Der Ton im Internet wird härter. Es bilden sich extremere Positionen, das „so ist es richtig“ wird aggressiver, Zwischentöne verschwinden. Irgendjemand hat geschrieben, jetzt sei die Zeit der Mitte. Im Netz zeigt sich die Corona-Krise wohl eher als Zeit der Extreme. Man sieht es schon an den Nachrichten: 90% haben einen Corona-Bezug, andere Themen finden kaum mehr statt. Die Schieflage zeigt sich auch an der Auswahl: Gibt es den Krieg in Syrien noch? Was machen die Flüchtlinge auf Lesbos? Was sagen jetzt eigentlich die Klimawissenschaftler?

Angst verhärtet – und befeuert autoritäre Positionen

Angst ist die größte Hürde, ein Hemmschuh für Entwicklung. Aber sie ist auch die Mutter der Vorsicht und der Risikominimierung. Angst hat viele Gesichter. Sie kumuliert oft in einer Verhärtung von Positionen. Und da wächst eine Gefahr: Die autoritäre Persönlichkeit, das wussten schon Theodor Adorno und Erich Fromm, ist angstgetrieben in ihrer Neigung zu extremen Positionen. Angst braucht extreme Feindbilder. Dann nämlich wandelt sie sich in Wut. Und Wut ist die Droge der Herrschenden.

Angst ist der Vorläufer von Wut

Die Kriegsrhetorik von Emmanuel Macron zeigt, dass in der Krise die Vereinfachung wirkt. Das einfache Feindbild ist jetzt ein Virus. So lange das so bleibt, so lange gibt es ein Miteinander. Das ist die Massenpsychologie des kollektiven Verhaltens, über die ich hier geschrieben habe.

Andere Wege brauchen Angstbefreiung. Das Mittel dazu ist Reflexion. Die Bereitschaft zur Reflexion haben Menschen nur, wenn sie keine Panik haben. Don´t panic ist deshalb auch eine emotionale Strategie. Doch sind wir dazu noch in der Lage, wenn das Gesundheitssystem kollabiert? Wenn alles zusammenbricht? Wenn den Leuten klar wird, dass diese „Bazooka“ doch ziemlich kurzfristig gedacht ist? Man kann ein brennendes Haus löschen und am Ende ist es eben doch unbewohnbar.

Wer andere führt, muss seine Angst kennenlernen

Wer in dieser Situation Menschen führt, also deren Meinungsbildung und Handlung beeinflusst, muss seine Angst sehr gut kennen. Wo ist sie, was macht sie? Wo begründet sie Einstellungen, auch irrationale? Wo verhindert sie eine ausgewogene Meinungsbildung? Wo ist der Blick auf das große Ganze verstellt durch eigene Egoismen, die Angst um die eigenen Eltern etwa? Wo ist die Aktivität in Wahrheit getrieben von der Sicherung eigener Vorteile? Oder auch „wohin“ zeige ich und warum.

Hoffnung ist das Gegengift der Angst

Das Gegengift der Angst ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf Besserung, auf eine gute Zukunft, auf ein „Danach“. Hoffnung ist der Treiber für Veränderung, die wichtigste Kraft in Krisenzeiten wie diesen.

Hannah Arendt unterschied Macht und Gewalt. Gewalt ist die autoritäre Ausprägung der Macht, ist das Beherrschen. Menschen lassen sich beherrschen, in dem man sie in die Angst treibt.

Menschen lassen sich beeinflussen, indem man ihre Selbstreflexion führt. Derzeit sehen wir auf der politischen Ebene unterschiedliche Strategien.

Sie lassen sich nur mit Blick auf den größeren und kleineren Kontext verstehen. Der ist in Bayern durchaus anders als in Mecklenburg-Vorpommer, im der Türkei nicht derselbe wie bei uns.

