Dieses kleine Mädchen interessiert sich wirklich für die Weintraube. Sie will sie nicht einfach essen, sie will sie verstehen.

Fragen bestimmen das Leben von Kindern. Und auch mein Leben. Fragt man mich nach einem Erinnerungsbild aus meiner Jugend, so sehe ich mich nachts zuhörend und Fragen stellend in fremden Küchen. Meine Freundin beschäftigt sich derweil mit „Party“ – und will wissen, warum zum Teufel mich „Gott und die Welt“ interessieren.

Das ist bemerkenswert, weil ich als Erwachsene zeitweise auch viele Antworten gegeben habe. Im Grunde aber unfreiwillig. Wenn ich es mir genauer anschaue, benenne ich Phänomene und Wahrnehmungen.  Ich war nie davon überzeugt, dass etwas ist wie es ist oder stimmt, weil es stimmt. Eine Zeitlang fühlte ich mich damit fremd – und begab mich auf die Suche nach festem Wissens-Untergrund.

So habe ich mich viel mit Fakten beschäftigt, etwa den rechtlichen Aspekten der Existenzgründung. Da wiederum wurde ich gefragt, warum mich das Steuerrecht in der Schweiz interessiert. Der Vorteil dieser Phase war jedoch, dass ich ziemlich viel aus ziemlich vielen verschiedenen Gebieten weiß. Doch am Ende leitete mich natürlich auch hier eine Frage – und es ging nicht um Steuerrecht.  Es war vielmehr die Frage: Was und wem nützt eigentlich Wissen?

Wissen nützt nichts, aber es hilft

Ich kann heute sagen: Es hilft, und es nützt nichts. Es hilft, weil ich dadurch andocken kann. Es hat mich sprachfähig gemacht. Bisweilen ist es praktisch – für manche Fragen brauche ich keinen Rechtsanwalt. Ich kann so einige Dinge einordnen, und zur Not kann ich auch erklären, was Virgina Satir unter einem offenen System versteht, und was Niklas Luhmann. Oder warum gerade jetzt der alte Idealist Hegel wieder Hochkonjunktur hat. Es hilft aber nichts, weil es keine Probleme löst, die Menschen in ihren privaten und organisationalen Umfeldern haben.

Manche Menschen, die mir begegnen, haben unendlich viel mehr Wissen als ich, aber es nützt den anderen auch nichts, manchmal im Gegenteil. Das hat damit zu tun, dass das Wissen nicht mehr fluide ist, sondern wie angewachsen. Das sind dann Experten, die blind sind für alles, das nicht in ihr Fach passt. In der Coronapandemie waren sie teils gerade wegen ihres angewachsenen Wissens beliebt. Und dann zeigt sich der Unterschied zwischen Menschen, die nichts in ihre Welt lassen, das nicht aus ihrer Welt ist – und jenen deren Denksysteme offen nach außen sind.

Wenn Politiker fragen würden…

Ich finde es schade, dass in Triells und anderen Wahlkampfveranstaltungen kein einziger Politiker mal eine Frage stellen darf. Oder vielleicht dürften sie, und vielleicht fänden es die Leute auch cool, wenn jemand mal fragt „Sie wollen wissen, welche Lösungen für den Klimawandel ich habe? Ich habe keine. Ich möchte, dass wir uns Zeit nehmen, um gemeinsam einen Ansatz zu entwickeln.“ In der Presse stände dann: „X hat keine Lösung für Klimawandel.“ Das Beispiel zeigt leider, dass Fragen auch einen Kontext brauchen, der sie verarbeiten kann.

Fragen stellen statt Antworten geben

Es gibt eine tolle Kreativitätsübung: Stellen Sie 100 Fragen zu dem Problem, das Sie gerade sehen. Gerne auch in einer Gruppe. Sie gehen dem Problem damit tiefer auf den Grund als mit allem anderen. Sie müssen da über die so genannte kreative Klippe und das ist harte Arbeit. Aber die lohnt sich.

Fragen helfen nicht nur, Probleme anders anzusehen, sondern Sie helfen auch uns, etwa beim Finden einer beruflichen Identität. Stellen Sie sich vor, X wäre kein Virologe, sondern Fragensteller. Die Herangehensweise ist eine komplett andere. Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht in TVÖD 13 aufgrund eines Masterabschlusses, sondern aufgrund der Fragen, die Sie stellen konnten. Das wäre NEW WORK, wie ich es verstehe.

Wer bist du statt was machst du

Mit dem Siegeszug der Aufklärung verbreitete sich die Frage „was machst du?“ Man war Angehöriger eines Berufsstands oder Mitarbeiter einer Firma und hatte Eltern und Geschwister, die auch einem Berufsstand oder einer Firma angehörten.  Diese Zeiten gehen zu Ende, auch weil wir das Bildungswesen radikal ändern müssen, so dass Grenzen verschwimmen. Das ist eine Riesenchance, wieder zu einer Art Universallehre zurückzukommen, nur auf einem ganz anderen Level.

Wenn wir nicht mehr danach suchen, wer wir sind, sondern welche Fragen uns antreiben, erschließen wir uns ganz andere und spannendere Themen. Selbst die Sicht auf Stärken verändert sich auch: Wir können uns dann gar nicht mehr statisch und passiv sehen, es kommt automatisch Bewegung ins Leben.

Über Fragen und Identität habe ich hier schon einmal nachgedacht.

Diese Kolumne erschien zuerst bei XING.

Wenn Sie Coach, Change Agent oder Berater sind und Bewegung in ihrer Perspektive auf sich, ihre Organisation und die Zukunft suchen, dann laden wir sie zu Nextlevelcoaching vom 18.-22.10. in die Nähe von Hamburg ein. Weitere Angebote finden Sie in unserem Terminkalender.