Der Malermeister mag alte Musik. Er kann rechnen, fehlerfrei schreiben. Und er liest die ZEIT. Eigentlich dürfte er das nicht. Er ist ja nur ein Handwerker. Vor fast 30 Jahren habe ich in Erziehungswissenschaften folgendes gelernt: Mit einem IQ von 90 schafft man die Hauptschule, mit 100 Realschule, mit 110 das Abitur. Wer studiert braucht 120, während eine Promotion 130 erfordert. Da IQ auch Bildungsfähigkeit misst, kann der Malermeister nicht besonders gebildet sein. Es hat ja nur zur Hauptschule gereicht.

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Unsere Gesellschaft setzt Schul- und Berufsabschlüsse mit einem Bildungsniveau gleich. Sie verwechselt dabei mehr und mehr Bildung und Ausbildung. Dabei vermischt man Bildung und Ausbildung und macht simple Punktkommastrichrechnungen. Man attribuiert zum Beispiel die ganze Zeit: Die hat Abitur also…. Muss sie studieren, wäre eine Schande wenn nicht. Der hat Hauptschule ergo…. Bei uns auf dem Gymnasium gibt es keine „Asis“… (wobei Asis gleich Bildungsfremde sind).

Ich habe ein Studium mit Promotionsberechtigung, aber ich kenne im Grunde nur die Operette Fledermaus. Neulich beim Friseur habe ich „Bild der Frau“ gelesen. Das kannst du doch nicht öffentlich zugeben, höre ich mein Umfeld sagen. Und doch, ich tue es: zum Schutz der Handwerker und anderer, denen Bildung abgesprochen wird und mit ihr die Ausbildung.

Irren sich Rifkin, Dueck und Horx?

Einer der besten Artikel, die ich seit langem gelesen habe, stand letzte Woche in der Zeit „wenn sich Bildung nicht lohnt“. Die ZEIT lese ich auch manchmal, so wie die  „Schundblätter“, wie meine Oma sagte, die nichtakademische Frau eines Akademikers. Auf den Punkt gebracht, steht darin die These formuliert, dass wir uns irren könnten, wenn wir weiter so einseitig auf höhere Bildung setzen. Weil nämlich die Computer das Denken übernehmen könnten und so viele Wissensarbeiter dann gar nicht nötig sind (dazu auch hier). Computer müssen, wenn nicht bedient dann doch überwacht werden, auch wenn das irgendwann Gedankengesteuert geschieht. Dafür braucht es keine Leute mit besonders viel „Wissen“ im Kopf. Kann es also sein, dass wir mit der Wissensgesellschaft auf dem Holzweg sind? Dass Jeremy Rifkin, Matthias Horx und Günter Dueck nicht Recht haben könnten? Dass alle Welt in eine Kerbe schlägt, die so sehr zum gesellschaftlichen Konsens geworden ist, dass niemand sie mehr hinterfragt und gar anzweifelt?

Akademikergehälter müssen nicht höher bleiben

Akademikergehälter sind immer höher als die von Arbeitern und kaufmännischen Angestellten sowie anderen mit mittlerer Bildung gewesen? Schön und gut. Der Zeit-Artikel zeigt, dass sich der Trend in anderen Ländern schon umgekehrt hat. Und überhaupt, was sagt die Vergangenheit über die Zukunft? Jedenfalls nicht alles. Zumal der Akademiker von morgen nicht der von gestern sein wird. Der Bericht stellt die These auf, dass am Ende eher eine Krankenschwester gebraucht sein könnte als ein Arzt und eher ein Maschinenbediener als ein Programmierer. Auch andere Jobs könnten Opfer der Digitalisierung werden, siehe auch hier. Über die Abschaffung der Personalabteilung wird schon länger diskutiert, meine Gedanken dazu. Hirnscanner könnten das Auswahlverfahren übernehmen. Vielleicht sind diese aber auch überflüssig, weil die Personalabteilung eh keine Wahl hat – sie har nur wenige mittel ausgebildete Leute, der Rest ist überqualifiziert. Damit hat man schlechte Erfahrungen gemacht. New Work ist dann auch ganz anders als alle gedacht haben, dazu empfehle ich auch Henrik Zaborowskis Bericht „Newwork 2025“ von gestern.

Warum denken wir eigentlich, wir bräuchten weiter Entwickler, wenn es immer mehr Frameworks gibt? Websites kann jetzt schon jeder erstellen. Und man sieht ihnen nicht an, dass sie Templates sind.

