Tschüss Gründungszuschuss! In der Form wie es dich bisher gab, gibt´s dich in wenigen Wochen, Stichtag 1.11., nicht mehr. Nur noch sechs Monate zahlt die Bundesagentur für Arbeit Gründungswilligen in Deinem Namen als „Existenzgründungszuschuss“ Arbeitslosengeld plus 300 Euro. Im SGB III wird sich das nach der Umformulierung des jetzigen Paragrafen so lesen:

§ 93 Gründungszuschuss

(1)    Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die durch Aufnahme einer selbständigen, hauptberuflichen Tätigkeit die Arbeitslosigkeit beenden, KÖNNEN zur Sicherung des Lebensunterhalts und zur sozialen Sicherung in der Zeit nach der Existenzgründung einen Grün- dungszuschuss erhalten.“ Aus dem Gesetzesentwurf.

Woran das „Können“ gekoppelt ist, steht im Gesetzesentwurf nicht. Hier müssen die Arbeitsagenturen Durchführungsanweisungen definieren, denn willkürlich darf eine Ermessensleistung  nicht sein, sondern muss auf nachvollziehbaren Kriterien beruhen. Die Töpfe schmelzen jedenfalls deutlich:  auf nur noch 400 Millionen, und damit um satte 80%.

Bitter für die einen

Das eine Auge weint. Das andere lacht. Mit dem weinenden sage ich:  Das trifft vor allem die, die oft gar keine andere Alternative haben; und für diese Gruppe ist dieses Nicht-Wissen-ob´s-Geld-gibt bitter.

Gegen den Trend

Unsere Arbeitswelt verändert sich nun mal, jedes Jahr 4,4% mehr Freiberufler – und diese konzentrieren sich vielfach auf Medien-, Kultur- und IT-Berufe. Gerade die ersten beiden Gruppen brauchen den Gründungszuschuss, weil üppige Honorare in diesen Branchen die Ausnahme sind. Und: Weil in den Medien und der Kultur viele Jüngere direkt oder bald nach dem Studium gründen (müssen).

Lachend

Mit dem anderen, dem lachenden Auge, sehe ich das so: Vielleicht überlegen sich manche Gründungsinteressenten demnächst mal besser, was sie tun. Business Plan schreiben reicht nicht und „was“ im Bereich Beratung, Training, Coaching, Design, Internet, Recht etc. machen auch nicht.  Jemand, der freiberufliche Dienstleistungen anbietet, schafft es nicht von Null auf, sagen wir 2000, 3000 Euro Umsatz oder gar Gewinn im Monat in neun Monaten. Das dauert in den allermeisten Fällen viel länger. Das muss ausgesprochen werden – wurde es in der Vergangenheit aber nicht.

Nur Babys brauchen nur 9 Monate

Kürzlich sprach ich mit einer Gründerin, die vorher von einem Kollegen in einem Seminar dazu inspiriert worden war, Flyer zu gestalten  und Anzeigen zu texten, um Aufträge zu bekommen. Ich stellte eine einzige Frage: „Ab wann müssen Sie davon leben?“ Die Antwort war: „In einem halben Jahr.“  Ich: „Rücklagen“. Sie: „Keine, alleinerziehend.“

Leute…Berater…! Das funktioniert nicht. Es ist doch ganz einfach: Wenn ich mich beispielsweise als Trainer selbstständig mache, verkaufe ich das erste Seminar frühestens in einigen Monaten – und das ist dann auch nur ein Testballon.

Bleiben wir am Boden: So gut wie jeder Speaker, jeder Trainer hat eine mehrjährige Testphase in breiterer Selbstständigkeit vor sich, bevor er sich thematisch zuspitzt und hohe Honorare absahnt. In anderen Wissensbereichen ist es ähnlich. Architekten schleppen sich anfangs als freiberufliche Hiwis und dann von Auftrag zu Auftrag, bis sie vielleicht irgendwann DIE Idee haben oder aufgrund guter Kunden etabliert sind. Will sagen: Am Anfang fusst manch akademische Dienstleistungsgründung auf einer nicht wirklich unternehmerischen Basis.

von Null-auf-Gründer

Deshalb brauchen die meisten von Null-auf-Gründer einen Teilzeitjob oder etwas Existenzsicherndes, liegt nicht eine fette Abfindung auf dem Konto. Das hat der Gründungszuschuss mit seinen neun Monaten, also fast einem Jahr, Unterstützung ein wenig überdeckt. Das Signal „nur sechs Monate“ hört sich da schon etwas anders an – nach: muss schnell gehen, keine Zeit für lange „Aufstellungsarbeit“.

