(aktualisiert 2/2021)

Go gilt als das Schach Asiens. Es ist nur noch viel komplexer. Nachdem der Weltranglistenerste in dieser Disziplin, der Chinese Ke Jie 2017 drei Mal hintereinander gegen den von Google entwickelten Computer AlphaGo und Nachfolger AlphaGo Zero verlor, gab er ein Interview, das bei Youtube mit englischen Untertiteln zu finden ist. In diesem bezeichnete er AlphaGo als eine Art „Gott“. Sich selbst definiert er im Angesicht dieser maschinellen Herrlichkeit. „I think I need some time to figure out the situation. I had never doubted myself. I used to think I was the strongest and most cogitative”.

In diesem Satz steckt psychologischer Sprengstoff, da er zweierlei ausdrückt:

  1. eine tiefe narzisstische Kränkung, gekennzeichnet durch einen Schock nach vorheriger Selbstüberhöhung
  2. eine fatale Verwechslung: das „Ich“ ist nicht der Mensch, sondern eine Rechenmaschine die mit der KI Schritt halten muss

Schritt halten mit KI?

Beginnen wir mit 2. Wie kann es sein, dass sich ein Mensch mit einem Computer vergleicht und diesen göttlich erhöht? Nur durch ein Missverständnis, eine Fehlbewertung dessen, was Computer leisten können. Sie sind nur so schlau, wie die jeweilige Wissenschaft derer sie sich bedienen.

So lernen Computer die aus den 1970er Jahren stammende und nicht mehr ganz taufrische Theorie des Facial Action Coding Systems (FACS) von Paul Ekman. Danach gibt es universelle Gefühle, die sich in Gesichtern ablesen lassen. Ekman codierte 44 elementare Grundbewegungen, so genannte Action Units. Sie sollten angeblich alles zeigen, was sich in Gesichtern abspielt. Die “Emotion Economy” mit Firmen wie Affectiva oder Realeyes versprechen sich dadurch Riesengeschäfte. Doch Kritiker sagen, dass greife viel zu kurz. Die Forschungen etwa von Lisa Feldtman-Barret weisen ebenso in eine andere Richtung: Die Sache ist deutlich komplexer.

Den Begriff Künstliche Intelligenz hat der Informatiker und Autor John McCarthy in den 1950er-Jahren geprägt. Er verstand darunter, dass Maschinen Aufgaben übernehmen, die charakteristisch für menschliche Intelligenz sind, also beispielsweise eigenständig Probleme lösen. Man unterscheidet heute schwache und starke KI: Schwache KI löst abgegrenzte Aufgaben oder aber eine überschaubare Zahl von Routinen. Sie kann sich exponentiell beschleunigen, also unendlich wachsen – in dem begrenzten Gebiet, in dem sie tätig wird.

„Starke KI“ würde die menschliche Intelligenz nachbilden können. Davon sind wir immer noch und wohl auf absehbare Zeit von mehreren Jahrzehnten entfernt. Bei der schwachen KI kommt das maschinelle Lernen ins Spiel, das als die Fähigkeit eines Algorithmus definiert ist, selbst hinzuzulernen – in diese Kategorie fällt AlphaGo.

Göttliche Rechenfähigkeit oder menschliche Empathie?

AlphaGo als Gott zu bezeichnen ist vor diesem Hintergrund besonders erschreckend. Denn es stellt sich die Frage, welche Fähigkeit der Chinese denn als göttlich empfindet. Offensichtlich die Rechenkapazität, die er mit Denkkapazität gleichsetzt. Doch beim Menschen kommt das Fühlen vor dem Denken. Er ist also ganz anders “konzipiert”. Jedoch lässt sich aus Aussagen wie diesen schließen, dass die menschliche Empathiefähigkeit und Kreativität in den Augen des Chinesen weniger wert zu sein scheint. Also die eigentliche Expertise des Menschen, der nicht nur von daher mehr Tier ist als Maschine.

Das Interview ist ein Zeit-Zeichen. Jie spricht genau das aus, was ich als größte Herausforderung in der aktuellen Experten-Arbeitswelt empfinde: Die gesunde und nicht wettbewerbsorientierte oder gar angstbesetzte Neupositionierung der menschlichen Arbeitskraft neben der künstlichen Intelligenz. Das ist für mich New Work – nicht etwa Personalmarketing oder Ponyhof-Zusammenarbeit.

