Sind Sie authentisch? Sicher nicken Sie. Würde man eine Umfrage machen, wahrscheinlich hielte sich die Mehrzahl der Menschen für authentisch. Führungskräfte ganz besonders. Bestimmt findet sich auch Sepp Blatter authentisch, jede Wette. Doch authentisch – was ist das überhaupt?

Sie sind wie Sie sind. Sind Sie?

Für die meisten Menschen bedeutet authentisch zu sein, dass man sich gibt, wie man ist. Wenn ich also keine Lust habe, jemanden auf der Straße zu grüßen, dann lasse ich es eben! Das wäre die konsequente Auslegung. Lauter Muffelköpfe würden über die Straßen ziehen und die wenigen Natur-Optimisten (für Insider: Herzlichkeit als Subfacette von Extraversion) würden wahrscheinlich ihr letztes Dopamin verspielen, davon haben sie nämlich sowieso mehr. Ach… so authentisch dann doch nicht?

Schauen wir mal ins Büro: Wir weniger Dopamin-verwöhnten, Sachorientiert-Authentischen würden uns alle unverblümt die Meinung sagen. Bin ich authentisch, dann kann ich mir nicht verkneifen, dass X einfach vollkommen daneben liegt mit seiner Meinung. Das muss man ja wohl sagen. Als Führungskraft sage ich dann auch meinen Mitarbeitern unverblümt, was ich denke: über die „da oben“ sowieso. Und schon haben wir ein recht häufiges Problem. Diese authentischen Führungskräfte sind bei Mitarbeitern beliebt, für die Führung aber eigentlich nicht zu gebrauchen. Schließlich bekommen sie ein Gehalt vom Unternehmen, nicht von den Kollegen oder gar den Untergebenen.

Sagen, was ich denke. Ist das authentisch?

Überhaupt ist das die Krux an diesem Authentizismus im Sinne von „sein wie ich bin, sagen, was ich denke“. Er ist manchmal gut, und manchmal nicht. Authentisch-kritische Leute würden im Milgram-Experiment – das ist das mit den Stromschlägen, hier auf unserer Teamvideoseite mehr – möglicherweise nicht gehorchen, weil sie eher unabhängig im Denken sind. Die, die gehorchen, sind aber auch authentisch, allerdings andersherum. In dieser Situation ist genau das eben nicht Okay. Ich will beides gar nicht bewerten. Aber vielleicht verstehen Sie jetzt, dass authentisch ganz schön viele Seiten hat. Mein Beispiel zeigt: Für jede Führungsperson und natürlich auch für alle anderen, ist es sinnvoll, manchmal unauthentisch zu sein, ergo nicht so zu sein und zu handeln, wie man normalerweise handeln würde, weil es zu einem passt.

Ist ein Niederländer authentischer als ein Russe?

Lassen Sie uns in eine Führungssituation gehen, bei der es nicht darum geht, die Welt vor dem Bösen zu retten, sondern die Menschen zu Innovation und Leistung zu motivieren. Angenommen, die dafür zuständige Führungsperson hat schlechte Laune, Kummer mit dem Ehepartner und glaubt auch nicht wirklich an den Projekterfolg. Im gängigen Verständnis von Authentizität würde sie das durchblicken lassen müssen. Man ist authentisch und sagt, was man denkt. Im Zweifel gibt man auch die eigenen Zweifel über die Richtigkeit der Unternehmensstrategie und den Kurs des Unternehmens ungefiltert weiter. Nicht wenige lassen sich auch über Kollegen Teamleiter und Bereichsfürsten aus. Auch das halten sie für authentisch. Und erst die Kollegen in den anderen Ländern! Keine Ahnung haben die, davon eine Menge. Indem man all das durchblicken lässt, macht man sich wiederum beliebt bei den eigenen Mitarbeitern; in Wahrheit ist man eine schwache Führungskraft. Wer die Strategien seines Arbeitgebers nicht tragen kann, muss gehen. Konsequent sien ist wirklich und im positiven Sinn authentisch, nämlich im Sinne von glaubwürdig.

„Authentizität ist unbrauchbar“, sagte ich im Interview mit ChangeX, bevor ich las, dass das Thema auch schon Wissenschaftler beschäftigt hat. Im Harvard Business Manager habe ich eine Bestätigung für meine These bekommen, dass der Ruf nach Authentizität auch schadet. Hier lag der Fokus auf Authentizität im internationalen Kontext. Ein authentischer niederländischer Manager hatte in Russland erhebliche Probleme, weil dort das kooperationsorientierte niederländische Teamgedöns als unauthentisch empfunden wird. Authentizität im interkulturellen Kontext ist ein ganz schön verflixtes Ding. Siehe Blatter und seine Schergen. Aber in FIFA-Dimensionen muss man gar nicht denken: Ein schlicht Klartext sprechender deutscher Manager hat schon ein Problem in Indien, wo Klartext eine Beleidigung ist, wie wir nächste Woche im Interview mit einem ehemaligen Indien-Manager erfahren werden.

Im Duden haben ich diese Definition für „authentisch“ gefunden: „Echt, den Tatsachen entsprechend und daher glaubwürdig.“ Nur, was sind Tatsachen, wenn sich jeder seine Welt selbst konstruiert? Es gibt keine Tatsachen, nur individuelle Wirklichkeit. Und in dieser heißt Authentisch-sein manchmal auch sein wie ich bin, aber handeln wie ich aufgrund von X-Standards muss. Die X-Standards sind beliebig ersetzbar, dort könnten zum Beispiel ethische Standards stehen. Allein, wer die für sich definieren kann, ist schon authentisch. Dann muss man gar nicht in jeder Situation sein wie man ist. Und dann macht Authentizität wieder Sinn. Dann ist sie nämlich auch glaubwürdig.Authentizitt- Unglaubwrdigkeit