Erstens bin ich von gestern und zweitens eine Frau. Meine Chancen, es zum Thought leader zu bringen, liegen damit bei Null. Thought Leader ist das Upgrade auf den Experten, das jeder braucht, der heute als Speaker oder in der Beratung Karriere machen will. Thought leader können Visionäre, Innovatoren und Problemlöser sein, lese ich irgendwo. Sie sind weit überwiegend männlich, Edward Snowden und der Papst sollen dazu zählen. Entnehme ich Listen von anderswo.

Ein kurzes Gespräch aus der letzten Woche:

  • Kundin: Frau Hofert, Sie sind ja immer noch Expertin für…!
  • Ich: Oh Gott, Experte, nun ja… Sollte ich etwas anderes sein?
  • Kunde: Natürlich Thought Leader!

Brauche ich ein Upgrade? Alle möglichen Leute sind seit einiger Zeit Thought Leader. Idealerweise haben sie zuvor jemand gefunden, der sie „thought leader“ nennt, damit sie es nicht selbst tun müssen. Aber das geht heute einfach: Buchautorenschaft wird gekauft, viele Buddies sind bereit für ein „Buddy-Schön“, wenn es nur auf Gegenseitigkeit beruht.

Thought leader sind nie ich

„XY ist ein weltbekannter Thought Leader. Als Redner begeistert X regelmäßig sein Publikum.“ Man schreibt als Thought Leader niemals, never-ever, „ich“ oder gar „wir“. Auch nicht, wenn man Thought Leader innerhalb der agilen Szene ist, wo ja Augenhöhe und Wir-Gefühl so etwas wie die Marschrichtung vorgeben. Aber auch da gibt es diese Einzelkämpfer-Thought leader, die mir oft so gar nicht zum Grundgedanken der Agilität zu passen scheinen.

„Wie soll ich Sie bezeichnen?“ fragt man mich öfter in Interviews. Ungeschickterweise sage ich bisher noch zu oft: „Wie Sie wollen“ und korrigiere nur grobe Patzer. Mit der Folge, dass allerlei Unsinn über mich im Web kursiert. Zum Beispiel war ich nie im Leben „Kommunikationstrainerin“. Aber eben auch nicht thought leader. Kommt denn da keiner mal von selbst drauf…?

Was mich an den ganzen Thought leadern vor allem irritiert? Dass sie sich besonders gern dort breitmachen, wo ein gewisses Gleichheitsideal herrscht oder zumindest der Glauben an die Kraft der „Innovation aus dem Wir“ vorherrscht. „Warum laufen alle einem Sattelberger nach als wäre er der Heilsbringer?“ fragt mich eine kluge Frau. Und dem… Und dem… Alles kleine Männer? Oder Helden?

Schluss mit dem Heldenkult!

Child superhero portrait„Wir lieben Helden. Unsere überlieferten Erzählungen sind voll davon. Die halbe Filmindustrie lebt von modernen Helden. In unseren Unternehmen belohnen wir die Heldentaten einzelner Kämpfer. Genau diese Glorifizierung einzelner Menschen und ihrer Leistungen führt zu unfruchtbarem Gegeneinander, wo es nur miteinander geht“, schreibt Blogger Martin Raitner – like. Aber Glorifizierung? Ist Thought Leadership, von dem Raitner gar nicht spricht, weil er auch einen ganz anderen Fokus setzt, nicht auch eine Form der Glorifizierung? Müssen Thought leader nicht zwangsläufig Helden sein? Und können sie es nicht auch leicht sien, weil sie in der Regel nicht angestellt sind und mit dem ganzen Alltagskram nichts zu tun haben? Naja, Ausnahme ist wohl der Papst.

Auch der von Raitner zitierte Gandhi kommt in den Listen der Thought Leader vor (die selbst ernannten übrigens nicht). Ich frage mich: Wer würde auf der Liste stehen, wenn ein Putin sie erstellte? Versteht ihr, worum es geht? Am Ende darum, dass Macht Macht bleibt und Helden Helden. Das einzige, was diese voneinander unterscheidet, sind Perspektiven und Werte, also der Standpunkt. Wir brauchen Helden. Es geht nicht ohne. Dafür sind die meisten Menschen zu durchschnittlich, zu menschlich. Sie müssen etwas haben, das mehr hat und ist als sie selbst Helden. Wirklich mehr… mehr als eine Worthülse.

Schuld sind nicht die Depperten, die sich selbst zum Helden machen, sondern die, die einen Thron sehen und sich nicht fragen, ob dieser aus Gold ist oder aus Pappe.

Was wir brauchen ist kein Ende des Heldenkults. Was wir brauchen sind Menschen, die sich selbst eine Meinung bilden können, um einen differenzierteren Heldenkult zu ermöglichen. Um keine Abhängigkeiten von Helden entstehen zu lassen und diese schnell vom Thron stoßen zu können. Wie war das, Herr Marx? „Religion ist Opium für das Volk.“ Wer keine Religion hat, braucht Helden – sollte sie aber bitte nüchtern konsumieren.