Auch in den Unternehmen stellen sich zahlreiche Fach-  und Führungskräfte nicht in Frage, ein Teil hält sich, wenn nicht für klug, dann doch für unersetzlich. Nicht wenige haben sich noch nie in Frage gestellt haben und sich stattdessen über Fachwissen oder Führungskompetenz definiert. Sie wissen gar nicht dass sie fühlend denken oder denkend fühlen.

Sie waren oder sind ihre berufliche Position. Ohne diese fühlen sie sich als Nichtse.

Künftiger Massenmarkt Emotionale und ethische Bildung

Identität wurde damit an etwas geknüpft ist, das von der „schwachen“ künstlichen Intelligenz mehr und mehr übernommen wird. Worin man aus anderem Blickwinkel eben auch eine Chance sehen könnte. Identität könnte dann wieder über menschliche Eigenschaften erfolgen. Wir würden uns nicht als Konkurrenten der Computer verstehen und diese im übertragenen Sinn im „richtigen Schach“ halten. Neue Aufgaben – nicht unbedingt Jobs – gäbe es genug, allein durch die immer größer werdenden ethischen Fragestellungen und die Notwendigkeit der emotionalen Bildung wird niemand beschäftigungslos sein.

Damit wir nicht in die Go-Falle gehen, bräuchten wir selbsttranszendente Menschen, also Menschen, die mehr sind als sie selbst. Der Begriff Selbsttranszendenz kommt ursprünglich vom Arzt Viktor Frankl, der in seinem Weltbestseller „Trotzdem ja zum Leben sagen“ zeigte, was Menschen wirklich ausmacht, wenn sie nichts mehr haben außer sich selbst.

Selbsttranszendenz als verlernte Charaktereigenschaft

Laut des amerikanischen Psychiaters Robert Cloninger ist Selbsttranszendenz das, was Freiheit und zugleich Richtung im Leben gibt. Es ist unwahrscheinlich, das selbsttranszendente Menschen eine so tiefe Verstörung erleben können wie Ke Jie. Sie definieren sich nicht über ihre Abgrenzung durch besonders viel Wissen, sondern suchen danach wirksam für sich und andere zu sein.

Für Cloninger ist Selbsttranszendenz eines von drei Merkmalen, die den Charakter eines Menschen ausmachen. Dieser sei das, was der Mensch aus sich macht – im Unterschied zu seiner angelegten Körperchemie, die Cloninger als Temperament bezeichnet. Selbsttranszendenz beinhaltet Selbstvergessenheit, transpersonale Identifikation und spirituelle Akzeptanz. Letzteres bedeutet nicht unbedingt den Glauben an einen Gott, sondern dass man sich als Teil der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit sehen kann. Neben der Selbsttranszendenz gehört für Cloninger auch Kooperativität und Selbstlenkungsfähigkeit zum Charakter.

Idealismus als Folge von Selbsttranszendenz

Bei einer hohen Ausprägung der Dimension Selbsttranszendenz entwickelt und zeigt sich ein fantasievoller, idealistischer Mensch. Cloningers Persönlichkeitsbild passt in die Weltsicht der Aufklärung und trägt einen zutiefst humanistischen Kern in sich.

Er geht davon aus: Wir können uns entscheiden, die Welt als guten Ort zu betrachten und an der Wendung zum Guten zu arbeiten. Diese Sicht erklärt, warum Kinder so vorbehaltlos helfen und wir in Krisensituationen – siehe Frankl – zutiefst menschlich werden können (aber nicht müssen). Und es erklärt, was uns nachhaltig von maschineller Intelligenz unterscheidet, die mit Göttlichkeit m Sinne Jies wirklich gar nichts zu tun hat.

Narzisstische Kränkung – und wie geht es weiter?

Es wäre interessant zu beobachten, was mit Ke Jie in den nächsten Jahren passiert. Es könnte sein, dass er aufgrund seiner traumatischen Niederlage eine Kehrtwende macht, genau dieses Menschliche bei sich entdeckt. Ist jede Entwicklung der Persönlichkeit auch Folge einer vorherigen Irritation. Liegt unter dem Panzer der sozialisierten Identität doch oft auch noch das Ursprünglche, Natürliche, Kindliche.

Was Jie erlebt hat, ließe sich aber auch als narzisstische Kränkung bezeichnen, womit wir bei Punkt 1 angelangt sind.

Der Mann ist zutiefst in seinem Selbstbild erschüttert. Er sieht den eigenen Spiegel nicht mehr. Sucht er einen neuen Spiegel? Oder sucht er die Selbsterkenntnis in anderen? Das ist der Unterschied – und der zweite Weg ist der zu Selbsttranszendenz.

