Gestern sprach ich mit einem Kunden, der mittlerweile 180 Bewerbungen draußen hat, ein Akademiker mit fundiertem betriebswirtschaftlicher Studium und internationaler Erfahrung. Der Mensch ist intelligent und eloquent, es gibt keinen Grund für die vielen Absagen außer den, dass die vorherige Berufserfahrung etwas speziell war und das sie gerade am Markt nicht exakt abgebildet ist. Er hat auch keinen technischen Hintergrund. Wirtschaftsingenieur würde besser laufen. So, nur mit BWL, beträgt die Einladungsquote kaum 5%.

engpassWenn Menschen meine Einschätzung zu Lebensläufen wissen wollen, klafft diese manchmal auseinander mit dem, was überall zu lesen ist. „Ich bin doch eine Fachkraft! Ich habe doch studiert!“ Ja, aber leider oft das Falsche mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Es werden nur bestimmte Fachkräfte gesucht – und man höre und staune: Das sind überwiegend keine Akademiker. Der Fachkräftemangel ist eine relative Erscheinung entlang sehr weniger Engpassberufe, die weit überwiegend NICHT akademisch sind. Ja, richtig gehört! Gesucht werden nicht noch mehr Bachelors und Masters, gesucht werden Handwerker und Techniker sowie Krankenschwestern und Altenpfleger, am liebsten mit Zusatzqualifikationen. Bei den Akademikern erscheinen ausschließlich Ingenieure, Ärzte und Verwaltungsfachkräfte in der Liste der Engpassberufe, die das Bundesministerium für Wirtschaft ermittelt – das sind Berufe/Jobs mit weniger als einem Bewerber pro Stelle. DAS, was sie auf diesen Grafiken in meinem Artikel sehen, ist das, was  mit Fachkraft gemeint ist. Wie konnte dieser falsche Eindruck entstehen, dass es alles ist, was mit akademischer Ausbildung zu tun hat außer Geistes- und Sozialwissenschaften?

engpassfachIch glaube, es hat viel damit zu tun, dass ganz viele ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben. Angestellte Berufsberater beraten an diesen Statistiken vorbei, längst nicht alle kennen die Möglichkeiten und kaum jemand ist ausreichend geschult. Ganz krass ist das Beispiel, das Martin Gaedt von der Younect GmbH in seinem tollen Buch „Mythos Fachkräftemangel“ bringt. Wer zu einer Beratung der Arbeitsagentur geht, kommt immer dann mit einer Empfehlung „Gärtner“ heraus, wenn er angekreuzt, er arbeite gern im Freien. Das größte Berufsberatungsinstitut arbeitet mit völlig unzureichender Software! Und die Berater gleichen das nicht durch Know-how und Empathie aus, im Gegenteil.

Die Coachingwelle spült aus meiner Sicht weitere gefährliche Entwicklungen mit sich. Privat aktive Coachs übertragen nämlich den konstruktivistischen Grund-Gedanken, dass „die Wahrheit in jedem liegt“ und man sich den Beruf selbst erschließen muss auf junge Leute, die anders als 40jährige noch keine feste Persönlichkeit sind. Diese Berater postulieren die Suche nach Berufen entlang von Interessen. Damit sind die jungen Leute erstens vollkommen überfordert und zweitens kommen sie mit unzureichenden Ergebnissen zurück. Sie werden auf Recherche geschickt und kommen mit Berufsideen wieder, die verfügbar sind, weil man sie kennt und sieht und weil sie mit schönen Dingen zu tun haben. Natürlich kann man Interessen nicht außen vorlassen – aber wie wäre es mit einem Zwischending? Kein Berater kann alles wissen und kennen, aber er muss die methodische Kompetenz haben, jemand zu einer Lösung zu führen, die ihm eine gute Basis bietet. Und er muss sich bewusst sein, dass uns Heuristiken wie die der Verfügbarkeit steuern und nicht der reine Sachverstand und System 2 (weshalb Berufsentscheidungen aus meiner Sicht immer aus System 2 erfolgen müssen).

Die meisten jungen Frauen werden den Beruf des Maschinenbautechnikers auf den ersten Blick für sich ablehnen, aber auf dem zweiten und dritten? Mein Sohn hatte gerade Projektwoche „Mode“ – warum kann man sowas nicht für technische Berufe machen und zwar sehr früh und auch bei Gymnasiasten. Denn es ist doch ein Schmarrn bei dem alten Gedanken zu bleiben: Hauptschule = Motoriker mit unterentwickelter Kognition, also potenzielle Handwerker. Realschule = Kognitiv nur mittelfähig, also kaufmännische Zuarbeiter. Und Gymnasium = kognitive Elite, also künftige Akademiker und Führungskräfte.

engpassakaAuch Gymnasiasten würden vielleicht viel glücklicher werden als Elektroinstallateur, wenn sie nicht ihr Schulleben lang auf andere Berufe und andere Zukunftsperspektiven getrimmt würden und Statusdenken bei diesen Dingen eine so starke Rolle spielte. Wenn ich sehe, was studierte Menschen in Nicht-Engpassberufen verdienen, ist diese Perspektive doch weitaus attraktiver. Klar, geht es nicht (nur) um Geld? Aber was ist das für eine Zukunft, in der man mit Studium 1.600 brutto verdient (nicht ungewöhnlich heute als Illustrator, Redakteur, Modedesigner, in der Kultur…) und sich damit schlechter steht als ein Friseurmeister, der seine Nische gefunden hat? Was nutzt Leidenschaft, wenn man in einem Haifischbecken schwimmt und nicht von seiner Arbeit leben kann. Schon gar nicht in der Großstadt.

Ich habe auch Machinenbautechniker und Maschinenbautechnikerinnen beraten. Die sind z.B. ins Marketing oder in den Vertrieb gegangen, weil sie eigentlich lieber „was mit Menschen“ zu tun hatten. Sie hatten viel weniger Probleme Jobs zu finden und waren auch regional gut vermittelbar, was ein weithin unterschätzter Fakt ist. Was nutzt es mir, wenn ich nur Jobs in Berlin finde, aber irgendwann im bayrischen Hinterland leben möchte? (was ich im Zweifel mit 20 noch nicht weiß).

In meinem Buch „Am besten wirst du Arzt“ habe ich mal die These aufgestellt, dass kaufmännische Berufe sich komplett akademisieren werden und der Abschluss nicht mehr viel Wert sein wird. Das war vor drei Jahren. Die These würde ich heute doppelt unterstreichen. Aber ich würde noch viel mehr auf die technischen und handwerklichen Berufe hinweisen, als ich es damals getan habe.