Mensch, habe ich mich heute Morgen gefreut, als ich diese Nachricht hörte: Das Modellprojekt „anonyme Bewerbung“ (hier Artikel in der Süddeutschen) war erfolgreich! Gleich hatte ich zwei Interviewanfragen im Kasten, denn dass mich das Thema seit Jahren umtreibt, ist bekannt. Als eine der wenigen Vertreter meiner Spezies, die seit Jahren klar und ohne Frage „dafür“ und zum Beispiel gegen Fotos in Bewerbungen sind.

Ich bekam viel Gegenwind, denn für eine anonyme Bewerbung (Familienstand, Geburtsdatum und in Online-Formularen auch ohne Name und Geschlecht) hatte kaum jemand, vor allem auf Medienseite, Verständnis. Lustig wurde weiter darüber geschrieben, wie man eine perfekte Bewerbung nach den altbekannten Regeln schreibt. Gerade erzählte mir eine Journalistin, von den Ergebnissen sehr überrascht, Bewerbungen ohne Foto würden bei Unternehmen in ihrem eigenen Umfeld sofort aussortiert. Nun ist allein das schon ein klarer Verstoß gegen das AGG…Und zweitens auch kein Grund für eine generelle Ablehnung, denn das Aussortieren von fotofreien Bewerbungen ist längst nicht in allen Branchen üblich. Ich kenne Personaler, die sagen „Ich will gar kein Foto“, aber die Bewerber schicken trotzdem eins. Hier muss man sich den jeweiligen Einzelfall anschauen.

Ich möchte mich hier noch einmal darzulegen, warum die Etablierung der anonymisierten Bewerbung sowohl für die Gesellschaft als auch für den Einzelnen wichtig ist:

  1. Es ist eine Tatsache, dass Migranten in der Bewerbung benachteiligt sind, selbst wenn sie hochqualifiziert sind. Das muss mal ausgesprochen werden. Ein Ingenieur mit Namen Mohammed aus Wilhelmsburg wird häufiger Absagen bekommen als der Timo aus München-Schwabing. Ganz besonders schwer haben es Afrikaner, Araber, Türken und Russen – in dieser Reihenfolge. Glauben Sie mir nicht? Oh doch, man braucht nur zählen: Auf einen vergleichbaren Lebenslauf bekommt Mohammed 3 und Timo 9 Einladungen. Leider kann ich als Migrant nun meinen Namen nicht fälschen. Deshalb bin ich sehr dafür, dass das erfolgreiche Modellprojekt Schule macht und die anonymisierte Bewerbung Pflicht wird, zumindest in Großunternehmen. Keine Namen, kein Geburtsdatum, kein Geschlecht, kein Familienstand – die Komplettlösung.
  2. Es ist ebenfalls eine Tatsache, dass Frauen und vor allem solche mit Kindern und potenziell „Kinder-Gefährdete“ (ergo um die 30-40jährgie) seltener eingeladen werden, siehe Migranten. Erst recht gilt das in leistungsaffinen Bereichen. Deshalb können Techniker-Krankenkassen-Mitarbeiter sagen „bei uns ist das nicht so“, was aber keine generelle Zustandsbeschreibung ist. Anderswo, und anderswo dominiert, ist das nicht so.
  3. Es ist drittens unbestritten, dass junge Arbeitnehmer es leichter haben. Die allermeisten Stellen sind für 2-3 Jahre Berufserfahrung ausgeschrieben und die Unternehmen wollen auch nur dafür bezahlen. Weiterhin sind junge Leute, zumal Frauen, eher bereit sich für ihren Chef reinzuhängen. Sie sind insgesamt unsicherer, zweifeln mehr an sich und arbeiten deshalb scheinbar mehr. Aus der Sicht konservativer Arbeitgeber die Idealform von Pflegeleicht. Bewirbt sich also eine erfahrene 50jährige für eine gehobene Sachbearbeitung, so wird sie aus mindestens zwei Gründen (Geld und nicht so easy handhabbar) weniger oft eingeladen werden. Nun kann man Erfahrung nicht komplett verleugnen und sollte das auch nicht – ist sie doch extrem wertvoll, verhindert Fehler und ermöglicht effektiveres Arbeiten. Das herauszustellen ist meistens sinnvoll. Aber: Man kann zumindest offen lassen, ob man 48 oder 54 ist…indem man das Geburtsdatum einfach weg lässt.

Wie sehen Sie die Ergebnisse des Projekts? Ich freu mich auf eine heiße Diskussion.