Es ist ein Tabu, über das kaum jemand schreibt: Führungskräfte, die weit gekommen sind, befinden sich oft weit mehr als ein Jahr auf Jobsuche. Viele finden über Jahre keine Anschlussjobs mehr – selbst wenn sie downsizen. Da sie zuvor meist gut verdient haben, beantragen sie kein Hartz IV und fallen aus der Statistik. Typischerweise schmücken sie ihren Lebenslauf mit Interims- und Beratertätigkeiten.

Die Profile von Führungskräften mit Problemen bei der Jobsuche ähneln sich:

  • Viele waren lange nur in einem Unternehmen und einer Branche. Das wird vom Markt abgestraft, sofern die Branche kaum zu einer anderen kompatibel ist und eher im Rückbau begriffen.
  • Das Fachwissen ist außerhalb der Branche wenig kompatibel. Führungswissen lässt sich in Deutschland schwer verkaufen, erst recht in einer Zeit, in der Führung vielfach neu definiert wird (siehe agileres Führen) und Managementaufgaben ins Team wandern.
  • Sie sind weit über das Mittelmanagement hinausgekommen. Während sich untere Führungskräfte noch zurück in eine Senior-Position bewerben können, geht das ab einer gewissen Führungsspanne kaum noch.
  • Sie haben kein Standardprofil, haben also unterschiedliche Funktionen ausgeübt, die sich so in anderen Unternehmen nicht wiederfinden. Sie sind nicht eindeutig Vertrieb, Marketing, technische Leitung etc.
  • Sie sind eher keine Netzwerker.
  • Teilweise kommt hinzu: Der Ausbildungsstand entspricht nicht dem erreichten Führungslevel. Es gibt beispielsweise nur eine kaufmännische Ausbildung. Bei Technikern ist der Abstand zu den Ingenieuren dabei weniger gravierend als hier.

Alle machen die gleiche Erfahrung:

  • Am Anfang wollen sie das Gehalt halten, machen maximal 10-20% Abstriche. Sie versuchen auf möglichst gleicher Ebene zu bleiben.
  • Sie vertrauen in Headhunter, die so gut wie immer auch Hoffnungen machen, selten Klartext reden. Nach rund einem Jahr sinkt das Vertrauen. Auch Outplacementberater verkaufen sich über das Versprechen, helfen zu können.
  • Sie bewerben sich auf ausgesuchte Stellen, erhalten aber nur Absagen. Gleich wie der Lebenslauf aussieht und wieoft er optimiert wurde. Oft sehr oft.
  • Werden sie doch eingeladen, dauern die Verfahren bis zur Einstellung Monate. Durch die Verunsicherung der langen Jobsuche überzeugen sie weniger.
S. Hofschlaeger  / pixelio.de

S. Hofschlaeger / pixelio.de

Erschwerend ist ein Alter von 50 oder gar mehr als 55 Jahren. Soweit die Zustandsbeschreibung. Aber was lässt sich tun? Als Beraterin habe ich die Erfahrung gemacht, dass man Erfahrung nicht erzählen und nicht berichten kann – man muss sie machen. Selbst wenn ich auf den vermutlich schwierigen Verlauf hinweise, wird das eher nicht als eigene Realität begriffen. Der Klient, zu dem ich offen bin, würde nicht meiner werden, da wir keine Einfachheit und keine 100% Lösung versprechen. Solche Klarheit vertragen im Grunde nur die, die auch das Potenzial haben neu zu denken und sich in Frage zu stellen – was generell auch für die Jobsuche hilfreich ist, wenn dies produktiv ist und nicht selbstzerstörerisch.

„Für mich gilt das nicht“, ist insofern eine nachvollziehbare Reaktion als auch von vielen Seiten Hoffnung gemacht wird. Und letztendlich ist es auch so: Am Ende weiß ich als Beraterin nicht, wie leicht oder schwer etwas wirklich werden wird. Ich ahne es nur, wobei ich auf Vorwissen zurückgreife. Doch Märkte verändern sich schnell, Themen kommen und gehen. Wer hätte gedacht, dass IT-Leiter es einmal schwer haben könnten, Jobs zu finden?

Die Lösung? Sie findet sich so gut wie nie auf dem offenen Arbeitsmarkt. Ich bekomme täglich mit, wie Stellen unter der Hand vergeben werden – aber sicher nicht an Leute, die eine CEO-Bewerbung schreiben oder sich initiativ vorgestellt haben. Es sind Leute, die irgendjemand gern HABEN möchte, weil er ihn kennt. Und zwar nicht erst seit gestern. Das Prinzip ist dann auch die Lösung. Wer Schwierigkeiten hat, Jobs zu finden, muss in eine neue Richtung gehen mit der Bereitschaft, sich auf Unplanbarkeit einzulassen. Das fällt vielen schwer, die ja von Planbarkeit gepägt sind. Die wissen wollen, welcher Schritt wozu führt. Einen Schritt zu machen, dessen Auswirkung unklar ist, erfordert ein anderes Denken.

Übergeordnete Tipps:

  • Betrachten Sie Ihre Abhängigkeiten – von Geld, Status, Resonanz etc. Suchen Sie nach Un-Abhängigkeiten.
  • Legen Sie Hands-On-Themen wie Lebenslaufoptimierung etc. ad acta. Arbeiten Sie Ihre Familien- und Berufsbiografie auf. Das dauert und ist schmerzhaft. Aber es bringt ziemlich sicher Erkenntnisse über den bisherigen Weg – und das, was Ihre Identität ausmacht, wenn der Job als Identitätsstifter weg ist. Das ist dann das eigentlich Interessante.
  • Hören Sie in sich hinein. Wohin treibt es Sie – nur Sie? Was ist das, was in Ihnen wirklich gut funktioniert? Worauf können Sie mehr bauen? Im Grunde geht es um Stärkenentdeckung. Aber auf einem fortgeschrittenen Niveau, das persönliche Entwicklung mit einschließt.
  • Machen Sie sich agile Prinzipien zu eigen: Was würden Sie tun, wenn es keine Planbarkeit gebe, nur ein Leben in den nächsten 14 Tagen. Und danach bewerten Sie Ihre Erfahrung und gehen in die nächsten 14 Tage.
  • Machen Sie etwas, das nicht berechenbar ist, nur weil sie es wollen und es Sie treibt.

 Wohin kann so etwas führen?

  • Eine zweite Karriere in einem ganz anderen Bereich, mitunter unglaublich viel schlechter bezahlt, wenn Sie z.B. aus dem hohen sechsstelligen Bereich kommen. Möglicherweise gibt es am Anfang gar kein Geld. Aber, siehe Un-Abhängkeit, damit fangen neue Erfolgsgeschichten an.
  • Eine viel einfachere Tätigkeit in Bereichen, an die Sie nie gedacht hätten.
  • Teilhaberschaft etwa als Management-buy-in.
  • Betriebsübernahme.
  • Franchising.
  • Die eigene Geschäftsidee.
  • Beratertätigkeiten: Durch die Entdeckung neuer Themen erschließen sich oft auch Ansätze für Beratungstätigkeiten, gerade erfahrener Menschen.
  • Lehrtätigkeiten.
  • späte Promotionen und Professuren.