Was haben Sie in den letzten zweieinhalb Monaten gelernt, was Sie nie lernen wollten? Was haben Sie zum ersten Mal gemacht, was sie sonst nie getan hätten? Die meisten von uns sind in der Zeit des Lockdowns über sich hinausgewachsen. Viele haben sich schneller verändert als je zuvor. Und zwar ohne Tools und frei von Methoden.

Woran liegt das? Vordergründig könnte man sagen, die Angst hat bewegt. Doch das ist viel zu negativ. Es sind in Wahrheit unsere Werte, die aus der Komfortzone gezogen haben. In diesem Beitrag verbinde ich meine eigenen Erfahrungen der letzten zweieinhalb Monate mit Erkenntnissen aus der Psychologie. Dazu bekommen Sie am Ende jedes Abschnitts einen pragmatischen Tipp. Und wer bis zum Ende dabei bleibt, der wird mit einem Witz belohnt. Let´s start.

Identifizieren Sie die „Choice Points“ in Ihrem Leben

Ich habe nie geglaubt, dass ich einmal digitale Workshops über mehrere Tage halten würde. Ich hätte jedem gesagt: Das geht nicht! Es gab durchaus Online-Erfahrung: Seit Jahren halte ich Webinare, die aber eher Vorträgen mit Chatbegleitung ähnelten oder Coachingsessions per Skype. Als Workshop, also mit dem Ziel der gemeinsamen Erarbeitung von Inhalten, konnte ich mir acht Stunden am PC jedoch gar nicht vorstellen. Als Alternative zu Präsenzseminaren oder gar einer Ausbildung schon mal gar nicht.

Was hat dann doch bewegt, es zu probieren? Nach dem 16. März, dem Tag der Corona-Senats-Verordnung in Hamburg, hatten wir gefühlt keine andere Wahl, als zu handeln. Ab da durften wir unsere Veranstaltungen nicht mehr in Präsenz durchführen, eine Art Berufsverbot. Das galt dann für uns bis zum 12.5. – also zwei Monate.

„Keine andere Wahl“ – so fatalistisch habe ich es einige Male gegenüber anderen ausgedrückt.  Aber das stimmt so nicht. Natürlich hatten wir eine Wahl. Wir waren an einem „Choice Point“, einem Punkt, an dem wir absolut die Wahl hatten. Solche Wahlpunkte haben wir alle täglich sehr viele. Manche sind klein und andere groß. Einige sind mit anderen Entscheidungen verbunden, andere treffen wir nur ein Mal. Für manche Werte bauen wir uns Prinzipien.

Diese Wahlpunkte nehmen wir meist gar nicht als solche wahr. Wenn ich sage „wir hatten keine andere Wahl“, so erzähle ich mir selbst und anderen eine Geschichte, die der Alternativlosigkeit. Aber alternativlos ist selbst unter schwierigsten Bedingungen nichts. Wir haben immer die Wahl. Wir in diesem speziellen Fall hätten z.B. auch pausieren können. Es wäre möglich gewesen runterzufahren, ein Buch zu schreiben, nur noch freiberuflich zu arbeiten, Bilder zu malen, Klavier zu lernen – und unzählige Dinge mehr. Ich hätte auch „idealistisch“ sein können oder Menschen in der Krise kostenloses Coaching anbieten wie so einige aus unserer Branche. Ich habe mich nicht dafür entscheiden. Im Gegenteil ärgerte ich mich als ich hörte, dass einige bekannte Institutionen diesen Kurs fuhren. „Nicht weitsichtig“, schimpfte ich.

Auch Sie haben die Wahl. Jeden Tag mehrere tausend Mal, denn so oft entscheiden wir uns für kleine und große Dinge. Meist ohne darüber nachzudenken, ob es nicht auch eine andere Möglichkeit gäbe. Ja, diese bisweilen sogar rigide ausschließend.

