Inzwischen habe ich mit dem anonymen Bewerber telefoniert, der Teil dieses Experiments in Zeiten des Fachkräftemangels ist. Wie ich vermutet habe, ist er ein analytischer Mensch, der Freude daran hat, Lösungen zu finden. Er ist Zahlenaffin sowie qualitätsbewusst und gewissenhaft. Das Unternehmen, in dem er ein Praktikum absolviert und die Diplomarbeit geschrieben hat, hätte ihn 2008, vor der Aufnahme von Studium Nr. 2, sogar übernommen. Doch es war leider das Jahr der Wirtschaftskrise.

Dass er eine Fernuni gewählt hat, hat mit einer privaten Situation zu tun, nicht wie man leicht vermutet mit Einzelkämpfertum (denn es war ein hauptberufliches Studium). Ich empfahl ihm, die private Motivation für die Entscheidung offen zu legen. Ich habe damit nur gute Erfahrungen gemacht. Man muss und sollte nicht alles sagen, aber es ist sinnvoll, einen Hinweis zu geben.

Weiter sollte er die Qualität des Abschlusses verkaufen, denn die Fernuni ist im Fach Wirtschaftswissenschaften bei CHE gut gerankt. Gerade in mittleren Unternehmen, die die Hauptzielgruppe der Bewerbung sind, wissen Personaler das oft nicht, zumal wenn es sich nicht um Unis aus dem regionalen Umfeld handelt oder solche, die man in bestimmten Branchen automatisch als Türöffner kennt und  bewertet wie die private WHU für BWL oder die University of Columbia für Journalismus. Ganz schwierig wird es bei den neuen Abschlüssen. Hier entstehen derzeit reihenweise Missverständnisse… dazu noch mal an anderer Stelle. Kurzum: ein Halbsatz zur Erklärung kann helfen.

Ich gab einen Tipp für eine eventuell überbrückende Weiterbildung, vielleicht im Qualitätsmanagement. Bewerbern aus dem Ruhrgebiet empfehle ich hierzu wärmstens den Bildungsexperten Lars Hahn mit seiner LVQ. Die Arbeitsagentur könnte so eine Qualifizierung unterstützen, auch wenn bisher keine Ansprüche aus sozialversicherungspflichtiger Tätigkeit erworben worden sind. Weiterhin ermunterte ich, autodidaktische erworbene Kenntnisse, etwa in SQL, auch zu benennen. Es sagt etwas über Eigeninitiative aus, wenn jemand freiwillig ein 2000 Seiten-Buch liest, finden Sie nicht auch? Es muss nicht alles mit Zertifikat enden.

Nach unserem Gespräch überarbeitete der Bewerber seine Unterlagen. Was ich zurückbekam war schon sehr viel besser, aber noch nicht perfekt. Vor allem im Anschreiben hakte es, kein Aha-Effekt bei mir. Außerdem waren mir die Unterlagen zu bunt, zwar supertoll gestaltet, aber wir sind nun mal im Ingenieursumfeld tätig, die technisch orientierten Entscheider mögen diese Form der Kreativität normalerweise nicht.  Als ich die Gestaltung sah, schaute ich intuitiv ins Abiturzeugnis – und siehe da: Kunst und Mathe 12 Punkte.

Trotzdem, hier geht’s nicht um Design. „Zu viel Schnickschnack, der ablenken soll“, war mein erster Gedanke. Außerdem war die Datei viel zu groß. 16 MB kann man nun wirklich niemanden zumuten.  Kleiner rechnen! Zur Not nur ausgewählte Zeugnisse und einen für weitere einen Link mit Zugang z.B. auf die Dropbox senden – bei der E-Mail ist mit 3 MB Schluss. Und, bitte, benennen Sie die Mappe nicht mit bewerbung.PDF! (hat der Bewerber nicht gemacht, aber sehe ich ständig).

Beim Anschreiben und im Lebenslauf legte ich kurzentschlossen selbst Hand an und formulierte einen authentischen Brief. Authentisch heißt für mich: dicht bei der Wahrheit, aber immer positiv. Die Kunst der Bewerbung ist, die wesentlichen Dinge zu betonen und andere nicht zu erwähnen. Die Kunst ist auch, Motivationen auszudrücken und rüberzubringen, mit welchem Menschen man es zu tun hat. Ein bisschen Storytelling schadet nicht, man sollte es aber nicht übertreiben.  Und sich kurz halten.

Authentizität finde ich extrem wichtig, vor allem auch im Mittelstand: Sonst werden extrovertierte Charmebolzen erwartet, die sich als nüchtern und sachlich rausstellen oder umgekehrt. Um den Touch Persönlichkeit einzubringen, bin ich immer dafür, auch etwas Privates in den CV zu geben, gerade für Berufseinsteiger ohne jahrelangen Track Record. Es sagt einfach etwas aus, wenn jemand schreibt „letzter Marathon, New York 2011, Laufzeit 2:56:22“. Und das, was es aussagt, ist meist mehr als nur ein Klischee. In Sachen Marathon gibt es sogar Studien, die den Zusammenhang zwischen sportlicher und beruflicher Leistungsorientiertheit belegen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Es muss nicht jeder Marathons unter 3 Stunden laufen. Es kann auch ein Jagdschein sein, die Vergangenheit als Leistungsschwimmer oder das Handballspielen. Ein Bekannter von mir, Beachvolleyballtrainer, bestätigt, dass seine Sportart wirklich fast nur extrovertierte, im Team Spaß suchende Menschen anzieht. Überprüfen Sie also, ob das was Sie schreiben, Assoziationen weckt, die stimmen und stimmig sind.

Nun muss der Bewerber noch entscheiden, ob er meinen Rat annehmen möchte und dann kann es losgehen mit den neuen Bewerbungen. Mein Gefühl ist, dass wir auch beim Thema Vorstellungsgespräch was machen müssen. Aber bis dahin hat es noch etwas Zeit: Erst mal sollen die Einladungen kommen!