Die alte Bewerbung auf Papier hat ausgedient – und die Online-Bewerbung ist wie Bio-Diesel: auch nicht besser und partiell sogar schlechter. Wie bewirbt man sich denn dann in Zukunft? In unregelmäßigen Abständen schicken mir Marketer Links auf Angebote, auf denen sie etwas „lagern“, was sie als ultimative Bewerbungsmappe der Zukunft verstanden wissen wollen.  Doch was ist an einem PDF mit Deckblatt, das zur Abwechslung mal direkt im Netz liegt und per Klick verfügbar wird, innovativ?  Ich finde: Rein gar nichts, das ist Geldschneiderei.

Das Grundproblem der derzeitigen Bewerbung sehen viele Bewerber, gerade aus modernen Berufen und Branchen so:

  • Die chronologische Aufbereitung wird modernen Lebensläufen mit häufigen Wechseln, Kombinationen von Ausbildungen und auf unterschiedlichen Ebenen erworbenen Erfahrungen nicht gerecht.
  • Mit den sozialen Netzwerken kam auch der Trend zu mehr Natürlichkeit im Foto. Das gestylte deutsche Portraitfoto mitten auf einem Deckblatt oder oben rechts passt da vielfach nicht mehr rein.
  • Alle Welt sagt, Kreativität sei der Wettbewerbsvorteil unserer westlichen Welt – und bei Bewerbungen sollen wir weiter formal und ideenlos bleiben?
  • Und das wichtigste: Wir haben überall unsere Daten in sozialen Netzwerken und sehen nicht ein, die noch 20 Mal woanders einzupflegen, um uns zu bewerben.

Und das ist die Sichtweise des Personalers:

  • Ich hab nur wenig Zeit, ich skimme eher als dass ich lese. Der normale CV ist aber nichts für Skimmer, man muss sich damit beschäftigen.
  • Ich kann die Relevanz der Informationen nur sehr bedingt abschätzen, wenn chronologische Darstellung Kenntnisse und Erfahrungen überlagert.
  • Die Komplexität des Wissens, gerade in wissensorientierten Berufen, kann in klassischen CVs nicht mehrabgedeckt werden. Aber 23 Seiten Projektübersichten will ich auch nicht lesen.

Klar vor diesem Hintergrund, dass alle Welt gebannt auf ein Tool wartete, das die Bewerbung revolutionieren soll: Visualize.me.

Es übersetzt den Lebenslauf in eine Infografik. Der Ansatz ist zeitgemäß: schnelles Erfassen schon vorinterpretierter Informationen. Und die Umsetzung? Via Facebook hatte  ich gefragt, wer das Tool für meinen Blog ausprobieren möchte. Gemeldet haben sich die Social Media Spezialistin Ina Steinbach, der Blogger Jan Thomas Otte und der Social Media Storyteller Christian Spließ. Auch ich habe experimentiert – und musste erst mal meinen Mozilla aufrüsten, denn Sie brauchen die neuesten Browser-Versionen.  Internet Explorer funktioniert nicht. Weiterhin sollten Sie wissen, dass sich Visualize.me die Daten aus Linkedin.com holt. Sie brauchen also dort einen Account, kann auch der kostenlose sein.

1. Der erste Eindruck:

Ich finde mich in meiner Zeitleiste überhaupt nicht wieder. Wie die DSAK (ein SAP-Arbeitskreis) da rein kommt? Ich ahne nur, dass ich das mal dazugefügt habe aufgrund meiner Verbindungen zum BVSI e.V. Das sieht nach Arbeit für mich aus. Lasse ich lieber!

  1. Arbeiten am Profil

Oho, das kostet Zeit – sagt auch Ina Steinbach. Sie hat 40 Minuten in ihr Profil investiert und schreibt, dass da noch viel mehr Aufwand nötig wäre, bis das steht, wie sie es haben möchte. Der Umgang mit Umlauten sei auch nicht ganz unkompliziert. Und die Infografiken schneiden Wörter ab.

Nicht so toll an dieser Darstellung finde ich, dass die Praktika so dominieren und die Tätigkeiten danach so untergehen. Dabei weiß ich, wie kompetent und erfolgreich Frau Steinbach ist. Das sieht man so nicht. Die Darstellung, die Christian Spließ gewählt hat, besitzt schon mehr Dynamik. Es kommt zum Ausdruck, dass er viel gemacht hat, aber irgendwie ist es auch ein wenig wirr:

 

Aber Visualize.me kann nicht nur den CV – das Highlight sind die Darstellungen der Skills und Interessen (rechts Christian, unten Ina, darunter Thomas): 

 

Fazit:  Der Visualize.me-Lebenslauf ist frisch und modern, die Entwicklung steckt aber noch am Anfang. Bis Ihr CV perfekt aussieht, müssen Sie einiges an Zeit investieren – und die gestalterischen Möglichkeiten sind noch begrenzt.  

Wie verwendet man das Ganze? Zu befürchten ist, dass mindestens in den großen Unternehmen, die HR-Abteilungen weiterhin einen klassischen Lebenslauf brauchen. Vor allem die Firmen mit Online-Formularen möchten Bewerber-Daten bei sich im System haben. Die Frage ist also, ob es über kurz oder lang Schnittstellen zu unternehmenstypischer Bewerbersoftware gibt. Bis dahin: Eher ein nettes Spaß-Tool.