Ein großer Teil der Coaching-Industrie basiert auf einem unerschütterlichen Glauben an Ziele. Ziele sind wie Gott, man opfert sich auf, um sie zu erreichen. Business Coaching ist auch Zielerreichungscoaching. Es gibt Karriereziele, Lebensziele, Erfolgsziele und allerlei Zielerlei mehr. Ziele sind ein Wirtschaftsfaktor: So lange es Ziele gibt, arbeiten alle still darauf hin. Man konzentriert sich darauf, diese zu erreichen. Und wer seine Aufmerksamkeit auf das eine richtet, sieht das andere nicht mehr. Das ist auch ein therapeutisches Mittel: Die Aufmerksamkeit von etwas ablenken.

Ich gebe dem Coaching eine erhebliche Mitschuld an dieser Ziel-Fokussierung. Wenn mir noch mal einer mit SMART kommt, jage ich ihn vom Hof. Ich selbst habe oft Ziele erreicht, ohne welche zu haben. Ich bin keineswegs zielfrei, aber gerade in den letzten Jahren habe ich mich anstatt von Zielen immer mehr von Bedürfnissen und Prinzipien leiten lassen. Ich begegne oft Leuten, die Zweifel am Zielorientierungs-Dogma haben. Die meisten trauen sich nicht darüber zu sprechen. Sind sie als Coach oder Berater tätig, verheimlichen sie ihre Zweifel. Nicht nur einmal habe ich gehört „dir kann man es sagen, du bist das anders, aber in meinem Verband traue ich mich das nicht.“ Gerade deshalb ist es Zeit, einmal darüber zu sprechen.

Ich bin mal frech und behaupte: Ziele sind nützlich für Leute, die einen in ein Korsett zwingen wollen. Wer sich auf seine Ziele konzentriert, hat keine Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Das ganze Ziel-Übel in der Coaching-Szene begann mit der Zielsetzungstheorie, die Locke & Latham 1990 veröffentlichten. Danach drang das „smarte“ Elend in der Trainerszene und erfasste auch das Coaching. Ich will gar nicht sagen, dass Ziele per se schlecht sind – je klarer und eindeutiger auf das Ziel gerichtet unser Streben ist, desto eher erreichen wir es. Lieber kein Plan B, sondern nur A – dann kommen wir an. Das ist nachgewiesen. Aber ist es deshalb gut Pläne zu haben? Manchmal sicher, aber nicht immer.

Eine Frage wird bei dem ganzen Zielerreichungsstreben vergessen: Verfolgen wir wirklich die richtigen Ziele? Verfolgen wir wirklich unsere Ziele? Wie viel von uns selbst steckt wirklich in unseren Zielen? Oder sind es vielmehr oft nicht gesellschaftliche Erwartungen und der Wunsch nach Zugehörigkeit, die uns zu Zielen treiben?

Ich will meine Gedanken in 5 Punkten ordnen, die die „dunkle Seite“ der Zielorientierung vielleicht auch dem ein oder anderen Zielüberzeugten deutlich machen:

1. Wenn Du ein Ziel verfolgt, bist du nicht im Moment

Erinnern Sie sich an Beppo Straßenkehrer aus Momo? „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.“

Ziele überlagern den Moment, sie können ihn sogar zerstören. Ziele sind zukunftsorientiert. Wer an die Zukunft denkt, vernachlässigt die Gegenwart. Ziele gefährden das Innehalten, das spüren, berühren, entdecken und sich entwickeln lassen. Die andere Seite des Ziels ist das Treiben lassen. Während sich das Ziel mit der Zukunft verbündet, ist das Treibenlassen in der Gegenwart. Im beruflichen Kontext fördert Treibenlassen das Entdecken, Erkunden, Experimentieren, das sich einlassen auf andere.

Ich muss hier an ein Zitat von Heinrich von Förster denke, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“. Ziele werden oft als Wahrheit ausgegeben. Wer jedoch dialektisch denkt, kann etwas nie ohne sein Gegenteil verstehen.

2. Während du ein Ziel verfolgst, verpasst du Chancen

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schönen Plan, auf den Sie sich voll und ganz konzentrieren. Sie denken Tag und Nacht daran, ihre Gedanken sind fokussiert. Doch was passiert um sie herum? Ziele können wie eine Gehirnwäsche sein, sie gaukeln Klarheit vor. Sie merken immer weniger. Je mehr sie ihrem tollen Karriereziel, ihrem Lebenstraum oder der Berufung hinterherlaufen, desto weniger sehen Sie Möglichkeiten, die es sonst noch gäbe.

