Danke, lieber Gilbert Dietrich, für die Offenlegung unseres Reiss Profilings vor einigen Monaten. Ein paar Dinge möchte ich aus meiner Sicht noch gern ergänzen.  Den Hokuspokus-Vorwurf erdulden alle beliebten Verfahren, auch DISG und MBTI. Die Qualität der Reiss-Kritiker sehe ich selbst durch deren ständiges Spamming in meinem Blog. Entgegen meiner sonstig offenen Haltung lösche ich inzwischen den immer gleichen Hinweis auf den immer gleichen Professor und seine immer gleichen Berichte. Wissenschaftlichkeit, das habe ich nun mit verschiedenen Personen diskutiert, ist nun mal in einem gewissen Rahmen durchaus subjektiv. Und Wissenschaftler haben Interessen, Eitelkeiten und Nebengeschäfte, aus denen kommerzielle Interessen resultieren. Ich mag aggressives Verhalten und einseitige Argumentation nicht, egal aus welcher Ecke sie kommt.

Nun zu den Motiven: Aus der Ferne hatte ich mir Ihr Profil zusammengedacht und mich auch über die rote Neugier gewundert. Da ich selbst eine gelb-grüne Neugier habe, also eine leichte Neigung zum Theorisieren, aber auch ein ganz klarer N-Typ im MBTI bin, ist die Intuition anscheinend nicht nur hier verankert. Bei unserem Gespräch schien mir, dass die Treiber zum Lesen und die wissenschaftliche Orientierung aus den roten Beziehungen und der niedrigen emotionalen Ruhe kommen. Und wenn ich Ihren Satz lese „Im Zweifel bin ich immer für Ausprobieren“, so spiegelt dieser „rote Neugier“ pur: Praktisch, Machen, Tun!

„Es ist kaum plausibel, dass jemand ausgeprägte „Teamorientierung“ hat und gleichzeitig sehr niedrig ausgeprägte Motive „Anerkennung“ oder „Beziehungen“.

Oh, doch! Aus solchen scheinbaren Widersprüchen ergeben sich ja auch die ganzen Missverständnisse in der Einschätzung von Menschen. „Du bist doch!“ „Du kannst ja!“ Wenn jemand sehr kommunikativ ist, kann das zum Beispiel die grüne Anerkennung sein. Bei gleichzeitig niedrigen Beziehungen und eventuell auch roter Familie, ist aber der Wunsch nach Rückzug groß. So jemand wird als nett und freundlich wahrgenommen und möglicherweise in den Vertrieb gesteckt – wo er aber andauernd in Kontaktsituationen muss, die Kraft zehren.

Die Kategorie Extraversion kennt Reiss nicht. Menschen mit starker Teamorientierung sind sehr auf Austausch bedacht, es kann sehr gut sein, dass sie gleichzeitig innerlich sehr sicher und selbstüberzeugt sind (Anerkennung niedrig) und rote Beziehungen haben. Man würde es daran erkennen, dass so ein Mensch, hat er zusätzlich eine grüne Macht, eine sehr austausch- und dialogorientierte Führungskraft wäre, die gleichzeitig Wert auf eine offene und kritikfreudige Kultur legt (niedrige Anerkennung). Seine Mitarbeiter würden sich vielleicht wundern, dass so ein toller Chef keine Lust hat gemeinsame Grillabende zu gestalten und könnten irritiert sein über die Abgrenzung des Privaten.

Ganz wichtig ist es mir zu sagen: Jeder Mensch kann jedes Verhalten aus seinen Motiven entwickeln! Ein flexibler Mensch kann zum Beispiel penibel ordentlich sein – eine hohe Anerkennung oder auch Macht führt ihn dazu. Auch Stärken und Fertigkeiten sieht man in den Motiven nicht. Sie erkennen nur, wo es leichter fällt, diese zu entwickeln. Es ist beispielsweise für jemanden mit roter Macht extrem anstrengend die treibende (Alpha-) Rolle zu spielen, deshalb sind die meisten steuernden Führungsaufgaben anstrengend für solche Menschen.

Hinter den sehr starken Ausprägungen, 2,0 in die eine oder andere Richtung, verstecken sich zudem oft Lebensthemen. Ich hatte einen Fall mit einer extrem starken Ausprägung bei niedriger körperlicher Aktivität (2,0 rot). Die Frau hatte sonst überall gelbe Motive, war also sehr „ausgependelt“ – nur das fiel auf. Im Laufe der Beratung kamen wir auf die dahinter liegenden Themen – und Lösungen dafür. Aus einer Arbeiterfamilie stammend, war sie die ständige Bewegung von Haus aus gewohnt, keine Ruhe, immer nur Hektik. Ihr Bedürfnis nach körperlicher Ruhe war so etwas wie stiller Widerstand. Praktisch integrierte sie es in ihr Lebens- und Berufskonzept, indem sie sich mittags eine Stunde hinlegte und abends in die stille Natur begab, um sich einfach nur ruhig hinzusetzen. Die Motive geben also auch Anhaltspunkte für Lösungen.

Diese Dinge erklären sich nicht aus den Textbausteinen, deshalb bekommen Klienten bei mir nicht einfach so ein Profil und dann eine Erklärung. Reiss ist optional in mein Beratungskonzept integriert – und bestimmt es nicht. …Weil stimmt, was Sie sagen: Nur die Textbausteine sind zwar interessant, aber es verbirgt sich viel mehr dahinter (es gibt übrigens auch eine deeper analysis, habe ich Sie Ihnen gegeben?). Das Zusammenspiel ist das wirklich Interessante. Es hilft bei der beruflichen Orientierung, der Zusammenarbeit mit anderen, aber auch beim Schaffen von „passenden“ Lebensumständen. Für die Personalauswahl jedoch würde ich es nicht empfehlen, hier sind Tests wie der Big 5 besser.