Thomas Engel (40) war viele Jahre für Volkswagen und den französischen Railway-Konzern Alstom in Einkauf, Materialwirtschaft und Produktion tätig. Anderthalb Jahre hat er für VW in Pune als General Manager mit 40 Mitarbeitern einen Großteil der Beschaffung verantwortet. Über Indien spricht er mit Leidenschaft. Deshalb bat ich ihn um ein Gespräch über Arbeit, New Work, Status und Karriere in Indien.

Thomas Engel_1Herr Engel, arbeiten in Indien glückselig intrinsisch motivierte Mitarbeiter? Oder anders ausgedrückt: Gibt es in Indien das, was wir hier „New Work“ nennen?

Thomas Engel: Natürlich kenne ich nicht ganz Indien. In meinem Umfeld habe ich festgestellt, dass Inder sehr stark nach Titeln und Status Ausschau halten. Ein Dienstwagen und eine westliche Firma im Lebenslauf, das ist für viele wie ein Sechser im Lotto. Das muss man verstehen: Indien ist ein Land mit viel Armut. Aufstieg bedeutet hier etwas, wer es schafft, genießt Ansehen. Man merkt das beispielsweise, wenn im Vorstellungsgespräch der indische Bewerber darauf hinweist, dass es aus privaten Gründen sehr wichtig ist, diesen Job zu bekommen. Damit steigen seine Chancen auf dem Heiratsmarkt. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch mit einem Bewerber, dessen Schwiegereltern in spe nur dann der Hochzeit zustimmen wollten, wenn es mit dem Job bei VW klappt.

Welche Rolle spielen Statussymbole?

Thomas Engel: Die sind sehr wichtig, aus einem ähnlichen Grund. Auch das Fernsehen mit seinen Bollywood-Filmen mag hier verstärkend wirken. Reichtum gilt als erstrebenswert. Und Reichtum muss man auch zeigen. Deshalb sieht man in der Stadt Pune gefühlt mehr Audi Q7 als in ganz Niedersachsen. Der Tata Nono, dieses kleine, platzsparende Auto blieb unter den Verkaufserwartungen. Für die Inder ist das ein arme-Leute-Auto.

Ganz anders ist es auch in der Kantine…

Thomas Engel: Die Kantine ist für Inder extrem wichtig. Hier erwarten Sie aber vegetarisches Essen, denn die meisten Inder sind Vegetarier. Mit einer Currywurst kann man sie nicht locken. Da vertun sich manche deutsche Firmen am Anfang.

Wechseln Inder denn häufiger als Deutsche?

Thomas Engel: Ja, das ist angloamerikanischer. Die Bindung ist nicht so groß, und die Entscheidungskriterien rational. Ein paar Rupien mehr können da wirklich den Ausschlag geben. Wir in Deutschland setzen immer mehr auf Selbstverantwortung. Der Mitarbeiter soll sich seine Arbeit selbst organisieren. Es reicht, ein Ziel zu haben. Das Wort des Chefs gilt wenig, vielfach fühlt man sich der Führungskraft auf einer Ebene.

Wie ist das in Indien?

Thomas Engel: Ganz anders. Der Vorgesetzte macht die Ansagen. Was er sagt, das gilt. Während ich in Deutschland das Ziel vorgebe und den Mitarbeitern entsprechend Freiräume dabei lasse wie sie es erreichen, muss ich hingegen in Indien ganz klar das „wie“, also die einzelnen Schritte bis zum Ziel konkret vorgeben. Dazu ein kleiner Vergleich: stößt in Deutschland ein Mitarbeiter dabei auf einen Widerstand, fragt er in der Regel selbstständig nach, wie er sich verhalten soll, man stimmt sich ab und erreicht das Ziel. Stößt hingegen ein indischer Mitarbeiter auf dem Weg zum Ziel auf ein ungeplantes Hindernis, so macht er an dieser Stelle erstmal nicht weiter, denn der Vorgesetzte hat ihm ja für diesen Fall keine klare Anweisung gegeben. Wenn man das weiß und zwischendrin immer mal den aktuellen Arbeitsstand nachfragt, ist die Zusammenarbeit kein Problem.