Menschen haben Angst vor Möglichkeiten. Möglichkeiten verlangen Entscheidungen. Je mehr Möglichkeiten, desto mehr muss man in sich selbst hineinhorchen, bei sich ankommen, sich spüren. Das wollen viele nicht, das können viele nicht. Sie suchen nach Lösungen, möglichst einfach sollen sie sein. Möglichst vom Denken und sich-selbst-spüren befreien. Dabei ist gerade das der Schlüssel zur Zufriedenheit, das sich-selbst-spüren. Nur gibt es für den Weg dahin kein Rezept.

Wer auf Ziele verzichten kann, muss sich frei gemacht haben von den Erwartungen anderer und muss angekommen sein bei sich selbst. Er muss seine Bedürfnisse spüren können, denn nur aus ihnen heraus können Richtungen entstehen. Richtungen sind oft viel interessanter als Ziele, weil sie ihre Voraussetzung sind. Man könnte sogar soweit gehen zu sagen: Erst aus der inneren Richtung ergibt sich ein Ziel. Die rechte Hand der Richtung ist das Prinzip. Prinzipien können einen auf eine viel gesündere Weise leiten als Ziele, vor allem wenn es übergeordnete Lebensprinzipien sind wie „ich schaue mir alles Neue offen an“.

3. Wenn du dein Ziel krampfhaft verfolgst, wirst du krank

Seitdem ich mit der Ich-Entwicklung arbeite, gehen mir immer mehr Lichter auf. Vor allem Menschen in der eigenbestimmten Stufe E6 sind „Zielmenschen“. Sie wollen etwas eigenes erreichen, sei es Berufung oder Karriereziel. Sie fühlen sich auch selbst verantwortlich dafür, weil sie es als ihre Ziele ansehen. Das führt oft zu starkem Druck, der sich nicht selten sogar körperlich auswirkt. Hier zu fragen „verfolgst du überhaupt die richtigen Ziele“? kann sehr erleichtern. Die Lösung kann darin liegen, Ziele loszulassen, die Zielorientierung aufzulösen und sei es nur vorübergehend, um sich zu finden. Jedes Gewicht braucht ein Gegengewicht.

4. Ziele können dir die Sinne vernebeln

Ja, das ist sicher eine steile These. Aber wenn ich mir ansehe wie eindimensional und stupide Zielorientierung oft gelebt wird, beschleicht mich der Verdacht. Mit simplen Motivationsparolen à la „du musst nur wollen“ werden Leute auf ihre eigenen Ziele angesetzt. Anstatt sich mal damit zu beschäftigen, warum man seine Ziele nicht anpackt? Dann müsste man tiefer tauchen und käme vermutlich bald an bei einem ganz entscheidenden Punkt: Die Ziele sind nicht wirklich die eigenen, sondern es sind introjizierte Ziele. Sie kommen aus alten Glaubenssätzen oder neuem Dazugehörigkeitsstreben, aber nicht aus mir selbst. Denn, davon bin ich fest überzeugt: Würden sie aus dem tiefen Innern kommen, so würde man sie verfolgen!  Diese ganze Ziel- geht meiner Meinung nach einher mit einer viel zu sklavischen Lösungsorientierung. Man soll möglichst nicht über sich nachdenken, sondern einfach machen. Aber wer nicht mit sich im Reinen ist und nach dem einen einfach das nächste Ziel sucht, verdeckt letztendlich nur – und verschiebt die Auseinandersetzung mit sich selbst.

5. Ziele machen dich unaufmerksam

Ziele können der Menschlichkeit im Wege stehen, vor allem wenn sie den Kopf für alles andere leeren und alle Sinne in Beschlag nehmen. Das Ziel im Kopf rannte ich los. Ich übersah den Rollstuhlfahrer, der meine Hilfe beim Übergang auf den Bahnsteig gebraucht hätte, ich schlug der älteren Dame die Tür vor der Nase zu und ich habe wertvolle Gespräche abgebrochen, weil ich noch etwas vermeintlich Wichtiges zu tun habe. Etwas, das meinem Ziel dient. Das tut mir leid, es hat mir Möglichkeiten genommen.

Damit wären wir im Grunde wieder bei Punkt eins und zwei. Ziele nehmen uns den Moment, die Achtsamkeit (1). Und Ziele verbauen uns Möglichkeiten. Wenn alles im Gleichgewicht sein soll, so ist es das Gleichgewicht zwischen Ziel und Treibenlassen, Zukunft und Gegenwart, engem und breiten Aufmerksamkeits-Fokus und aus der Balance geraten. Vielleicht gar nicht so sehr in unserem Handeln, aber in unserem Denken.

Was meinen Sie? Ist es Zeit für das Ende der Zielorientierung?