Nein, am Ende könnte vor allem eine Fähigkeit wichtiger werden als alles andere: Die Fähigkeit zur höheren Kommunikation. Denn was bleibt übrig, wenn sowohl Dienstleistungen als auch Produkte mit Maschinen produziert werden können? Ein riesengroßes Kommunikationsloch, Milliarden Missverständnisse, Abstimmungshemmnisse, interkulturelle und intellektuelle Barrieren, Teamdesaster und unbedingt zu verhinderndes Groupthink. Es geht bei dieser Kommunikation nicht um Sprache, sondern darum, die Dilemmata des Verbalen und Nonverbalen zu lösen. Denn Sprache an sich kann auch digitalisiert werden: Der Sprachcomputer von Vodafone & Co. ist immer noch fehleranfällig, doch er wird schlauer. Wenn ich ihn anbrülle „Reklamation“, bekommt der folgende Mitarbeiter  einen Zettel „Eskalationskundin – Gutschrift, wenn A erfüllt“. Basis-Kommunikation wird es also nicht sein, sondern höhere…

Der Computer könnte dabei immer noch auf die Plätze verwiesen werden. Ich habe letzte Wochen meine Ideen zur digitalen Beratung begraben, weil ich sehe, dass niemand das will und es nicht funktioniert. Es mag möglich sein, dass ein Programm automatisiert Ideen zur Neuorientierung ausspuckt, jedoch wird das einem persönlichen Gespräch hoffnungslos hinterherhängen. Auch die Berufsorientierung, theoretisch von allen Karriereberatungsthemen am leichtesten digitalisierbar, wird menschlich bleiben. Ich habe viel experimentiert, und bin da inzwischen sehr sicher. Nur ein Beispiel: „Stimmt überhaupt nicht“, sagt mein Sohn als er nach der Beantwortung des Fragebogens von Whatchado sieht, dass er (90%) genauso tickt wie ein österreichischer Profifußballer oder ein Programmierer (89%). Der Computer wird nach ein paar Fragen nicht wissen, wie ich ticke, es sei denn er wird zum Hirnscanner. Und das dauert sicher.

Zurück zur Bildung, die ja eine Art Gehalts- und Arbeitslosenversicherung sein soll. Ein Aspekt, der aus meiner Sicht wichtig ist, wird dabei immer außen vor gelassen. Die Bildung ist als ökonomisch unabhängige, von der Wirtschaft losgelöste Bildung gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Ich meine die Bildung, die keine Ausbildung ist. Jene berufsungebundene Bildung, die es einem ermöglicht, eine gepflegte Unterhaltung zu führen, meinetwegen auch über Robotik, es muss nicht mehr Goethe sein. Jene Bildung, die einfach nur das Denken schärft, eine kritische Haltung fördert. Wo ist heute Platz für eine kritische Haltung? Fast alles wird schon in der Schule und erst recht später an der Uni nach Checklisten bewertet, die optimale Lösung steht in einem Muster. Die maximale Anpassung an das Erwünschte wird gefördert. Frühzeitig werden wir zu abhängigen Konsumenten erzogen, die immer nach dem nächstschnelleren Handy lechzen. Schon mit 14 Jahren sollen Schüler ein Praktikum machen, auch an Gymnasien, um sich für den Beruf vorzubereiten. Frühe Stärkenförderung ist sinnvoll, aber das hat damit gar nichts zu tun, nichts! Bevor ich mich für etwas entscheiden kann, muss ich entscheiden können. Niemand lernt heute mehr entscheiden.

Man kann heute einen Master in Design Thinking machen und Change Management für die Wasserwirtschaft studieren. Das ist gut – aber es hat so gar nichts mit der Bildung zu tun, die ich meine. In letzter Zeit werden immer mehr Weiterbildungsthemen akademisiert. Diese Themen sind kurzzeitig aktuell und nachgefragt. Aber sie machen auch Fachidioten aus Menschen, die vielleicht im Jahr 2025 vor allem mit kommunikativen Aufgaben, siehe oben, Geld verdienen müssen. Und die immer neu lernen müssen, weil Themen kommen und gehen….

Weil die Computer am Ende eben doch schlauer sind. Fragen Sie einmal einen ITler, was er vor 10 Jahren machen durfte und was heute. Es ist immer weniger geworden, das Denken wird ersetzt. Das kann frustrieren, wenn man keinen Ausgleich hat. Etwa durch Bildung und ein Privatleben, indem man noch denken darf.

Der Malermeister findet seine intellektuelle Bestätigung in anderen Feldern. Er sucht sie nicht auf der Arbeit. Und vielleicht ist das ein weiterer Denkfehler. Wir müssen nicht unseren IQ nicht in die Arbeit versenken, sondern könnten uns auf anderes konzentrieren, wenn die Computer unsere Arbeit machen. Die Welt könnte wirklich noch ein paar Retter gebrauchen.

Heute abend sind Henrik Zaborowski und ich „Mitsprecher“ in einem 30minütigen Beitrag auf Deutschlandradiokultur, 19 Uhr 30 – einschalten.