Die Betriebswirtschaftslehre ist in der Jobampel ganz unten im roten Bereich angekommen in unmittelbarer Nähe „schlimmer“ Geisteswissenschaften wie Geschichte. Damit ist erstmals ein „berufsqualifizierendes“ Studium, also eines, das mehr oder weniger direkt für den Arbeitsmarkt verwertbar ist, weit abgerutscht. Es ist damit deutlich hinter Fächer gefallen, die keine unmittelbare berufliche Verwendung haben, wie etwa Mathematik, Physik und Chemie.  Meine These: Der von mir schon 2011 beschriebene Trend wird sich fortsetzen.

1. BWL ist wie Badezusatz

Betriebswirtschaftliche Qualifikationen werden mehr und mehr zu einem „Must“ in allen Fächern.  Überall kann man  sie erwerben, als MBA, als betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation, in Mix-Studiengängen. Es macht keinen  Sinn mehr, nur noch BWL zu studieren. Mix-Master mit Wirtschaft lassen sich auch von nicht BWLlern belegen, meist brauchen sie nur einen Vor- oder Überbrückungskurs.

2. Andere Spezialisierungseinstiege sind eine starke Konkurrenz

Früher studierte man z.B. BWL mit Schwerpunkt Marketing oder Personalmanagement. Heute ist im Bereich Personal Wirtschaftspsychologie oder Wirtschaftspädagogik ein vielfach besserer Einstieg. Wer in Vertrieb oder Marketing tätig werden will, profitiert unserer Erfahrung nach am meisten von einem technischen oder halbtechnischen Hintergrund, z.B. Wirtschaftsingenieurwesen, da ca. 70% der Stellen eher im B2B angesiedelt sind. Und Finance-Leute sind gut beraten von Anfang an ihren Schwerpunkt im Finanzwesen zu setzen.

3. Analytische Denkfähigkeit wird anderswo oft besser gefördert

Ein natur- oder auch geisteswissenschaftliches Studium fördert, das ist wohl unstrittig, analytische und im Idealfall auch kritische Denkfähigkeit (kann man das trennen?) Wissen veraltet, 20 Jahre nach einem Studium sind maximal noch 30% der Inhalte abrufbar (sic!) – und was von diesen Inhalten ist dann noch aktuell? Aus vielen Fächern kaum etwas.

Kurzum: Es geht im Zeichen lebenslangen Lernens nicht mehr so stark um Inhalte und Anwendungen, sondern darum im Gehirn neuronale Strukturen zu schaffen, die weiteres Lernen fördern. Analytische Denkfähigkeit ist zudem eine Grundvoraussetzung für Kreativität. Da kann ein scheinbar so überflüssiges Studium wie Philosophie, das das Denken schult, plötzlich Sinn machen – zum Beispiel auch in der Kombi Philosophie und Wirtschaft oder, Danke für die aktuelle Ergänzung meiner Kommentatoren, Informatik und Philosophie.

Fazit:

„Was willst du damit später machen“, ist die Frage, die Menschen am häufigsten gestellt wird, die etwas nicht direkt Berufsqualifizierendes studieren. Vorwurfsvoll, teils verachtend. Aber: Muss man etwas damit „machen“? Ist konkrete Anwendung im Beruf Sinn eines Studiums? Die Geschichte der Bildung und der Universitäten begann mit einem „studium generale“ über die damals noch begrenzte Zahl an Fächern. Der Ursprung der Universitäten lag nicht in Industriehallen, sondern in Klöstern, in denen man sich – zum Beispiel – philosophischen Inhalten widmete. Mit Berufsqualifizierung und Arbeitsmarktauglichkeit hatte diese Bildung wenig zu tun – und das war für die PersönlichkeitsBildung eine gute Sache. Geht es in einem Studium um Persönlichkeit oder geht es um Tauglichkeit für die Wirtschaft? Ich finde: mindestens um ersteres und am besten um beides. Und kann darum auch verängstigte BWLer am Ende doch noch beruhigen. In diesem Sinn kann man ruhig alles studieren und auch BWL. Wenn´s einen interessiert.