Hoffnung führt

Der Feind jeder autoritären Persönlichkeit ist die Hoffnung. Menschen hungern nach Hoffnungsträgern. Hoffnung ist ein Gefühl, das sich sehr gern mit einer Person verbindet. Wir verteilen ungern. Greta war das Gesicht der Klimakrise, Alexander Kekule und Christian Drosten sind die Gesichter der Coronakrise.

Hoffnung ist immer mehr als diese Person, sie ist auch die Stimmung derjenigen, die folgen

Hoffnungsträger für nicht autoritäre Persönlichkeiten sind mutig, aber nicht tollkühn. Sie er-mutigen. Sie regulieren die Angst der anderen. Sie lösen das Gefühl aus, dass man beteiligt ist Nicht-autoritäre Hoffnungsträger nutzen Macht als Einfluss. Sie öffnen einen anderen Blickwinkel. Menschen brauchen solche Hoffnungsträger, damit aus Angst keine Panik wird. Denn dann schlägt die Stunde der wütenden Autoritären.

Die wichtigste Führungsaufgabe ist es in der Krise Hoffnung zu geben

Angst versus Hoffnung: Die größte Herausforderung für Führungskräfte ist es, die eigenen Emotionen in Balance zu halten. Mit Führungskraft meine ich jeden, der in der Öffentlichkeit wirkt:

  • Jeden, der als Influencer Meinung beeinflusst,
  • jeden der eine kleine und große Community hat,
  • Politiker,
  • Unternehmer,
  • Teamleiter,
  • ja selbst das Teammitglied, das sich jetzt entscheidet, in Führung zu gehen, wo andere zaudern.

Es ist nicht die Zeit für einen schrillen Optimismus. Insgeheim hoffe ich, dass diese Krise vielleicht die Schreihälse zum Schweigen bringt, die anderen erzählen wollten, dass sie alles schaffen können und alles Geld der Welt verdienen können. Money Mindset, es gruselt mich. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe als Gewinnmaximierung und Selbstverwirklichung!

Führung ist Orientierung an sich selbst

Meine Hoffnung ist, dass sich das ändert, wir mehr kooperieren und vorangehen. Indem wir einen eigenen Weg beschreiten. Denn Führung ist nie, niemals die Orientierung an Best Practice. Sondern immer nur die Orientierung an sich selbst. Es braucht manchmal Zeit, diese zu finden. Es braucht auch den Zweifel, den Matthias Döpfner in seiner wunderbaren Welt-Kolumne „Ich habe Zweifel“ so authentisch zum Ausdruck gebracht hat.

Diese Orientierung ist dann da, wenn sich die Intuition wieder meldet, wenn man in sich hineingespürt hat und sich im wahrsten Sinn ein Bild machen konnte.

Wer fühlt, findet auch seinen Standpunkt

„ich habe Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken“ – Therapien und Meditation zielen darauf, sich lösen zu lernen von lästigen Gedanken, verstörenden Bildern, quälenden Emotionen. In der Akzeptanz-Commitment-Therapie ACT nennt man das Defusion. Wer Gedanken und Gefühle wahrnehmen und beobachten kann, kann sie benennen und sich von ihnen lösen. Das ist der Grund, warum einige Menschen die Dinge besser aushalten als andere. Oft sind sie darin trainiert: Wer Krisen durchlebt hat, hat Übung. Kinder, die sehr früh schwierige Situationen gemeistert haben, werden oft starke Erwachsene. Doch jeder kann das trainieren. Es beginnt mit der Wahrnehmung: Was spüre ich? Wo in meinem Körper? Welche Gedanken habe ich? Kann ich sie loslassen?

Defusion statt Fusion

Defusion ist die Richtung, und Fusion das Problem. Es gibt unterschiedliche Arten von Fusion. Ich kann mit meiner Vergangenheit fusioniert sein. Dann fühle ich mich etwa als Opfer und komme aus dieser Rolle nicht raus. Ich kann auch mit meiner Zukunft verschmolzen sein. Dann halte ich nicht aus, dass Zukunft nicht das wird, was ich geplant und für mich als richtig erkannt habe. Menschen können auch mit Rollen und Verhalten fusioniert sein. Sie sagen dann „ich kann das nicht, weil ich es noch nie konnte.“ Natürlich ist das Unsinn; das zu erkennen, ist Defusion.

