„Ich bin kommunikativ“, sagen Lisa und Hans. Beide meinen etwas anderes. Lisa hört gern zu, und Hans redet viel. Das ist das eine:  die Frage, was ein Mensch überhaupt unter so einem abstrakten Wort wie Kommunikationsfähigkeit versteht. Die andere ist, in welchen Situationen und Umgebungen Lisa und Hans sich wie verhalten und welche Erfahrungen sie zu dieser Selbsteinschätzung geführt haben. Denn Verhalten kann kontextabhängig enorm variieren. Wer sich in einem Meeting mit dem Chef zurückhaltend und beobachtend verhält, kann in einem Seminar mit Office-Kräften der lautstarke Wortführer sein.

Das unterschätzen wir oft. Wir sind nicht nur das eine oder andere, sondern können in unterschiedlichen Situationen vieles sein – und immer mal wieder etwas anderes. Weil ein Mensch sich mir gegenüber redefreudig und argumentationsstark zeigt, muss er das in einer Arbeitssituation in seinem Unternehmen noch lange nicht sein. Manche verhalten sich gegenüber Männern anders als gegenüber Frauen. Es kann auch sein, dass ein bestimmter Typ Mensch ein spezielles Kommunikationsverhalten auslöst. Oder dass das Verhalten von der Hierarchiestufe abhängt. Tausend Möglichkeiten und mehr.

Wir neigen dazu, von einem beobachteten Verhalten auf die gesamte Persönlichkeit zu schließen. Einem sehr freundlichen, höflichen Mann trauen wir keine Aggression zu. Von einer sehr durchsetzungsstarken, toughen Frau denken wir nicht, dass sie sich unterordnetn könnte. Damit liegen wir sehr oft falsch. Jedem von uns, auch einem Coach, Psychologen oder Personalentscheider, unterlaufen solche Zuschreibungsfehler.

Vorstellungsgespräche sind besonders gefährliche Gelegenheiten, anderen auf den Leim zu gehen. Hier kommt zum Zuschreibungsfehler noch der so genannte Halo-Effekt. Halo ist griechisch und kommt von der Bezeichnung für den Hof um eine Lichtquelle. Der erste Eindruck bestimmt unsere weitere Wahrnehmung. Kommt jemand redegewandt daher, trauen wir dieser Person automatisch mehr zu als einem stillen Kandidaten. Über das Verhalten in seinem Job sagt dieser erste Eindruck trotzdem wenig bis nichts.

Die Zuschreibungsfehler machen wir auch bei uns selbst. Die Einkaufsleiterin Eva hielt sich für nicht kreativ. Im Laufe des Gesprächs mit ihr bekam ich Zweifel an dieser Selbsteinschätzung. „Ich glaube, Sie können kreativ sein“, sagte ich. Da kam sie ins Grübeln und erinnerte sich an Situationen, in denen Sie kreativ war. Ähnlich ist es mit anderen Selbstzuschreibungen.

Stellen Sie sich die Fragen:

  • In welchen Situationen habe ich mich wie verhalten?
  • Wann bin ich wie?
  • Wie komme ich dazu, mich als…. zu bezeichnen?
  • Warum bin ich in der einen Situation so, in der anderen so?
  • Warum bin ich in der einen Umgebung so, in der anderen so?
  • Bin ich wirklich nicht….(kreativ, ordentlich, clever….)?
  • Kann und will ich anders sein?

Wenn ein Personaler Standardfragen stellt wie „was sind Ihre Stärken“ bekommt er nicht wirklich etwas über den jeweiligen Menschen heraus. Er führt ein mehr oder weniger nettes Gespräch. Fehleinschätzungen durch Halo-Effekt und Zuschreibungsfehler sind vorprogrammiert. Selbst das Wissen um diese Dinge, schützt uns nur begrenzt davor. Deshalb spricht einiges dafür, solche Fragen auf den „Index“ zu setzen und andere Fragetechniken zu verwenden.