Ob Finanzvorstand, Abteilungsleiter oder Personalchef. Management-Kompetenz wird meistens systematisch vermittelt. Die Grundlagen: Anlage, Biografie und Charakter. Das Problem: Sie lassen sich im Voraus kaum planen. Führungskräften mit einem technokratischen Menschenbild macht das zu schaffen. Warum wir mutige Manager brauchen, mit Persönlichkeit und Profil…

Zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft will die Universität St. Gallen mit ihrem jährlichen Symposium eine Art Schnittstelle sein. Für Manager und solche, die das ganz sicher noch werden wollen. Richtiges „Leadership“ werde immer wichtiger, lautete der Tenor, im Mai. Ebenso an der European Business School, dann im September.

Dass das mit den Werten nicht so einfach ist, wird manchem Manager langsam klar, spätestens beim Zuhören der „Impulsreferate“. Menschen zu führen, das bedeute mehr als nur das Checken von Quartalszahlen, so die Einsicht. Es gehe auch um Charakter, „weiche Faktoren eben“, murmelt ein Manager. Werte von Authentizität und Verlässlichkeit seien für ihn keine Nebensache. Parallel unterhält sich sein Nachbar angeregt über profitable Shareholder-Values in Asien. War da nicht was?

Wie hast du es mit der Moral, entweder-oder, sowohl-als-auch?

Manager wollen mit ihrer Persönlichkeit so manchen Widerspruch überbrücken, nämlich den zwischen Sagen und Tun, Wasser predigen und Wein trinken. Kritik aus der Wissenschaft ist längst programmiert: „Als geistlos bestimmt ist der Mensch eine Sprechmaschine geworden“, schrieb einst der dänische Theologe Søren Kierkegaard. Von Managern war damals noch keine Rede. Aber vom Menschen, seinem persönlichen Credo, seiner Glaubwürdigkeit gegenüber Anderen.

Sind Manager nun, ethisch gesehen, mutig? Was könnte man tun, dass sie mutiger werden? Dazu habe ich mit einem Personaler und einem Headhunter gesprochen. Zwei Menschen, die viel von Werten halten. Und auf ihre Art versuchen, diese in ihrem Management-Alltag unterzukriegen.

5 Thesen vom Headhunter

Johannes Czwalina (58) hat sich als Personalberater in Basel einen Namen gemacht. Seitdem reist er viel, sitzt im Flugzeug zu den Chefetagen der Republik. Machen sich Manager zu sehr abhängig vom Kapitalstreben, Rendite und Bonus würden Sie zu Verhinderern: „Wenn sie ihre Stimme erheben, werden zukunftsweisende Ideen besser vorankommen als bisher“, sagt der Headhunter. Das gelte für alle Institutionen. Persönlichkeit im Management zähle mehr als nur die Technik. Entgegen mancher Sachzwänge will Czwalina Managern Mut machen, ihren Einfluss im Geschäft als Einzelne zu nutzen. Ethisch gesehen, gekoppelt mit einer besonderen Verantwortung und Würde.

Politiker denken meistens kurzfristig.

Sie haben nicht genügend Mut, der ökonomischen Realität entgegenzutreten. Parteien wollen sich ihre Sympathien beim Volk nicht verderben. Sie brauchen Unterstützung auf dem Weg zu einer gelebten Nachhaltigkeit. Und etwas Widerstand von der Basis.

Wirtschaftbosse fühlen sich abhängig.

Sie fragen zuerst nach der Finanzierbarkeit nachhaltiger Ideen. Großkonzerne handeln immer geldgesteuert, machen sich von Gewinnforderungen ihrer Aktionäre zunehmend abhängig. Sie brauchen Überzeugungsarbeit bei ihren Aktionären und Geschäftsführern.

NGO-Vertreter von Organisationen…

Sie wollen ihre Förderer bei Laune halten. Organisationen kalkulieren, dass die großen Geldgeber lieber kurzfristig Not lindern statt langfristiger Reparaturarbeiten. Sie brauchen Vereinsmitglieder, welche die Stimme des Gewissens einfordern statt nur über Erhöhungen des Spendenvolumens zu sprechen.

… und Kirchenleiter haben Angst.

Sie haben ein ähnliches Problem wie andere Organisationen. Rückgehende Einnahmen halten sie zurück, mutiger ihre Stimme zu erheben. Sie wollen Menschen seine Würde als Krönung der Schöpfung zurückgeben. Schweigen aber häufig. Sie brauchen Mutmacher in den Pfarrkapiteln und Kirchenräten. 

Wissenschaftler machen sich abhängig.

