Man findet Sie beim Pilgerwandern via Instagram? Mit Hut und Hund bei Facebook? Unter der Dusche twitternd? Alle Welt rät von dieser Offenheit ab. Erlauben können sich Hinter-die-Kulissen-Blicke nur Stars à la Justin Bieber und Demi Moore, so der allgemeine Tonus.

Ich lese mich heute mit einer Aussage zitiert bei RTL (muss alt sein), die etwa so lautet: „Sagen Sie nichts im Social Web, was Sie nicht überall öffentlich kundtun würden.“ Bin ich zu konservativ? Heute kam erstmals ein ganz anderes Statement. Nicht so vorsichtig, teilt uns Thomas Bergen, Mitgründer von Getabstract über den Harvard Business Manager Blog mit. Er sagt, hier frei zusammengefasst: Ist doch toll, wenn ich als Chef im Internet Persönliches von meinen Bewerbern und künftigen Mitarbeitern erfahre!

Ich denke still und schreibe auch: Im Grunde hat er recht. Fände ich auch gut, dann fischt man nicht so im Trüben.

Aber… ich weiß wie oft ich mich selbst habe vom schönen Schein irreführen lassen. Deshalb nur im Grunde, denn es gibt zwei entscheidende Wenn und Abers, die Personaler und Entscheider bedenken sollten, die im Internet Hintergrundchecking betreiben.

1.   Dass, was man findet, muss nicht wahr sein.

Ich habe neulich auf die „Shampoo“-Seite geklickt, weil ich jemanden etwas zeigen wollte. Nun bin ich Fan. Aber nicht in echt. Ich habe das Zeugs noch nie gekauft und finde die Marke auch unsympathisch.

Ich klicke manchmal zufällig, manchmal zufällig NICHT und dann wieder strategisch (was auch nichts über mich sagt). Dass ich bei Facebook nicht verrate, ob ich in einer Beziehung lebe, heißt z.B. nicht, dass ich keine habe. Nicht zu vergessen: Es gibt auch immer mehr Fakes, immer mehr Leute, die bewusst ein zweites Ich aufbauen. Um sich zu schützen. Oder um Dinge zu machen, die sonst nicht gingen.

Liebe Personaler und Inhaber: Alles im Internet kann irreführen. Nichts ist, wie es scheint.

2.   Dass, was man findet, kann falsch interpretiert werden.

Herr Bergen sagt, er würde vom Bonsaizüchten auf den Charakter schließen. Ich bn nicht sicher, dass das Züchten von Bonsais mit dem Merkmal Gewissenhaftigkeit im Big5 oder woanders korreliert. Und wenn…? Es gäbe Ausnahmen. Bei dem zitierten  Porscheleasing sehe ich es ähnlich (Bergen würde keinem eine Buchhalterstelle geben, der einen Porsche geleast hat). Ich sage: Es könnte eine Person geben, die das gut trennen kann – nicht unbedingt sind private Merkmale auf den beruflichen Kontext übertragbar. Und überhaupt: Entspricht JEDER Buchhalter dem Klischee des sparsamen, peniblen Opelfahrers?

Ich finde Interpretationen von Internetaktivitäten ebenso heikel, wie von Freizeitaktivitäten im Lebenslauf auf den Menschen zu schließen. Nur weil jemand segelt, muss er nicht teamfähig sein. Und nur weil jemand Marathon läuft, ist er nicht notwendigerweise der totale Leistungsträger.

Man muss also weiterhin Internetaktive auf die Gefahren hinweisen – aber umso mehr die Personalverantwortlichen und Firmenchefs! Bonsais = gewissenhaft. Das ist System-1-Denken.

Aber raus kommen wir nicht. Schubladendenken und Fehleinschätzungen können auch die aufgeklärtesten Leute nicht vermeiden, was den Erfolg der anonymen Bewerbung erklärt.  Kein Personaler denkt von sich, er denke in Schubladen. Er tut es trotzdem, siehe Kahnemann.

Ergo bleibe ich bei meinem Rat: Passt auf, was ihr im Internet sagt.