Flexibilität entsteht aus Defusion

Menschen, die sich in einer Krise gut bewegen können, sind oft wenig fusioniert. Sie können sagen „ok, es kommt jetzt eben anders. Machen wir was draus.“ Sie verzweifeln nicht daran, wenn alle Pläne nicht mehr gelten. Sie sind in der Gegenwart, was es unendlich erleichtert, in die Zukunft zu sehen. Hinschauen gehört deshalb dazu.

Gerade sehe ich viele, die sich abwenden, die nicht wahrnehmen wollen, die nicht spüren wollen, was da passiert. Ich verstehe das. Aber wer in Führung gehen möchte, der darf nicht wegsehen. Der muss mehr aushalten können als andere. Und der wichtigste Seismograph ist nicht das Auftreten und die Maske, die andere von einem sehen. Der wichtigste Seismograph ist das innere Gefühl. Fühle ich, dass ich vorangehen kann und will?

Die meisten Menschen sind „fusioniert“. Fusion ist ja auch eine Art Sozialisierungsziel. Man soll mit seiner Rolle verschmolzen sein, Flexibilität ist das Ergebnis von Defusion. Sie macht uns stark und gesund. Sie lässt uns die Bilder aushalten, Situationen akzeptieren, auch wenn sie schwierig sind.

Auch Schnelligkeit und Geschäftssinn entspringt dieser Flexibilität. Wer nicht festhält, kann sich auch leichter auf Neues einlassen.

Führung ist nicht technisch oder methodisch, sondern emotional

Die meisten sehen Führung in der Krise vor allem als eine technische und methodische Fähigkeit. Sie denken zum Beispiel, man müsste jetzt Zoom und Microsoft Teams bedienen können. Aber das macht keine Führung aus, sondern maximal Kompetenz. Die man auch braucht. So wie das lang verpönte Expertenwissen oder vielmehr die Fähigkeit zu dessen Transformation in Handlungen. Das kann man Katalysator oder Multiplier oder natürliche Autorität nennen – oder einfach nur „starke Persönlichkeit“.

Die Entwicklungspsychologin Jane Loevinger beschrieb das Selbst als Prozess, Self as a process. Wer sich selbst als Prozess wahrnehmen kann, kann sich von allem „Festen“ lösen, selbst der festen Meinung. Die Welt ist zu komplex, jede neue Information kann die alte in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die wichtigste Führungsaufgabe ist die Vergänglichkeit des eigenen Standpunkts zu begreifen und dennoch Position zu beziehen und anderen Richtung zu geben. Darüber habe ich bereits hier geschrieben.

Richtung geben

Denn Richtung brauchen Menschen, die in Krisensituationen mehr als je zuvor geführt werden wollen. Eine Richtung, die ihnen erlaubt, sie selbst zu sein, aber die sie auch besser schlafen lässt.

Gerade, die die etwas mehr Angst haben, die ihre Gefühle nicht so gut regulieren können, die weniger resilient sind also, brauchen Führung.

Denn gefährlich ist die Angst, die verhärten und extrem werden lässt. Und ist die extreme Haltung erst mal da, ist Angst nicht mehr spürbar…  Sie ist dann zur dauernden Wut geworden.

Nichts macht mehr Hoffnung als Menschen, die Hoffnung ausstrahlen – und zugleich die Fähigkeiten haben, mit Situationen und Informationen weise umzugehen.

 

Bei Teamworks haben wir einige digitale Angebote zum Thema, etwa „Führen in der Krise“ und „Konflikte im virtuellen Raum“ (hier). Wir bieten auch regelmäßig kostenlose Webinare, gerade jetzt in der Coronakrise hier bei Edudip.

Beitragsfoto: Artimedes- Shutterstock.com