„Meine Mutter hat jede Woche einen Burn-Out“ sagte neulich ein Teilnehmer in einem Zeitmanagement-Workshop. Was mich zum Schmunzeln brachte, war für viele Workshop-Teilnehmer eher erschreckend. Und das erschreckte mich.

Kabarettreife

Das Thema Burn-Out hat es jetzt schon zur Kabarettreife gebracht: die Oktober-Sendung „Neues aus der Anstalt“ nahmen Urban Priol und Erwin Pelzig zum Anlass, ausgiebig über den andauernden realen oder gefühlten Erschöpfungszustand der Nation, speziell ihrer Politiker und Prominenten, zu räsonieren.  Im Kabarett thematisieren kann man nur Dinge, die allgemein bekannt sind und zu denen jeder eine Meinung hat – sonst lacht niemand. Das Publikum von Priol und Co. amüsierte sich prächtig. Ein Zeichen dafür, dass Burn-Out mittlerweile längst Bestandteil des (un)gesunden Halb-Wissens geworden ist.

Modebegriff

Problematisch ist, dass durch den allzu saloppen Umgang mit dem Begriff leider viel Schaden angerichtet wird. Im (un)gesunden Halbwissen wird nicht unterschieden zwischen körperlichen und seelischen Erschöpfungszuständen, die tatsächlich auf einer klinischen Diagnose beruhen und einer Therapie bedürfen – und leichteren Formen von Müdigkeit oder dem Gefühl, am Arbeitsplatz aus unterschiedlichen Gründen momentan nicht leistungsfähig zu sein. Im extremsten Fall hat man dann „jede Woche einen Burn-Out“.

Begriffe soll  man nicht gedankenlos verwenden, bis sie sinnentleert sind. Das ist zum Beispiel so geschehen beim Begriff Allergie (Allergien können klinisch nachgewiesen werden – einzelne Lebensmittelunverträglichkeiten zum Beispiel sind jedoch keine Allergien) oder auch beim Begriff der Teamarbeit (da werden 12 in ein Büro gepferchte Call-Center-Agenten  oder 3 Studierende, die ein Kurzreferat ausarbeiten,  als Teams bezeichnet).

Der Begriff Burn-Out sollte nur bei entsprechend vorliegender klinischer Diagnose verwendet werden.

Must-have

In den Medien wird – reißerisch oder mit betroffener Haltung – über Fußballtrainer und andere Prominente berichtet, die Burn-Out haben. Augenscheinlich allesamt fleißige und gesellschaftlich bedeutende Menschen. Das impliziert den Schluss: wer Burn-Out hat ist ein produktiver Arbeiter und ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Letzte Woche habe ich in der Straßenbahn ein Gespräch zwischen zwei Teenagern belauscht. Eine Person namens Anna-Lena sollte Burn-Out haben. Ich dachte natürlich an die Lehrerin der Mädchen – es stellte sich aber heraus, dass es die mal gerade 15jährige Freundin war. Die Mädchen diagnostizierten in den nächsten 5 Minuten nicht nur bei sich selbst Burn-Out-Symptome sondern auch noch bei zwei weiteren guten Freundinnen, während die weniger beliebten Klassenmitglieder burn-out-frei waren. Sichtlich gestärkt durch dieses „Ich-hab-Burn-Out-Gefühl“ verließen sie die Straßenbahn.

Gesunde Selbst-Einschätzung und Beratung

Wer eine Woche durchgearbeitet hat – vielleicht auch noch körperlich – darf ruhig mal müde sein.

Wer um 22:00 ins Bett geht und um 5:00 morgens aufwacht hat vermutlich keine Schlafstörungen sondern ist nach 7 Stunden Schlaf einfach ausgeschlafen. Wer mit Mehrfachbelastungen zu tun hat sucht natürlich Ruhe und Erholung.  Das ist normal.

Es gibt Menschen, die nie im Leben das klinische Bild von Burn-Out erleiden werden – und andere, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert, hoch ist. Denn bei der Entstehung von Burn-Out spielen die Art des Umgangs mit Belastungen sowie Persönlichkeitsaspekte (energieverschleißende Bewältigungsstrategien usw.) eine große Rolle. Das kann man aber herausfinden, bevor es zu spät ist. Dabei nützt den Betroffenen ein ganzheitlicher Ansatz (weshalb wir bei beruf & leben zu diesem Thema u.a. mit einer Heilpraxis zusammenarbeiten).

Fazit:

Bleiben Sie gesund – aber wenn Sie an etwas erkranken, tun Sie es unter dem richtigen Namen!

Dr. Eva Reichmann ist Berufs-, Karriere- und Studienfachberaterin. Gemeinsam mit Bianca Sievert leitet sie die Beruf & Leben GbR in Bielefeld. Sie ist Autorin des Buches „Ihr Weg zum passenden Beruf“.