Aus den Seminaren und Vorträgen des Kollegen Joachim Rumohr kommen jährlich hunderte, vielleicht tausende motivierte Xing-Kontakte-Sammler. Er produziert Anfrager am laufenden Band, das ist sein Job.

Ich bin ihm unendlich dankbar. Denn ich mache selbst so gut wie keine Kontakte, weil ich eine Inhalte-Produzenten-Seele habe und kein Verkäuferherz. Slow-Grow-Leser (2. Auflage ist schon da!) erinnern sich vielleicht an die Szene, in der ich im Auftrag meiner Tante im Alter von elf Jahren Maiglöckchen verkaufen sollte. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Gefühlte drei Mal habe ich selbst eine Kontaktanfrage gestartet, wenn mir jemand wirklich direkt vor der Maus lag. Alle Kontakte kamen von selbst. Big Rumohr habe ich es zu verdanken, dass ich mehr als die Hälfte selbst NICHT kenne. Er ist wahrscheinlich auch der Grund, dass ich laut Aussage zweier netter (ehrlich gemeint, spricht fürs Arbeitsklima!) Xing-Community-Damen fünf Mal so viel Resonanz auf meine Beiträge dort habe wie der durchschnittliche Xing-Nutzer. Und das obwohl ich, unter uns gesagt, eine WordPress-Linkschleuder für Xing verwende, und eher selten selbst reinschaue (jaja, ich bessere mich ;-)). Die gute Nachricht bekam ich vor drei Wochen verbunden mit dem Angebot einer Firmenmitgliedschaft, die ich ablehnte, weil ich noch mehr Social Media zeitlich einfach nicht verkrafte.

Nun dauern die Rumohr-Kurse vermutlich nicht lang genug und beziehen sich womöglich nicht auf die Textkünste der Teilnehmer. Außerdem kann kein Rumohr dieser Welt die Tatsache ändern, dass die meisten Menschen entweder selbstverliebt (und sich nicht hinterfragend) oder latent unsicher (und alles richtig machen wollen) sind. Letztere, die Mehrzahl, will wissen, wie sie sich verhalten soll und ist deshalb dankbar für jede Form von Muster und Beispiel. Vermutlich folgt bei Rumohr der Warnhinweis, man solle es nicht GENAU SO machen, aber der verhallt, so denke ich, wie die Risiken und Nebenwirkungen bei Arzneibeipackzetteln. Und so nutzen, es steht zu befürchten, massenweise Kursteilnehmer Varianten gezeigter Beispiele und schreiben „Ihr Profil ist sehr interessant“ oder „mit Interesse habe ich gelesen, dass Sie auch Bücher schreiben“.

Doch die Landschaft der Kontaktanfragen verändert sich. Immer seltener verirren sich Alterssicherungsverkäufer auf mein Profil, auch die Zahl der Goldverkäufer nimmt erfreulicherweise ab (jetzt wo man Gold schon in der City in Automaten ziehen kann, wohl auch kein Business Modell mehr). Selbst die „Business Punks“, die letztendlich zielgruppengerecht getarnte Vertriebler im Sascha-Lobo-Style sind, haben wohl mitbekommen, dass ich persönlich zwar eine gewisse Offenheit für alles habe, was ein wenig „neben der Spur ist“, aber auf Punky Sales auch nicht abfahre. Weil Punky immer noch Verkaufe ist.

Allerdings muss in letzter Zeit irgendwo ein SEI AUTHENTHISCH  in die Gemeinschaft der Kontaktesammler abgesetzt worden sein. Ich stelle einen neuen Trend zu sehr offenen Anfragen fest. Ein kleiner Eindruck der neuen Ehrlichkeit:

  1. „Sie suchen nichts. Ich biete nichts.“
  2. „Eigentlich gibt es keinen Grund, warum Sie mich in Ihr Netzwerk aufnehmen sollten. Ich versuch´s trotzdem mal.“
  3. „Hallo, mir gefällt Ihr Profil und ich habe mein heutiges Kontingent an Kontaktanfragen noch nicht ausgeschöpft.“

Dabei changieren diese Xing-Kontakt-Anfragen zwischen entwaffnend ehrlich (find ich witzig) und plump (find ich doof). Insofern gefällt mir Variante eins am besten. 2 ist schon wieder ein wenig zu unterwürfig. 3 ist dummdreist.

Und wieder fragen Sie sich, wie Sie es denn richtig machen. Mein simpler Tipp: Schauen Sie sich Profil, Website und andere Social Media-Auftritte der Person, die Sie interessiert, genau an. Investieren Sie lieber etwas mehr Zeit in ein kleineres Netzwerk als große Masse zu machen. Mir (aber auch allen meinen gut vernetzten und sozial-media-intelligenten Kollegen) fällt auf, wenn sich ein Kontaktsammler nicht wirklich informiert hat oder gar keinen Bezug zu uns herstellen kann. Das setzt natürlich ein Investment in Zeit voraus. Aber ich wette auf einen Goldbarren, dass 200 gute und gepflegte Kontakte besser sind als 2000 zufällig zusammen geklickte. Das ist für alle wichtig, aber ganz besonders die, die im Internet eine Marke bilden möchten. Und muss das heute nicht jeder?

 

Kommentar im November 2012

Ohne Kommentar. Steht wie `ne eins und immer noch gültig.