnell. Und übrigens auch dann, wenn man die Auseinandersetzung damit immer vermieden hat. Wer eine gesunde entwicklungspsychologische Reise parallel zu den Lebensphasen erlebt hat, wird seine eigene Bedeutungslosigkeit und das vorübergehende Wesen unserer Existenz bis dahin erkannt haben.  Der Sinn ist jetzt kein jugendlicher Idealismus mehr, keine Weltverbessungsarie, sondern kann und muss auf Lebenserfahrung fussen.

Erik Erickson kennt die Phase 5 „Intimität versus Isolation“ und 6 „Identität versus Identitätsdiffusion“, die sich hier sehr gut einfügen. Sie zeigen zudem die Entwicklungsrichtung: Intime, also vertraute Beziehungen sind eine Basis für eine gesunde Identitätsfindung.

Schwarze Löcher am Lebensende

Manche finden einen kleinen, andere einen großen Sinn. Der Sinn ist das, was das maximale Emotionspotenzial hat. Und höchstwahrscheinlich verzahnt ist mit Erkenntnissen durch die ganz individuelle Ausdehnung des Möglichkeitenraumes. „Was soll von mir bleiben?“ ist die Frage, die treibt. Immer ist es eine Entdeckung, eine Erkenntnis die erst durch den Gang durch den Möglichkeitenraum möglich wurde. Es ist das, was bleibt, wenn die Möglichkeiten vom schwarzen Loch des Lebensendes wieder verschlungen werden. Der Wert in dieser Lebensphase ist die eigene Nachhaltigkeit, der Nicht-Wert Vergänglichkeit.

Erik Erickson sieht Generativität / Stagnation in Phase 7 und Ich-Integration / Verzweiflung in der letzten seiner Phasen, der Phase 8. Generativität ist das Weitergeben, die Fortpflanzung im direkten und übertragenen Sinn. Damit eine gesunde Ich-Integration stattfinden kann, muss ein Mensch etwas in sich als weiterlebend in jemanden anderem oder einem universellen Kontext empfinden. Ohne dass entsteht Leere, ja Verzweiflung.

Entscheidend für eine fruchtbare Sinnphase ist die vorherige Integration. Ich erlebe Verzweiflung vor allem bei Menschen, die in ihrem Leben den zentralen Themen aus dem Weg gegangen sind. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und Familie und den Prägungen genauso wie mit Lebensentscheidungen, etwa zugunsten der Karriere. Reflexion ist also auch wieder wichtig, Verdrängen erweist sich typischerweise nur vorübergehend als gesunde Strategie.