Sie nehmen zunehmend die Interessen der Wirtschaft wahr, um ihre Forschungsprojekte durch Drittmittel zu finanzieren. Institute für Wirtschaftsethik haben es besonders schwierig, da sie weniger mit Wirtschaftsbossen kooperieren. Sie brauchen Förderer, damit sie ihre unabhängige Lehre behalten.

5 Fragen beim Personalchef

Jan Wurps (54) arbeitet als Personaler bei der Volkswagen AG in Wolfsburg. Er verantwortet den Bereich Personal in der „Service Factory“. Dort werden riesige Roboter optimiert, Computer repariert, Visitenkarten gedruckt und sogar Salat geschnippelt. Daher hat er Einblicke in ganz unterschiedliche Karrieren, sozusagen vom Tellerwäscher zum Manager. Wurps kommt es darauf an, dass seine 4000 Mitarbeiter stets ihr Bestes geben. Seine Wertschätzung orientiert sich aber auch an anderen Werten, ihrer Persönlichkeit.

Was muss man „mitbringen“, um bei Ihnen zu arbeiten?

Neben guten Noten, eine Drei darf mal vorkommen, interessiert mich vor allem die Persönlichkeit hinter dem Lebenslauf. Das Fachliche wird in den Zeugnissen dokumentiert, deswegen frage ich mich: Was ist das für ein Mensch, den wir da einstellen wollen.

Worauf sollte man bei der Karriereplanung achten?

Eine gute Ausbildung ist heute äußerst wichtig. Wenn diese sich aber nur auf Etikette und weitere Fremdsprachen reduziert, wird das zum Problem. Bringt man die Anerkennung dieser Leistungen mit der eigenen Persönlichkeit zusammen, ist das die perfekte Investition, die man jungen Menschen für ihren Lebenslauf mit auf den Weg geben kann.

Fördern Coachings den schnelleren Konzerneinstieg?

Wer zum Studienende noch keine reife Persönlichkeit ist, wird das durch den Besuch diverser Karriere-Portale auch nicht so schnell werden. Wir Personaler kennen die Tricks, mit denen man sich an manchen Stellen im Auswahlverfahren stärker darstellen kann, als man eigentlich ist. Deswegen ist das Freizeitleben wichtig, um sich selbst in anderen Kontexten zu erleben.

Wie haben Sie sich auf Ihre VW-Karriere vorbereitet?

Meine Menschenkenntnis habe ich am Lagerfeuer gewonnen, in meinem Fall auf kirchlichen Jugendfreizeiten. Nach 20 Jahren als Manager für Human Resources habe ich sowohl Azubis wie auch karrierebewusste Unternehmensberater eingestellt. Mein Management-Bereich ist ein hartes Business. Die Liebe zum Menschen sollte aber nicht fehlen.

Wie würde der perfekte Lebenslauf für Sie aussehen?

Gute Noten aus der Schulzeit, gespickt mit Auslandsaufenthalten und Praktika. Das wird nach wie vor von Personalern gewünscht. Ergänzt aber durch ehrenamtliches Engagement. Dies bietet Rückschlüsse auf die Persönlichkeit, die wir da einstellen. Natürlich sollten das keine Lippenbekenntnisse sein. Denn Karrierestreben ersetzt keinen Freundeskreis, nicht den Glauben an persönliche Ziele und das Wissen, wer man ist und woher man kommt.

Lesetipp

Nach Feierabend lassen sie im Büro das Licht brennen. Manche haben Angst, ihren gut bezahlten Job zu verlieren. Andere finden keine unbefristete Arbeit mehr, mit der sie finanziell über die Runden kommen. Ein permanentes Umverteilen von Arbeit vieler Menschen auf immer wenige Köpfe. Wie kann man trotzdem Erfüllung finden? Johannes Czwalina und Clemens Brandstetter schreiben, wohin sich die Arbeitswelt der Zukunft entwickeln kann. „Vom Glück zu arbeiten” ist ein provokanter Werkzeugkoffer für High Potentials. Um das Leben zwischen Büro, Flughafen und Zuhause bewusster zu gestalten. FAZ Buch, September 2010, 200 Seiten, Preis 29,90 €.

Autoreninfo

Jan Thomas Otte (27) forscht als Fellow an der Princeton University über Zusammenhänge von Management und Moral. Der Journalist studierte Theologie in Heidelberg, machte ein BWL-Fernstudium. Der Journalist managt das Magazin www.karriere-einsichten.de, beschäftigt sich mit Wirtschaftsethik im Allgemeinen, Karrierefragen im Besonderen.