Tipp 1: Werden Sie sich Ihrer Wahlpunkte bewusst

Nehmen Sie Choice Points als solche wahr. Erzählen Sie sich keine Geschichten. Erkennen Sie Wahlmöglichkeiten – selbst wenn unbeeinflussbare Dinge Ihre Freiräume einschränken. Emotionale Agilität heißt, dass Sie, dass Sie sich nicht treiben lassen, sondern tun, was Ihren Werten entspricht. Treffen Sie bewusste Entscheidungen. Machen Sie sich klar: Sie können sich jederzeit anders entscheiden können als sie es tun. Und wenn Sie bei der einen Entscheidung bleiben wollen, dann zeigen sich darin Ihre wahren Werte.  Nicht immer gefallen sie uns.

Nehmen Sie die Gefühle an, die Wahlpunkte begleiten

Ich wünsche mir von mir selbst manchmal mehr soziales Denken. Aber mein unternehmerischen Werte bestimmen mein Handeln stärker, wie ich an diesem Choice Point erkannte. Noch deutlicher wird das, wenn man Emotionen mitdenkt. Ich empfand Ärger, wenn jemand anders unternehmerische Prinzipien brach. Ich freute mich darüber, schneller am Markt zu sein. Es regt mich auf, wenn z.B. Hotels umkreativ mit dieser Situation umgehen und keine Ideen entwickeln. Sie merken? Überall Emotionen. Da sitzen die Werte. Sie sind die Blüten darauf.

Oft habe ich in diesem Blog über Emotionen geschrieben, etwa darüber, dass das Denken vor dem Fühlen kommt oder auch in meinem letzten Beitrag im April über Emotionen in der Krise. Ich habe im Teamworksblog das wunderbare Konzept von Lisa Feldtman-Barrett vorgestellt, die zeigt, dass Emotionen embodied sind, sich also im ganzen Körper verbreiten können. Dass sie entsprachlicht sind und damit auch ein Produkt von Kultur . Wenn eine Sprache kein Wort für ein Gefühl hat, gibt es dieses nicht. Gefühle sind das, was im Körper spürbar ist. Emotionen sind ihre Versprachlichung.

Die großen „Sieben“ Emotionen sind Angst, Wut, Trauer, Ekel, Scham, Interesse, Freude. Statt „Interesse“ könnte man auch „Neugier“ sagen oder „Entdeckungslust“ – was einen anderen sprachlichen Fächer aufmacht. In unseren Werten spiegeln sich immer auch Emotionen. Und zwar durchaus nicht nur die Positiven. Melancholie ist eine wunderbare Mischung aus Trauer und Freude. Ein melancholischer Mensch sollte sich nicht schuldig fühlen, die Schönheit dieses Mischgefühls akzeptieren. Emotionen können nicht falsch sein.

Tipp 2: Nehmen Sie die mit einer Entscheidung verbundenen Gefühle an

… einschließlich der, die wir als negativ interpretieren. Viele wollen Entscheidungen erst annehmen, wenn sie sich gut anfühlen, aber das ist antrainierter Quatsch. Viele Entscheidungen werden allein deshalb nie getroffen. Wenn wir Gefühle in positiv (sollen wir haben) und negativ (dürfen nicht sein) einordnen, be-werten wir sie damit. Wir entwerten Trauer, Wut, Scham. Anstatt sie einfach zu akzeptieren. Und wir fühlen uns schlecht, weil wir uns mit einer einmal getroffenen Entscheidung nicht immer gut fühlen.

Fehler als Brücken zum Lernen

Mich nerven all die Gurus, die jeden Tag motiviert aufstehen und vor lauter Glück platzen. Sie machen all denen ein schlechtes Gewissen, die so nicht empfinden oder so ehrlich sind, das zuzugeben. Und so war es auch bei mir, keine dauernde Himmelfahrt, sondern ein Up und down.

Zwischendurch war ich wütend, dann wieder traurig. Meist aber tauchte ich nach einer kurzen Down-Phase, in der ich mich immer wieder auch mal mit meinem Geschäftspartner fetzte, wieder auf.

