Not macht überhaupt nicht erfinderisch. DPD sucht gerade einen Key Account Manager E-Commerce, also jemand der schon ein bisschen was drauf haben sollte:

„Zur Verstärkung unseres Teams suchen wir für den Bereich Key Account Management am Standort Aschaffenburg schnellstmöglich einen XY“.

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Dann folgt: lange Liste von Anforderungen. Geboten wird: nichts, weder inhaltlich noch visuell. Außer ein unrasiertes männliches Model, was impliziert, dass eine Frau hier wohl nicht so gern gesehen ist. Trotz –in.

Können Personaler kreativ sein? Da habe ich zunehmend Zweifel. Viele nehmen das „Management“ wörtlich und verwalten eher als dass sie frischen Wind einbringen. Deshalb sagt Professor: Armin Trost in seinem Vorwort zu Jörg Buckmanns Buch „Einstellungssache: Personalgewinnung mit Frechmut und Können“, dass er Personalmanager nicht mag. Eigentlich nicht nett. Aber doch begründet? Sind Personalmanager Langweiler?

 

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Können Personaler mutig sein? Die Persönlichkeit eines typischen Personalreferenten, Personalmanagers oder auch HR-Generalists und auch HR-Business Partner unterscheidet sich möglicherweise grundlegend von der eines Personalmarketers. Während der eine eher daran interessiert ist, seine Sache vorbildlich, effizient und im Rahmen der Vorgaben zu machen, alternativ nah am Menschen orientiert ist, ist der andere bestrebt, NEUES zu schaffen und zu ermöglichen. Ich vermute, dass man bei einem Big-Five-Test feststellen könnte: Personalmarketer sind im Durchschnitt offener und weniger verträglich. Sie könnten auch narzisstischer sein, erst recht wenn sie schreibend unterwegs sind. Die meisten Buchautoren sind ein bisschen Narzisstisch. Ist auch nichts Schlimmes. Sie stehen damit den Marketing- und Kommunikationsleuten näher als den HRlern. Schauen Sie sich die aktivsten Twitterer und besten Blogger an, es sind sehr oft Leute mit (Personal-)Marketinghintergrund oder gelernte Kommunikatoren. Ich schließe bin ja auch so eine, aus der Kommunikation kommend und über die interne Kommunikation letztendlich zum Personalthema gesprungen. Zu wissen wie man mit Medien umgeht, ist als Schreiber natürlich ein Vorteil. Zählen Sie die Coachs und Berater mal durch, die Nennenswertes publizieren. Fast alles gelernte oder erprobte Kommunikatoren, vor allem gilt das für jene, die in multimedialen Zeiten groß geworden sind, weniger für die, die in den 1990er gestartet sind.

Weil Personalmarketer respektive Employer Brander eben ein wenig mehr Selbstliebe pflegen als vermutlich der Durchschnitt der Personalbranche, schreiben sie viele Blogs, Bücher und twittern wie wild. Weil sie wissen, dass nur auffällt, gemerkt und geliebt wird wer Dinge anders sieht und macht, beziehen sie strategisch Gegenpositionen, schimpfen nett oder weniger nett mit den Personalmanagern und sind bestrebt, ihnen etwas beibringen. Können sie auch meist – aus dem oben beschriebenen Grund.

Ich würde soweit gehen zusagen, dass es Beziehungs-, Organisations- und Kommunikationsmenschen gibt, wahrscheinlich spielen hier auch unterschiedliche Motive eine Rolle: Anschlussmotiv bei Beziehungstypen, Machtmotiv bei Organisatoren und Leistungsmotiv bei Kommunikatoren. Könnte sein. Personalmanager jedenfalls sind meist keine Kommunikationsmenschen, deshalb schreiben sie so schreckliche Anzeigentexte wie, siehe oben. Oder lassen schreiben. Sie reiben sich auch nicht so gern. Eigentlich möchten sie es eher mindestens dem Chef recht machen. Und recht machen und erfolgreiche Kommunikation nach außen passen nicht so recht zusammen.

Im Buch zitiert Buckmann Personalerikone Hans-Christoph Kürn von Siemens, der schon 2004 in meiner ersten Auflage meiner „Praxismappe für die kreative Bewerbung“ mit unkonventionellen Statements auffiel. Hab mich damals sehr gewundert, warum er mich nicht bat, die Siemens-Presseabteilung zu kontaktieren. War mir sehr sympathisch, denn angestellte Pressekommunikatoren machen aus Kartoffeln Brei.

Kürn wird vorgestellt als eine  Art HR-Revoluzzer, der einfach MACHT, vor vollendete Tatsachen stellt und nicht fragt. Das erinnert er mich ein wenig an Guenter Duecks „Das Neue und seine Feinde“. Dueck sagt das auch: nicht lange fackeln, Tatsachen schaffen. Dazu muss man allerdings in einer gewissen Position sein, Praktikanten sollten vorsichtig sein, wobei… Frechheit siegt. Warum es so wenig weibliche Revoluzzer gibt? Die Mehrzahl der Personaler sind weiblich, und Frauen sind seltener Revoluzzer. Oder fallen Ihnen nach Jeanne d´arc noch viele ein, und selbst die soll ja eigentlich ein Kerl gewesen sein.