In anderen Bereichen nehmen Mitarbeiter es nicht so genau…

Thomas Engel: Aufgaben und Abgabetermine nehmen viele etwa nur dann ernst, wenn man später noch mal nachfragt und sich nach dem Zwischenstand erkundigt. Erst dann wird klar, dass die Aufgabe oder der Termin wirklich wichtig ist und man beginnt überhaupt erst mit der Arbeit. Kontrolliert man zwischendurch nicht, hat man kaum eine Chance, dass der vereinbarte Termin auch gehalten wird. Und in Meetings gilt immer die akademische Viertelstunde. Wenn Sie wollen, dass jemand um 9 Uhr da ist, sagen Sie deshalb besser 8 Uhr 45. Wir Deutschen gelten, offensichtlich überall auf der Welt, als genau und qualitätsorientiert.

Was sind typisch indische Stärken?

Thomas Engel: Inder sind auf jeden Fall sehr anpassungsfähig aufgrund einer Vielzahl erlebter Situationen. Dazu passt eine sehr hohe Flexibilität. Lernbereit und ehrgeizig würde ich auch nennen wollen. Die wollen etwas leisten.

Sind Inder kreativ?

Thomas Engel: Ich finde auf eine eigene Art und Weise sehr. Sie lassen sich was einfallen, um Ziele zu erreichen und kommen dabei auf findige und pfiffige Lösungen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass im Alltagsleben viel improvisiert werden muss. Da herrscht auch Chaos, und Inder wissen, wie sie daraus etwas schaffen, oft sehr spontan. Für viele Manager sind zwei, drei Jahre im Ausland, vor allem auch Indien, ein Karriereschritt.

Wie ist das mit der Familie: Gibt es dort auch adäquate Jobs für Frauen?

Thomas Engel: Das dürfte generell eher schwierig sein. Es gibt große deutsche Communities, doch meist arbeiten die Frauen von entsendeten Managern nicht, es sei denn beide sind bei der gleichen Firma und diese kann das arrangieren. Grundsätzlich ist das Mitarbeiterverhältnis Mann/Frau ähnlich wie bei uns. Im HR arbeiten mehr Frauen, in Buchhaltung und Einkauf etwa 60 zu 40 Prozent.

Ich merke, dass der Wert deutscher Ingenieursarbeit, etwa im CAD-Bereich hierzulande sinkt. Ingenieure können nicht mehr nur rein technisch arbeiten. Das hat auch mit Indien zu tun…

Thomas Engel: Es gibt ein Meer von Engineers, viele sind sehr gut ausgebildet, nicht wenige waren an Universitäten in westlichen Ländern. Das ist eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz. Wenn manch ein Inder heute vielleicht noch nicht gewohnt sein wird, über den Tellerrand zu schauen, morgen wird er es. Das Land entwickelt sich schnell.

Sie waren in vier verschiedenen Ländern.Wie wird sich Indien entwickeln, welche Branchen sind stark – auch im Vergleich zu China?

Thomas Engel: In Indien spielt IT eine große Rolle, Call Center und die Textilindustrie. Im Unterschied zu China ist Indien ist demokratischer, es kann deshalb nicht so viel einfach von oben durchgesetzt werden. In China sieht man Hochgeschwindigkeitszüge und atemberaubenden Fortschritt, in Indien sind teilweise Produktionsanlagen und auch das Straßennetz gefühlt zirka zehn Jahre hinter China zurück. Mit dem neuen Ministerpräsident Modi geht aber auch ein Ruck durch das Land. Make in India wird immer wichtiger.

Sie möchten Kontakt zu Thomas Engel? Hier sein Xing-Profil. Über das Arbeiten in Südamerika und Spanien habe ich bereits letztes Jahr ein Interview veröffentlicht („nach Jahren im Süden bist du verdorben“).