Mich hat niemand gefragt. Ich hätte Ideen gehabt. Aber ich hätte mich nie getraut, sie auszusprechen, man hätte mich überschrieben wie eine Festplatte mit F:Format. Ich hätte auch gar keine Lust dazu gehabt. Und überhaupt: Warum sollte ich dem Unternehmen meine Ideen schenken? So oder ähnlich denken unentdeckte Talente in Unternehmen, die niemand fragt und auf die niemand hört. Leute, die als stille Mitläufer oder sogar Minderleister eingestuft sind. Kein Talent Management wird sie je identifizieren. In Tests fallen diese Talente durch. Denn manche halten nicht viel von sich selbst. Deshalb machen sie ihre Kreuze eher vorsichtig. Nicht selten kratzen sie auch irgendwo am Extrem: Sie sind extrem introvertiert, extrem wenig anpassungsbereit, extrem chaotisch, extrem anders…

gummibarchen-359950_640Talent Management hat die Aufgabe, kritische Rollen und Funktionen sicherzustellen. Es muss dafür sorgen, dass ein Unternehmen durch genügend Talente überleben kann. Indirekt heißt das, Unternehmen überlebensfähig auf globalen Märkten mit lauter roten Ozeanen zu halten. Dies geht nur durch Innovation. Und die Voraussetzung von Innovation ist auf Gruppenebene ein Klima, das Innovation zulässt und auf der individuellen Ebene Kreativität. Die der Kreativität zugrunde liegenden Eigenschaften, teils angeboren oder zumindest früh gelernt, sind Unabhängigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen und Unangepasstheit. Die derzeitigen Talent Manager suchen aber nicht nach solchen Leuten. Sie suchen nach Messbarkeit – doch jede Messbarkeit fordert Anpassung. Sie versuchen Talente in Modelle zu fassen. Doch Talent folgt keinem klaren Muster. Sie orientieren sich am quantitativen Bedarf, richten sich an fachlicher Seltenheit aus. So wird eher ein Informatiker als ein Geisteswissenschaftler gesucht. Das Talent wird  als Disziplin interpretiert und so missverstanden. Selten ist indes nicht die Disziplin, sondern die Begabung, komplexe Probleme zu lösen, neue Ideen zu haben. Diese Begabung hat mit der eingeschlagenen Fachrichtung wenig zu tun. Diese Begabung zu suchen, fordert Begabung – die Begabung neue Wege zu gehen, jenseits des Talent Managements.

Wenn Sie wirklich, wenn Sie ehrlich und offen Talente finden wollen, dann habe ich 5 für Sie:

1.  Werden Sie Talentefinder anstatt Talentmanager

Zu jeder Hausarbeit in der Schule und im Studium, zu jeder Case Study im Assessment Center gibt es heute eine Musterlösung. Für alles existiert im Unternehmen Best Practice. So verwaltet man Talente, die keine sind und killt Kreativität im Keim. Wandeln Sie sich vom Talentmanager mit verwaltendem Fokus zum Talentefinder mit Weitwinkelobjektiv. Schmeißen Sie Musterlösungen in den Papierkorb. Sie sind ein Mittel der Kosterersparnis, aber der Anfang der Gleichmacherei und damit das Ende der Kreativität.

2. Ergründen Sie stille Wasser

Franz Kafka war mehr als ein Jahrzehnt Angestellter einer Versicherungsgesellschaft. Er arbeitete vor sich hin, als Talent unerkannt. Damals, vor mehr als 100 Jahren, war Talent für Unternehmen aber auch nicht wichtig, es ging um Regeleinhaltung und Aufrechterhaltung von Status quo. Heute ist das anders. Viele Kafkas sitzen irgendwo unentdeckt. Kann sein, dass es die sind, die Sie komisch finden. Kann sein, dass es die sind, die Sie nie bemerken. Echte Talentmanager suchen nach diesen Perlen, indem sie nie sagen „der ist so“, sondern immer fragen „wie könnte er/sie sein“.

3. Schauen Sie hinter die Noten

Einstein war ein schlechter Schüler und hatte angeblich eine „vier“ in Mathe. Fragen Sie Psychologen, so sagen diese, „Noten korrelieren mit beruflichem Erfolg“. Nur, was ist beruflicher Erfolg? Psychologie ist eine weitgehend unkreative Disziplin, man arbeitet mit statistischen Methoden, die wenig Spielraum lassen. Es ist verrückt, ausgerechnet Psychologen Talente auswählen zu lassen.

Und überhaupt, haben wir nicht gelernt, dass eine Korrelation keine Kausalität ist? Gerade sehr starke Persönlichkeiten sehen oft keinen Sinn im schulischen Lernen. Solche Leute werden sich auch nicht hinsetzen und einen IQ-Test für ein Unternehmen ausfüllen. Sie tippen nichts in ein Online-Formular, das sie zu standardisieren sucht. Packen Sie Ihre Instrumente weg. Beobachten Sie, wie Menschen etwas machen und wann sie aufblühen. Dann finden Sie wirkliches Talent.

4. Suchen Sie nach dem Wahnsinn

Kreative denken origineller, assoziativer, komplexer und dichter. Die Grenze zum Wahnsinn ist hier nicht nur sinnbildlich nahe. Der kürzlich verstorbene John Nash, der die Spieltheorie erweiterte und den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, war als Schizophreniepatient jahrelang in der Psychiatrie. Laut Untersuchungen des Wissenschaftlers Szabolcs Kéri, gibt es ein Gen, dass Schizophrenie fördert, dass aber auch frei für Ideen macht: Neurologin 1. Träger des Ggraffiti-569265_640ens haben deutlich originellere Ideen, hier mehr dazu.

Wenn Sie Talente suchen, machen Sie bitte keine Case Studies, bei denen die Musterlösung vorliegt. Suchen Sie lieber nach Leuten, die Ideen produzieren, die Ihnen völlig abgefahren vorkommen. Das ist der Ansatz.

5. Lassen Sie Freiheit

Talent hat eine tragende Eigenschaft: Es braucht Freiheit, um sich entfalten zu können. Das Talent hat wenig Lust zu dauerhaftem Gruppenzwang. Es wird nicht pünktlich kommen, Ideen nicht auf Abruf vorlegen und einen Nine-To-Five-Job weder wollen noch folgen. Lassen Sie Ihre Talente arbeiten wie sie wollen und zwingen Sie sie nicht in ein Gerüst. Erwarten Sie nicht, dass sie sich anpassen. Akzeptieren Sie Eigenleben. Schulen Sie die Leute auf den Umfang mit Talenten, die Sie bisher dafür hielten. Die mittleren, ausbalancierten angepassten sind dazu bestens geeignet.