Liebe Frauen, traut euch doch ein wenig mehr, möchte ich da sagen. Bringt doch auch so eine ordentliche Portion Frechmut auf, diese von Buckmann erfundene Mischung aus kreativer Frechheit zu machen.

Sowas ist jedenfalls nicht frechmutig:

 „Es erwarten Sie umfassende Sozialleistungen, regelmäßige Weiterbildungen, interessante Karrieremöglichkeiten sowie eine angemessene Vergütung.“

Zum Buch: Dies wird keine Rezension, weil es ein Fachbuch ist und irgendwie nicht mit Werken wie Martin Gaedts „Mythos Fachkräfte“ oder Guenter Duecks „Neues“ vergleichbar ist. Das wäre als würde man einen Schrank mit Holz vergleichen, ja, und jetzt denken Sie mal an die Fragen in IQ-Tests „ wie verhält sich X zu Y“ und überlegen Sie, was ich damit wohl meine.

Ich bin aber auch nicht die Zielgruppe des Buchs, dazu stecke ich zu tief drin. Lesen sollten es Leute, die oben stehende Anzeigenausschnitte verantworten. Und zwar dringend. Und dann sollten Sie ein paar frechmutige Dienstleister beauftragen. Und bitte kein HR-Washing betreiben.

Am besten geben Personaler das Thema in die Hände von Leuten, die über die interne Kommunikation, den Journalismus oder das Marketing in den Personalbereich kommen. Die haben einfach oft bessere Ideen. In deren Selbstverständnis ist Kreativität stärker verankert. Die haben Kommunikation bestenfalls gelernt, und das ist ein Riesenunterschied zu Autodidakten.  Ich komme gerade von einem Training bei Burda. Was für begnadete Ideenschmieder gibt es in so einem Kontext!  Die produzieren Ideen und texten in Minuten punktgenau und aufmerksamkeitsstark. Selten schafft das in dieser Qualität jemand, der sich über ein Studium Personalmanagement langsam hochgearbeitet hat und den gradlinigen Personalweg gegangen ist. Trotzdem sind die Türen zwischen Unternehmenskommunikation, Marketing und Personal seltsam verschlossen und ohne Durchgänge. Zumal dieses Employer Branding auch nicht so richtig weiß, wo es eigentlich andocken will und was es mit Retention Management zu tun hat oder auch nicht. Man könnte wenigstens Aufträge rausgeben, die natürlich keine reinen Textaufträge sein können, denn jedes Stelleninserat muss die Werte des Unternehmens atmen.

Personalberater, Headhunter also, sind übrigens noch schlimmer. Sie formulieren oberflächlich und anstatt leserzentriert adressenabsenderfokussiert: „für einen im Schwarzwald ansässigen Kunden aus dem Elektronikbereiche“. Was bietet dieser Kunde? Warum sollte ich für ihn arbeiten? Diese Informationen hält man lieber geheim. Könnte ja sein, dass man sofort weiß, um welches Unternehmen es geht. Und das geht ja nicht. Anstatt ich mir mal neue Geschäftsmodelle überlege, mache ich einfach weiter wie immer und lasse mich mal von der Demografiewelle überrollen.

buckmannAch ja: Das Buch ist liebevoll geschrieben und hat im ersten Teil auch eine nachvollziehbare und klare Struktur. Aber ganz ehrlich, ich hätte mir gewünscht, Herr Buckmann hätte  bei Seite 60 aufgehört, 40 Seiten hinzugefügt und SEIN Buch daraus gemacht. Ich hätte mir konkrete Tipps gewünscht, aus seiner Zauberkiste und nicht aus der von anderen. Denn so sehr ich die Kollegen Henner Knabenreich (ein wirklich begnadeter Langstreckenschreiber), Marcus Fischer und Gero Hesse schätze – sie wären in diesem Buch schlichtweg nicht nötig gewesen. Sammelbände sind immer schwierig, weil jeder Autor halt ein Individuum ist. Und dann machen einige Werbung in eigener Sache und andere bieten echten Informationswert – unterm Strich ist die Gesamtnote damit meist schlechter als die Einzelleistung. Ich kann mir die Bemerkung auch nicht verkneifen, dass die Gestaltung unübersichtlich ist. Was ist eine Überschrift erster, was eine zweiter Ebene? Ich hab mich etwas verloren gefühlt. Ja, und das Springer-Cover – echt nicht frechmutig! Für mich wäre das ein Grund, im Zweifel lieber wie Nils Pfläging ein schickes BOD zu machen…   Wäre auch mal frechmutig.