In dieser Arbeitswelt wird sich das Schicksal Ke Jies millionenfach wiederholen, wenn man so will also eine narzisstische Kränkung auf gesellschaftlichem Level. Die Pandemie, die wir aktuell erleben, beschleunigt nur die Tendenzen, die ohnehin da waren. Roboter werden nicht krank, das sieht man jetzt umso mehr.

Alle, die sich über computerähnliche Intelligenz im eigenen Menschsein definiert haben, werden Mühe haben, ein adäquates Spiegelbild in einer künftigen Welt zu finden. Diese Kränkung führt bei einigen zu dem Wunsch, selbst Gott in einem anderen Sinn als bei Jie zu werden, nämlich Gott der Unsterblichkeit – das beschreibt das Bild des Homo deus nach Yuval Noah Harari. Das Hologram meiner Lieben, dem ich nach dem Tod begegne? Die computergeschaffene Kopie des Genies, das nun ewig lebt?

Wenn sich nicht mehr jeder in sich selbst spiegelt, ist die Zukunft eine Befreiung

Doch genügend andere werden nicht nach Unsterblichkeit, sondern nach Verbundenheit und damit nach Selbsttranszendenz streben, weil diese glücklicher macht – und Gottsein-Wollen am Ende einsam. Sie werden ihre Talente nutzen und aufrütteln, auch wenn sie gerade jetzt enorme Grenzen erleben, Feindseligkeit und Spaltung. Sie werden dennoch Macht und Einfluss auf ihre Weise für eine Welt nutzen, in der nicht mehr jeder sich selbst spiegelt.

Viele Denker haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Menschen einen freien Willen haben oder nicht. Es ist eine müßige Frage: Sie haben ihn, und sie haben ihn nicht. Sie haben ihn dann, wenn sie jetzt und heute zwischen Möglichkeiten zu Werden entscheiden. Und sie haben ihn nicht, weil sie geprägt sind durch ihre und unsere Geschichte und Biologie – und den naturalistisch geprägten Glauben an eigene Begrenzungen.

Revival der Geisteswissenschaften

In den vergangenen Jahrzehnten herrschte eine naturalistische Sicht auf die Welt vor, die Pandemie rückt diese wieder in den Vordergrund. Wichtig ist, was Naturwissenschaftler sagen – siehe Leuphana.

Die Geisteswissenschaften erklären – doch als Erklärwissenschaften verloren sie kontinuierlich an Ruf, vor allem aufgrund ihrer gering scheinenden wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Immer noch müssen sich Geistes-und Sozialwissenschaftler rechtfertigen, das Bild vom taxifahrenden Soziologen ist geradezu einzementiert in unseren Köpfen.

Doch geht es in Zukunft nicht mehr um die Art wirtschaftlicher Verwertbarkeit der vergangenen Jahre, sondern um Verwertbarkeit im Sinne einer Zukunftsgestaltung. Und Zukunftsgestaltung ist stets sprachlich, stets erklärungsbasiert, die Domäne der Geisteswissenschaften, die Narrative schafft. Ich möchte es in Analogie an die Bibel sagen: „Und Gott erschuf den Menschen und dieser die Sprache und damit seine Welt“. Und nein, ich bin weit entfernt davon, ein bibeltreuer Mensch zu sein. Doch etwas christliche Demut erscheint mir im Angesicht von Aussagen wie der von Jie mehr als angebracht.

Verbindung statt Trennung

Es geht sowieso nicht mehr um die Trennung von Disziplinen, sondern um deren Verbindung. Die Naturwissenschaften verstehen, die Geisteswissenschaften erklären – warum ist das eine besser als das andere? Wieso muss man sich überhaupt für die eine oder andere Sicht entscheiden? Eine Sowohl-als-auch-Logik ist auch eine Und-und-Logik des Verbindens. Ich glaube deshalb, dass die Digitalisierung ein Revival der Geisteswissenschaften auf einem anderen Level zu Folge haben muss.

Hoffentlich geht es schnell und schnell genug, um einen Wandel einzuleiten, der die Zukunft zum Besseren wendet oder besser gesagt, das Schlimmste vermeiden hilft. Mit dem Computer als Werkzeug und nicht als göttliches Vorbild.

Was das für das Denken und Fühlen praktisch bedeutet beschreibe ich in meinem Buch „Mindshift“.

Beitragsbild: Shutterstock – Jonathan Lingel