Manche nennen mich „direkt“. Ich spreche auch heiße Eisen an, wenn sie mir wichtig genug sind. Ich lege keinen Schonwaschgang ein, wenn ich der Meinung bin, dass etwas dem Ziel nicht dient. Es kann sein, dass ich dabei über genau dieses hinausschieße. Aber auch, dass ich ins Schwarze treffe.

Bei Menschen wie mir findet sich im Big-Five-Profil oft eine Tendenz zu „Disagreeableness“, was man mit „niedriger Verträglichkeit“ oder Nonkonformismus übersetzen könnte. Bei den Big Five handelt es sich um einen wissenschaftlichen Persönlichkeitstest – er gilt in der Persönlichkeitspsychologie als Goldstandard. Die Eigenschaft muss allerdings nicht so extrem rüberkommen wie es sich anhört. Es gibt Wölfe im Schafspelz und Schafe, die Wölfe sind…  Also denken sie nicht, dass alle „unverträglichen“ Persönlichkeiten auch so wirken wie die Dame auf dem Bild. Denn einige der Nonkonformen kommen zunächst ziemlich konventionell rüber.

Konformisten und Nonkonformisten

Wie sich Nonkonformismus konkret auswirkt, ist so unterschiedlich, wie Menschen sind. Menschen mit verträglichen Eigenschaftszügen gelten gemeinhin als angenehme Zeitgenossen. Sie sind konformistisch, freundlich und mitfühlend – haben in Gruppen aber auch die Neigung, sich anzupassen und die Beziehung in den Vordergrund zu stellen. Die Folge: Sie ringen weniger um gute Lösungen. Die Nonkonformisten sind wettbewerbsorientiert und antagonistisch. Sie ringen eher um Lösungen – und riskieren es, dabei anderen auf die Füße zu treten. Zum Beispiel weil sie denken, das sei nötig, weil man sonst nicht vorankommt.

Unterschätzte Eigenschaft

Psychologieprofessor Adam Grant von der Wharton School der Universität von Pennsylvania hat die Eigenschaft „Disagreeableness“ nun rehabilitiert. In seinem neuesten Buch, „Think again“, nennt er Belege, dass unverträgliche Leute kreativer sind und oft klügere Entscheidungen treffen. „The ideal members of a challenge team are disagreeable“, schreibt Grant. Solche Menschen beherrschten die Kunst des guten Streitens. Zur Illustration bringt er die Filmfirma Pixar, die den nonkonformistischen Persönlichkeitstyp bewusst rekrutiert und damit sehr erfolgreich ist. Als Teil von Disney gehen Filme wie „Findet Nemo“ oder „Toy Story“ auf Pixars Konto.

Nicht überraschend also, dass sich unter Unternehmern statistisch besonders viele Nonkonformisten finden. Doch Vorsicht vor Stereotypen: So wie nicht jeder verträgliche Mensch Anpassung über alles stellt, muss auch nicht jeder Nonkonformist immer und in jeder Situation den Knüppel aus dem Sack lassen. Nonkonforme Menschen können genauso empathisch sein wie verträgliche. Hierbei spielt vor allem die vertikale Ich-Entwicklung eine Rolle, die das Auftreten der horizontalen Eigenschaften moderiert.

Beißerqualitäten im Team

Rücken wir das Team ins Zentrum der Betrachtungen, lässt noch etwas anderes aufhorchen: Weniger verträgliche Menschen scheuen keine Aufgabenkonflikte. Sie knicken nicht ein, nur um Rücksicht zu nehmen. Sie beißen sich vielmehr an dem fest, wovon sie überzeugt sind.

Und das hat für sie gewöhnlich eher einen Aufgaben- als einen Beziehungsbezug. Aufgabenbezug wiederum macht Teams erfolgreicher und kann sie sogar zu High Performance führen – also überdurchschnittlicher Leistung. Während verträgliche Teams oft um der Harmonie willen auf Dissens verzichten, sind unverträgliche an guten Lösungen interessiert.

Die Beziehung muss stimmen

Dennoch sollte es dabei keine Beziehungskonflikte geben. Auch nonkonformistische Teammitglieder müssen sich vertrauen und respektieren, damit die unterschiedlichen Ansichten nicht persönlich genommen werden.

Viele Teams mit Konformismus-Überschuss haben damit so ihre Probleme. Je besser die Beziehung ist, desto eher neigen diese Teams dazu, von eben dieser guten Lösung abzulassen. Andrerseits ist der Umkehrschluss falsch, dass Beziehung nicht wichtig sei. Nur wenn sich alle respektieren und vertrauen, ist die Konzentration auf die Aufgabe möglich. Allerdings interpretieren nonkonformistische Menschen Vertrauen sportlicher. In einem gemischt besetzten Team kann das zu Missverständnissen führen.

Je besser sich die Teammitglieder sich dieser Unterschiede bewusst sind und je offener darüber kommuniziert werden kann, desto eher lässt sich damit umgehen. Dafür ist allerdings Reflexion nötig und der Wille zum Umgang mit psychologischer Diversität.

Teamentwicklung hilft, das Bewusstsein für diese Unterschiede zu schärfen. Und ist deshalb auch ein wichtiger Hebel, um Teams klüger und leistungsfähiger zu machen. Wir bieten mit Teamworks GTQ GmbH professionelle Teamentwicklung.

Dieser Beitrag erschien zuerst als XING-Kolumne. Als XING-Insiderin freue ich mich, wenn Sie mir dort folgen.

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