Es bleiben nur 5 Möglichkeiten, sofort oder binnen weniger Monate von der eigenen Selbstständigkeit leben zu können:

  1. Sie starten mit einem Rahmenvertrag, der am besten gleich über mindestens 2.000 Euro dotiert ist und die ersten Monate und noch besser das erste Jahr absichert. So habe ich es auch gemacht. Alternativ zu dieser Lösung haben Sie von Anfang mehrere Auftraggeber, die Ihnen ein Volumen zusichern, das die Kosten mehr als deckt.
  2. Sie starten als Contractor, also über Projektverträge. Dabei werden Sie typischerweise von Personalberatungen wie Hays, Agenturen oder Anbietern wie Gulp vermittelt. Das funktioniert im Ingenieursbereich, bei Banken, bei ITlern und zunehmend auch bei nicht-technischen Projekten. Nennt sich dann teils Interimsmanagement. Am besten nur 60-80% der Zeit einsetzen, sonst haben Sie keine Zeit, noch etwas anderes aufzubauen.
  3. Sie starten mit einer richtigen Geschäftsidee, in die Sie so gut wie immer auch richtig was reinbuttern müssen, das geht selten ohne Kredite und meistens besser im Team.
  4. Sie starten mit einem Gemischtwarenangebot, das Sie nach und nach zum Fachhandel ausbauen. Alle erzählen das andersrum – aber das ist falsch, und die wahre Lösung heißt „breit an den Markt“. „Spitz“ zu beginnen bedeutet erst mal nichts zu verdienen. Mehrere Sachen machen bedeutet, sich ausprobieren zu können und wenigstens Einkommen zu haben.
  5. Sie starten als nebenberuflicher Selbstständiger und fahren den anderen Job auf Teilzeit runter – darauf haben Sie einen Anspruch, falls Ihr Betrieb mehr als 15 Mitarbeiter hat. Und Sie kündigen ganz, wenn Ihr Business gut genug läuft.

Bei all diesen Lösungen wäre der Gründungszuschuss schön. aber man braucht ihn auch nicht unbedingt. Zurück zu meinem lachenden Auge: Es gibt „Luxusgründer“, die mal ein wenig Selbstständigkeit schnuppern wollen, aber nicht wirklich bereit sind, dafür das zu tun, was notwendig wäre oder gar zeitweise finanziell kleinere Brötchen zu backen.

Im letzten Beitrag habe ich Steve Wozniak zitiert; er sprach von Geduld und Konzentration auf den jeweils nächsten Schritt und nicht auf ein fernes Ziel hin. Das ist die Lösung in allen Wissensberufen! Probieren Sie aus, konzentrieren Sie sich auf den jeweils nächsten Schritt und nicht auf das große Ergebnis am Schluss.

Schade, aber…

Ja, es ist einerseits schade, dass der Topf für den Gründungszuschuss jetzt so geschmolzen ist. Andrerseits: Die, die jetzt gründen werden, werden sich das besser überlegen. Und auch wenn die Argumentation der von der Leyen-Administration krude ist und selbst das IAB von den Kürzungen abrät –  in diesem Aspekt sehe ich durchaus einen Gewinn für Gründer.

Wie Sie langsam wachsen, aber stetig erfolgreich werden als Selbstständiger? Dazu kommt in den nächsten Tagen mein Buch „Das Slow-Grow-Prinzip. Besser langsam wachsen als schnell untergehen“ auf den Markt. Es richtet sich nicht nur an Neugründer, sondern auch an alle, die den 2. und 3. Schritt gehen möchten.