Der Beginnt der Corona-Krise mit dem Lockdown hatte ein altbekanntes Krisne-Muster in mir aktiviert: „Jetzt erst recht“.  Das verbündete sich mit meiner Lust am Experiment und der Freude daran, Fehler zu machen. „Fehler“ sind ein Wert für mich – sie sind Brücken zum Lernen. Ein Fehler bringt Erkenntnis, diese wiederum „Aha“ und das macht Freude.

Wenn wir Werte als „Handlungsqualitäten“ definieren, können diese bei einzelnen Menschen sehr unterschiedlich sein. Jeder Mensch hat eine einzigartige Erfahrung. Jeder hat seine eigenen Bilder und Narrative. An den Wahlpunkten werden sie deutlich. Hier merkt man auch, ob sie wirkliche Handlungsqualitäten haben, also echte Werte beinhalten. Das erkennt man, wenn man sich fragt: Bin ich wirklich damit verbunden? Ist mein ganzer Körper mit diesen Werten eins?

Tipp 3: Spüren Sie Ihren Werten nach, allen Werten

Wie fühlt sie sich an? Wo sitzt sie im Körper? Emotionale Agilität bedeutet, dass wir unsere Werte wahrnehmen, spüren und auch lokalisieren können. Sie sind keine Kopfgeburten! Unser Gehirn ist mit dem Körper verwoben, alles bildet sich in diesem ab. Stoppen Sie, wenn Sie zu schnell Antworten geben. Sagen Sie „he, spür mal in dich rein.“ Echte Werte sind wie Stimmgabeln, sie klingen nach. Sie sind nicht ganz eindeutig; sie sind auch nicht ganz klar zu benennen.

Nehmen Sie auch vermeintlich negative Emotionen an

Ja, ich hatte die Wahl. Ich hätte abwarten können. Aber wir haben uns – gemeinsam übrigens, auch hier zeigt sich ein Wert – für eine Wendung entschieden. Mitten auf der Straße, sind wir umgedreht. Wir haben in einem Kraftakt unsere Angebote digitalisiert. Schon wenige Tage nach dem „Lockdown“ haben wir alle im März und April geplanten Veranstaltungen online durchgeführt. Das erste Modul mit unserer Ausbildungsgruppe war aus der heutigen Sicht noch ziemlich „analog“.  Wir waren sehr auf die Technik konzentriert. Bei Teamworks kann man unseren erleichterten „Danach-Report“ lesen, doch Danach-danach fühlt sich an, als wäre es Jahre her. Auch unsere erste Hybrid-Veranstaltung liegt inzwischen hinter uns.

Diese Woche, die letzte Maiwoche 2020, hatte ich einen Workshop „Agiles Führen und Selbstorganisation“. Da war schon viel mehr Leichtigkeit als im März… Die Technik ist mehr und mehr in den Hintergrund gerückt.

Tipp 4: Nehmen Sie Emotionen in ihrer ganzen Buntheit wahr und an.

Buntheit heißt: Inklusive der Emotionen, die wir als negativ erlernt haben. Sprechen Sie darüber. Versuchen Sie nicht etwas zu rechtfertigen oder aufzulösen. Es ist wie es ist. Das muss man nichts interpretieren oder analysieren.

Nehmen Sie dabei die Gefühle an, die wir gemeinhin gerne unterdrücken oder nicht so haben sollen. Negative Werte sind nicht negativ, sie gehören dazu. Akzeptieren Sie diese als Teil von sich.  Lösen Sie sich von Bildern, die uns andere vermitteln, Glückspropheten und Heilstheoretiker, die alle Emotionen außer Freude verneinen. Das Leben hat nicht das Ziel, dass wir alle dauer-glücklich sind.

Erzählen Sie sich selbstwirksame Geschichten

Ich bin mir in den letzten Wochen meiner eigenen Werte noch mal ganz anders bewusst geworden. Ich hatte die Wahl – aber ich habe die Krise auch als Möglichkeit angenommen, Grundlegendes zu verändern. Entwicklung ist mein Lebensthema, der nächste Wert. Schon als Kind war ich ein „Phönix aus der Asche“. Diese Geschichte erzähle ich mir  jedenfalls. Ob sie wahr ist? Sie muss nur für Sie wahr sein. Sie entscheiden, wie Sie die Dinge deuten. Und in der Neudeutung liegt viel Potenzial.

Werte werden deutlich an den Geschichten, die man sich selbst erzählt. Sind Sie auch hilfreich? Hilfreich sind jene, in denen man nicht „ausgeliefert“ ist, sondern Gestalter des Lebens.

In vielen Geschichten erkennt man Verstrickungen. Die Stellen, die einen begrenzen und reduzieren. „Ich bin einfach nicht gut in Mathe. Schon in der Schule fiel das auf,“ ist so eine Geschichte, die man auch „Mindfuck“ nennen könnte. Was glauben Sie, wieviel Rechenfehler ich allein aufgrund dieses Glaubens produziert habe?

Tipp 5: Fahnden Sie nach Geschichten, die die eigene Selbstwirksamkeit zeigen

So gilt es, die schädlichen Narrative zu enttarnen. Das sind alle Selbsterzählungen, die davon handeln, dass etwas „noch nie“ ging und „schon immer so war“. Lösen Sie sich von Dingen, in denen Sie verwoben und verwickelt sind, die Amerikaner nennen das „hooked“, was auch süchtig heißt. Wir können uns davon kaum lösen; es hat Besitz von uns ergriffen. Der wichtigste Schritt ist, sie überhaupt zu erkennen und den damit verbundenen Choice Point zu sehen. Dabei hilft ein Trick: Sprechen Sie über sich selbst in der dritten Person. Dadurch distanzieren Sie sich. Oder lassen Sie andere über sich sprechen, etwa in einem reflecting Team. Sie entscheiden, was Sie annehmen.

Emotionale Agilität: Lösen Sie eigene Fesseln

Ich will Ihnen ein alten Witz erzählen. Man findet ihn unterschiedlich wiedergegeben an verschiedenen Stellen im Internet. Einige sagen, er stamme aus dem Krieg und spielte sich zwischen dem Flugzeugträger „USS Lincoln“ und der spanischen Küstenwache ab. Andere wählen einen anderen Zusammenhang. In dem Witz navigiert der Kapitän sein Kriegsschiff im Nebel und sieht vor sich ein Licht wie von einem anderen Schiff.

  • Kapitän: „Bitte verändern Sie sofort Ihren Kurs um 15 Grad nach Süden, um eine Kollision mit uns zu verhindern.“
  • Antwort über Funk: „Das ist leider nicht machbar, weichen Sie aus!“
  • Kapitän: „Hier spricht Kommandant Richard James Howard von der USS Lincoln. Uns begleiten 2 Flugzeugträger, 4 U-Boote und mehrere Schiffe. Weichen Sie jetzt sofort aus!“
  • Antwort über Funk: „Uns begleiten ein Hund, zwei Katzen und mehrere Bierdosen. Wir werden nicht wenden. Wir sitzen auf einem Leuchtturm.“

Die amerikanische Psychologin Susan David beschreibt die Kriegsschiff-Leuchtturm-Szene in ihrem Buch „Emotional Agility“. Der Kapitän verkörpert den Pol der „Rigidität“. Er ist so überzeugt, den richtigen Kurs eingeschlagen zu haben, dass er blind für alles andere ist. Davids Buch ist auch eine wunderbare Beschreibung der wesentlichen Stellschrauben für jede Veränderung aus Sicht der Psychologie:

  • Ein growth Mindset, also die Überzeugung sich selbst jederzeit entwickeln zu können.
  • Ein konstruktivistisches Bewusstsein, also der Glauben daran, dass Wirklichkeit nicht ist, sondern gemacht wird.
  • Achtsamkeit, also die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Gegenwartswahrnehmung.
  • Defusion, also das Vermögen, sich selbst von Gedanken und Gefühlen zu lösen.
  • Die Einbeziehung des Körpers in die Selbstwahrnehmung.
  • Werteorientierung, also das Verständnis von Werten als Handlungsqualitäten, die dem Leben Sinn und Richtung geben.

Wer darüber mehr wissen will, dem empfehle ich meinen Kurs Psychologie der Veränderung.

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